Bensheim

Goethe-Gymnasium Beim jüngsten Diwan-Gespräch ging es um das Ende des Ersten Weltkriegs und die Ausrufung der Republik in Deutschland

Ein Gedenktag mit Licht und Schatten

Bensheim.Der November ist für die Geschichte Deutschlands ein in vielerlei Hinsicht schicksalsreicher Monat. Wenn aber heute vom 9. November die Rede ist, dann wird in erster Linie an die Pogromnacht gedacht, in der vor 80 Jahren die Synagogen brannten, jüdische Geschäfte und Wohnungen verwüstet und Tausende Juden misshandelt, verhaftet oder getötet wurden.

Doch 20 Jahre zuvor war es am gleichen Datum in Deutschland zu einem Ereignis von epochaler Bedeutung für das Land gekommen: das Ende der Monarchie und die Ausrufung der ersten deutschen Republik. Dieser Aufbruch in die Demokratie war allerdings nur von kurzer Dauer und mündete in den dunkelsten Abschnitt deutscher Geschichte.

Somit ist der 9. November für die deutsche Nation mit Licht und Schatten verbunden. Mit dieser Zwiespältigkeit und diesen gemischten Gefühlen in Verbindung mit den Ereignissen vor 100 Jahren beschäftigte sich auch das Diwangespräch im Goethe-Gymnasium, zu dem der Förderverein am Vorabend des 9. Novembers in die Bibliothek der Schule eingeladen hatte.

Es war eine interessante Auseinandersetzung mit der Thematik, denn sie beleuchtete das Ende der Monarchie und den Beginn der Weimarer Republik ebenso wie das Ende des Ersten Weltkrieges aus deutsch-französischer Sicht. Dazu begrüßte Florian Schreiber, Geschichtslehrer am Goethe, seinen Gesprächspartner Bernard Klein aus dem Elsass in Bensheim. Klein ist Leiter der Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte, die in direkter Nachbarschaft der deutschen Kriegsgräberstätte Niederbronn-les-Bains in den Vogesen liegt und ebenfalls eine Einrichtung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist.

Während Klein am Donnerstag zum ersten Mal in Bensheim war, besuchen Goethe-Schüler schon seit Jahren den Soldatenfriedhof Niederbronn und die Bildungsstätte im Austausch mit französischen Schülern.

Bernard Klein ist Historiker, der „sich immer gerne aufregt“ – insbesondere, wenn Geschichte nicht korrekt erzählt wird. „Geschichte ist eine Waffe“, sagte er und meint dabei vor allem die Mythen, die sich in den Köpfen festsetzen. „Kollektivschuld ist kalter Kaffee“, sagt er, wenn es um die Verantwortung für den Ersten Weltkrieg geht. Aber von einer Alleinschuld der Deutschen zu sprechen, sei auch nicht richtig und stünde auch so nicht im Versailler Vertrag. Es gebe aber auch nicht den einen Schuldigen, der auf den Knopf gedrückt habe. Die Idee der kollektiven Schuld bezeichnete Bernard Klein als einen Versuch der Historiker, eine Kompromisslösung zu finden.

Die geistige Aufrüstung habe es Anfang des 19. Jahrhunderts bei allen gegeben, aber während vorausgegangene Krisen immer beigelegt werden konnten, habe das 1914 eben nicht mehr funktioniert.

Vertrag als Wiedergutmachung

Unklarheiten sieht der Elsässer auch bezüglich der Reparationszahlungen, deren endgültige Höhe und Dauer im Versailler Vertrag nicht festgelegt waren. Ursprünglich seien einmal 132 Milliarden Goldmark verlangt worden, nach deutschen Angaben seien 67,7 Milliarden Goldmark gezahlt worden, den alliierten Berechnungen zufolge waren es nur 21,8 Milliarden. Unabhängig von den auferlegten Reparationen regt Klein bei dieser Frage aber auf, dass für die Berechnung der Reparationen offenbar niemals die Höhe des Schadens zugrunde gelegt worden sei.

In Frankreich sei der Vertrag von Versailles nach dem Krieg als Wiedergutmachung und Schutz verstanden worden, heute sähen es aber viele Franzosen ähnlich wie Putin, der ihm die Schuld am Zweiten Weltkrieg gab. „Der Vertrag war nicht so schlecht, wie er schlecht geredet wurde“, sagt Bernard Klein. Aber er wurde von den Nazis instrumentalisiert und hat ihnen zur Macht verholfen.

Dass der 100. Jahrestag der ersten Demokratie in Deutschland sich lediglich in einer Gedenkstunde im Bundestag widerspiegele, wie von Florian Schreiber festgestellt wurde, erklärte Klein mit der jeweiligen Erinnerungskultur. So sei der 9. November in Deutschland vor allem durch die Reichspogromnacht belegt, während die Weimarer Republik andererseits in einem Debakel geendet habe.

Das Ende des Ersten Weltkrieges mit der Unterzeichnung des Waffenstillstandes von Compiègne am 11. November 1918 sei ein Sieg der Alliierten gewesen. In Frankreich werde dieser Tag zelebriert – und dazu werde in diesem Jahr auch Bundeskanzlerin Merkel kommen. Was Klein in diesem Zusammenhang aber aufregt, ist, dass Staatspräsident Macron nur den Frieden in den Vordergrund stellen wird und nicht wie bisher Frieden und Sieg.

Klein sieht darin eine Unterschlagung von Millionen von Soldaten, die im Sinne eines freien und geeinten Europas in den Tod gegangen seien. Er verdeutlichte das mit Soldatenbriefen, die er als authentisches Vermächtnis aus dieser Zeit sieht. Diesen Soldaten eine Stimme zu geben, ist für ihn als Historiker eine wichtige und bisher vernachlässigte Aufgabe.

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