Bensheim

Museum Bensheim Ausstellung mit Werken von Bruno Müller-Linow bis 14. April

Ein Komponist malerischer Sinfonien

Bensheim.Bruno Müller-Linow zählt zu den bedeutendsten Künstlern der „verschollenen Generation“, für die heute der Begriff expressiver Realismus gebräuchlich geworden ist. Das Museum der Stadt Bensheim widmet dem großen Maler jetzt eine bemerkenswerte Sonderausstellung mit Porträts, Stillleben und Landschaftsbildern.

Die Werkschau widmet sich den künstlerischen Schwerpunkten Müller-Linows, die alle drei klassischen Genres der Malerei abdecken. Landschaftsimpressionen vom Hunsrück oder der Mosel, in denen sich der Blick regelrecht verhedert, bis hin zu Stadtansichten von Marseille oder Stuttgart von gehobenen Aussichtspunkten aus. Porträts mit starken Konturen und hellen Lichtreflexen, in denen er sich selbst und - eine Arbeit von 1947 - seinen Sohn Markwart in Öl gemalt hat. Für die Bensheimer Ausstellung hat er einen Teil des Nachlasses durchforstet. Insgesamt 23 Bilder sind bis 14. April zu sehen.

Einer der Höhepunkte ist sicherlich große Atelierstillleben aus dem Jahr 1987. Zu den horizontalen Linien einer Palette vermittelt eine weiß gedeckte Tafel im Hintergrund Weite und Tiefe. Davor ist ein Arbeitstisch mit Malaccessoires zu sehen, seitlich von Blumen flankiert. Der reliefhaft-pastose Auftrag der Farbe und der kontrastreich-harmonische Einsatz macht sie zu einem der Protagonisten des Motivs, das in der Museumsgalerie einen besonders prominenten Platz einnimmt.

Lust auf Farben und Licht

Das Stillleben mit Rotwein und Baguette ist nicht nur visuell appetitanregend. Auch darin offenbart sich die Lust des Malers an Farben, Licht und sensorischen Eindrücken, die in viele seiner Arbeiten eingeflossen sind. Müller-Linow war ein Ästhet und ein Genussmensch, der stets aus dem Vollen geschöpft hat. Gefilterte Wahrnehmungen umging er, das „draußen malen“ war Pflicht, er brauchte die Gerüche und Geräusche der unmittelbaren Natur. Die Landschaft eine inspirative und bis ins hohe Lebensalter nie versiegende Quelle seiner Kunst. Gerade in den späten Werken spiegelt sich ein regelrechter Hunger auf die Welt und eine sinnliche Vitalität, die auch über 20 Jahre nach seinem Tod noch beeindruckt.

Die flüchtige Welt erfährt durch seine Bilder eine schöne Ordnung, durch eine kraftvolle Bildersprache und die befreite Form des expressiven Realismus erhält sie ihren visuellen Reiz. Seine Passion waren immer die Landschaften, denen er 1981 mit seinem Buch „Gemaltes Hessen“ eine schöne Hommage gewidmet hat. Eine weitere Inspirationsquelle waren die vielen Reisen, die Müller-Linow in die unterschiedlichsten Länder führten. Ob Italien, Holland, Dänemark oder Frankreich: neue Eindrücke waren für ihn, wie für viele Künstler, ein unabdingbares Muss. Viele Bilder entstanden auf diesen Reisen, etwa das Stillleben mit Fisch von 1992, das der Künstler in der Provence gemalt hat. Eine leise Hommage an die Schönheit des Moments, die beispielhaft zeigt, wie der Maler Stimmungen spürte und auf die Leinwand projizierte. Seine Bilder sind Spiegel der Welt und Reflektionen der Seele.

Kraftvolle Bildersprache

Die Intensität, mit der Müller-Linow seine Motive wahrnahm, geht über auf den Betrachter. „Ich brauche Wolken und Wind“, habe er einmal gesagt, wie der ehemalige Direktor der Museumslandschaft Hessen-kassel, Prof. Bernd Küster, in seiner Einführung berichtete. Sein Werk offenbare eine kraftvolle Bildsprache, die der gegenständlichen Malerei verpflichtet blieb, sich jedoch intensiv mit den modernen Kunstströmungen auseinandersetzte. „Müller-Linow hatte ein klares Bewusstsein für die Bedingungen der neuen Zeit, ohne die Traditionen zu verlieren, so der Kunsthistoriker, der mit dem Maler befreundet war: „Es war ein Privileg, ihn gekannt zu haben. Der Dialog mit Müller-Linow war stets eine Bereicherung.“ Die künstlerischen Mittel und das solide Handwerk standen immer über dem bloßen Effekt, so Küster in Bensheim, wo am Sonntag zahlreiche Gäste zur Vernissage gekommen waren.

