Bensheim

AKG Suchtprävention mit Professor Thomas Rechlin, dem Chefarzt der Vitos-Klinik in Heppenheim

Drogen beuten das Gehirn aus

Archivartikel

Bensheim.Seit sieben Jahren ist Prof. Dr. Thomas Rechlin, Chefarzt der Vitos-Klinik in Heppenheim, als Referent im Rahmen der Suchtprävention Gast am AKG. Auch dieses Jahr fanden Workshops zum Thema „Abhängigkeitserkrankungen“ statt. Im ersten Teil des Workshops referierte Rechlin über die Entstehung und Prävention sowie Ergebnisse der Hirnforschung bezüglich der Wirkweise diverser Drogen.

Er eröffnete die Veranstaltung mit „zwei guten Nachrichten“. Die erste gute Nachricht ist, dass kein Mensch süchtig werden muss und die zweite, dass alle Formen der stofflichen und nichtstofflichen Süchte heilbar sind. Es ist keine Frage des Schicksals, im Unterschied zu anderen schweren Krankheiten, ob ein Mensch erkrankt. Viele Faktoren können schon im Vorfeld helfen, Süchten vorzubeugen.

Soziale Kontakte pflegen

Hier wies Rechlin auf die Fähigkeit des Menschen hin, soziale Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. Das Sprechen mit anderen Menschen ist meist hilfreicher und heilsamer, als die Sorgen und Unlustgefühle mithilfe von Drogen zu betäuben, da diese „Erleichterung“ nur von kurzer Dauer ist, der Dialog mit einem vertrauten Menschen jedoch zu einer nachhaltigen führen kann. Er unterstrich seine Ausführungen mit einem Zitat von Martin Buber: „Alles Wirkliche im Leben ist Begegnung“.

Die zweite Nachricht – „Sucht ist heilbar“ – bewies Rechlin anhand der Funktionsweise von Abhängigkeitsmechanismen. Mithilfe zahlreicher Therapiemethoden können dem Suchtkranken Wege gezeigt werden, eigene Ressourcen zu stärken, Spannungszustände durch Anwendung von Entspannungstechniken, psychische Belastungen mittels Stärkung der Resilienz (des seelischen Immunsystems) zu meistern und fachärztliche Begleitung bei Entzug und Entwöhnung zu nutzen.

Ausflug in die Hirnforschung

Der Ausflug in die Hirnforschung war für die Zuhörer alles andere als graue Theorie. Rechlins Begeisterung für das Wunder Gehirn („Es gibt mehr Nervenzellen in jedem Gehirn als sichtbare Sterne am Himmel“) und die neuen technischen Möglichkeiten, „dem Gehirn beim Arbeiten zuzusehen“, übertrug sich auf das Auditorium. Die Schüler lernten die Auswirkung von Drogen auf das Belohnungszentrum des Gehirns vor allem auf das dopaminerge System kennen.

Während angenehme Handlungen wie Essen und Sexualität zu einer von Natur aus gesunden Dopamin-Ausschüttung von maximal 100 Prozent führen und somit nicht gesundheitsschädlich, sondern die Gesundheit fördernd sind, so beuten Drogen das System so sehr aus (Beispiel Metamphetamin: 1000 Prozent), dass im Anschluss kein Dopamin mehr zur Verfügung steht, im schlimmsten Falle Nervenzellen absterben, das Gehirn irreversibel geschädigt ist.

Die Euphorie und das trügerische gute Gefühl ist nur von kurzer Dauer und der Körper verlangt nach mehr. Der Teufelskreis der Sucht entsteht, an dessen Ende zahlreiche lebensgefährliche Erkrankungen, nicht selten der soziale Abstieg, familiäre Zerwürfnisse und Einsamkeit stehen. Rechlin flocht ein, dass auch übermäßiger Internetkonsum und Smartphone-Nutzung einige schwerwiegende Auswirkungen haben können so wie stoffliche Süchte. Dieser Bereich sei von der Wissenschaft noch nicht ausreichend erforscht, jedoch ist die Internetsucht bereits als Krankheit anerkannt.

Als Kinder in die Abhängigkeit

Im zweiten Teil des Workshops wurde aus der Theorie lebendige Realität. Zwei betroffene Suchtkranke, die zurzeit in der Vitos-Klinik einen Entzug machen, berichteten von ihrem Leben. Eindrücklich schilderten sie ihr Kindheit und Jugend, den Einstieg in die Abhängigkeit, ihr Leugnen der Sucht, ihr berufliches, soziales und familiäres Scheitern sowie ihren Entschluss, auszusteigen und sich Hilfe zu holen.

So konzentriert und interessiert die Schüler während des theoretischen Teils des Workshops bereits waren, so betroffen und gefühlsmäßig involviert waren sie während der Interviews mit den Patienten, so dass man die berühmte Stecknadel hätte fallen hören können.

Die Jugendlichen bedankten sich mit langanhaltendem Applaus bei den Betroffenen für ihren Mut und ihre Offenheit sowie bei Professor Rechlin für seinen mitreißenden Vortrag. red

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