Das Ethos, mit dem der seine Kunst vertrat, habe viel von seiner Herkunft, Ausbildung und seiner Biografie geatmet, so Küster.

Ab 1927 studierte Bruno Müller-Linow (geboren 1909 in Pommern) an der Staatlichen Kunstschule Berlin bei Willy Jaeckel und Bernhard Hasler Bildende Kunst und Kunstpädagogik. Bereits als 22-Jähriger stellt er bei den „Juryfreien“, der Preußischen Akademie und der Berliner Sezession aus. Er genießt die Förderung von Leo von König und Heinrich Graf Luckner. 1936 wurde er Dozent für Lehrerbildung im pommerschen Lauenburg. Dort machte er die Bekanntschaft von Karl Schmidt-Rottluff, mit dem er gemeinsam am Lebasee aquarellierte und der ihn wesentlich beeinflusst hat. Er erhält ein Stipendium der Villa Massimo und verbringt ein Jahr in Rom. Nach seiner Rückkehr wird er zum Kriegsdienst eingezogen und muss aus der Ferne den Verlust seiner Bilder im Lauenburger Atelier miterleben. Direkt nach dem Krieg übernimmt der Künstler einen Lehrauftrag an der Werkkunstschule in Braunschweig,

In Auerbach verewigt

1956 folgt Müller-Linow dann dem Ruf als Professor für Zeichnen, Malen und Grafik an der Technischen Hochschule Darmstadt, wo er genau zwei Jahrzehnte lehrt. Während seiner Lehrtätigkeit arbeitet er unablässig als Maler, Zeichner und Radierer. 1976 findet eine Ausstellung in der Ostdeutschen Galerie in Regensburg statt. 1988 lässt sich der Künstler in Hochscheid im Hunsrück nieder, wo er 1997 stirbt. In Bensheim hat sich der Künstler mit einer ganz besonderen Arbeit verewigt: In der Auerbacher Heilig-Kreuz-Kirche hatte er bei deren Bau ein eindrucksvolles, 112 Quadratmeter großes Beton-Glasfenster geschaffen.

Prof. Bernd Küster würdigte des Künstlers hohes Verständnis für die „innere Logik der Farben“ und für die Gesetzmäßigkeiten von Kontrasten und Harmonien. Deren spannungsreiche Balance sei für ihn sowohl Schlüssel wie auch Zielgewesen. Er habe Realität in Poesie verwandelt, die Dinge aus ihrer reinen Gegenständlichkeit befreit und durch ein subtiles Farbenspiel gleichsam lyrisch gesteigert.

Bernd Küster sprach von einer farbigen Neuschaffung der Natur und der „Biometrie der Schönheit“, die im Oevre des Malers immer präsent gewesen sei. Durch seine besondere Orchestrierung der Farbtöne sei er zum Komponist malerischer Sinfonien avanciert, der immer auf der Suche nach Inspiration – aber immer ganz nah bei sich selbst geblieben sei. Bruno Müller-Linows künstlerische Biografie wurde zum „Werk eines Wanderers“ durch ein unruhiges Kapitel der Zeitgeschichte.

Für die Stadt Bensheim begrüßte Stadtrat Joachim Uhde die Gäste der Vernissage. Ein besonderer Dank ging an Museumsleiter Christoph Breitwieser, der nach der Ausstellung mit Werken des Malers Herbert Haydin die nächste hochklassige Werkschau organisiert hat. Im September folgt eine Hommage an Paul Kleinschmidt (u.a. Berliner Sezession) anlässlich seines 70. Todestags. Der Maler war 1949 in Bensheim verstorben.

Das Wichtigste von heute
Newsticker Bergstraße
Newsticker überregional
Meistgelesene Artikel
Neueste Artikel