Bensheim

PiPaPo Harald Jähner stellte bei einer gut besuchten Lesung in Bensheim sein Buch „Wolfszeit“ über die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg vor

Eine Mentalitätsgeschichte der Nachkriegszeit

Bensheim.Der ehemalige Feuilleton-Chef der Berliner Zeitung und freie Literaturkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Harald Jähner hat ein Buch über die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg – ab 1945 bis in die Mitte der fünfziger Jahre – geschrieben, das für Aufsehen gesorgt hat und mit dem Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde. Anhand von Beispielen zeigt er jetzt im gut besuchten PiPaPo-Theater auf, wie es den Deutschen gelungen nach der selbstverschuldeten Katastrophe und einem Leben in Trümmerstädten gelungen ist, schnell mit Chaos und Anarchie zurechtzukommen und sich anzupassen – und sich dann in den Fünfzigerjahren aus schlechtem Gewissen den tatsächlichen Opfern gegenüber selbst als Opfer darzustellen: Die Zeit ab 1945 wurde schwärzer gemacht, als sie tatsächlich war.

Auf Einladung des Förderkreises Kunst und Kultur und in enger Zusammenarbeit mit der Bensheimer Bücherstube Deichmann las Harald Jähner aus seinem Buch „Wolfszeit – Deutschland und die Deutschen 1945-1955.“ Förderkreis-Vorsitzender Hans-Jürgen Schocke hieß Gast und Zuhörer willkommen. „Dies ist der gemütlichste Veranstaltungsort, an dem ich je gelesen habe“, kommentierte Jähner charmant die Kleinkunst-Atmosphäre.

Nicht nur weil der studierte Literaturwissenschaftler nach mehrjährigen Recherchen zu überraschenden Ergebnissen über die „Stunde Null“ und die deutsche Nachkriegsgesellschaft gekommen ist, ist das Buch hoch spannend, sondern vor allem deshalb, weil der Autor Weltpolitik und Wiederaufbau außen vor lässt („Die politische Geschichte ist schließlich fast auserzählt. Mich hat interessiert, was die Menschen gefühlt haben.“) und statt dessen vom Alltag berichtet: Von ausgebrannten, ausgemergelten Heimkehrern, die sich überflüssig fühlten, und von starken Trümmerfrauen, von gescheiterten Ehen und vom Kleinkrieg in den Familien, von der Sehnsucht der Frauen nach Liebe, von Veteranen, Versprengten, Zwangsarbeitern, der „Vergewaltigungswelle“ und dem „sexuellen Wagemut“ deutscher „Frolleins“, die Affären mit amerikanischen Soldaten hatten. Nach Überzeugung des Germanisten waren rückblickend betrachtet die größten Herausforderungen dieser Zeit letztendlich Glücksfälle, die auf Entstehung und Entwicklung der Bundesrepublik positiven Einfluss hatten.

Rudeltugenden

Dass der Honorarprofessor für Kulturjournalismus an der Uni Berlin mindestens so fesselnd, dabei unaufgeregt und ohne jeglichen Missionseifer erzählt wie er schreibt, zeigte er im Anschluss an die Lesung, als er etliche historische Originalfotos aus seinem Buch erläuterte und Fragen der Zuhörer beantwortete. Zuvor aber las er Abschnitte aus einigen Kapiteln der „Wolfszeit“ und gab eine Erklärung zum Buchtitel. Der Begriff beschreibe symbolisch das „Wölfische“ der Überlebenden in einer Zeit der Anarchie: Rudeltugenden wie Egoismus, Wachsamkeit sowie Leidenschaft und Interesse ausschließlich an der eigenen Person und seinem Rudel, nicht aber an der gesamten Gesellschaft, prägten deren Leben.

Das Land war in Frauenhand, „Sie hatte gelernt ,Ich’ zu sagen“, fasst Jähner das Unerwartete für die sich überflüssig fühlenden männlichen „Pflegefälle“ zusammen. Mutter und Kinder waren zu einer „verschworenen Gemeinschaft zusammen gewachsen.“ Die Männer hingegen kamen sich als „historische Versager“ vor:

Der Krieg war verloren, die Ehefrauen lästerten über die „pure Trottelei“, die Rolle als Familienschützer war verpufft, und die gegenseitige Geringschätzung endete oft in einem „lang anhaltendem Waffenstillstand“ und einer „leidenschaftslosen Ehe.“

In einem weiteren Kapitel seiner Mentalitätsgeschichte der Nachkriegszeit, „Durstig nach Leben“, schildert Harald Jähner, dass die Jahre nach 1945 keineswegs nur von Hoffnungslosigkeit geprägt waren, sondern auch von Abenteuerlust in gefährlichen Zeiten und einem neuen Lebensgefühl, von Hochzeiten für Kabarett, Theater und Variete.

In seinem „Wolfzeiten“-Buch sind Bilder zu sehen wie die Akrobatin Margret Zimmermann 1945 über dem Heumarkt von Köln auf dem Drahtseil balanciert, ein Model 1946 in einem ausgebombten Münchner Café posiert und sich nach dem Krieg der erste offizielle Kölner Karnevalszug 1948 seinen Weg durch Trümmerhaufen bahnt.

Warum der Schwarzmarkt für die Deutschen die beste „Expressschule der Menschenkenntnis“ und gleichzeitig praktische Nachhilfe in Staatsbürgerkunde war, machte Jähner dem Bensheimer Publikum anhand beeindruckender Beispiele deutlich. So war ein Ehrendolch der SS plötzlich nur noch 20 Lucky Strikes-Zigaretten wert. „Der Ehrenkodex, die Leidenschaft für das NS-Reich ging buchstäblich in Rauch auf, in Zigarettenrauch.“ Und eine Leica-Kamera wurde für zwei Dauerwürste verscherbelt.

Lange anhaltender Beifall

Harald Jähner schildert den Schwarzmarkt als einen Ort, an dem sich Gewinner und Verlierer in der Illegalität trafen, an dem es aber auch um einen Rest von Anstand und Fairness ging und es eine Berührung mit Fremden gab.

Die Zuhörer dankten dem Autor für dessen gut neunzigminütigen aufschlussreichen und unterhaltsamen Geschichtsunterricht mit lange anhaltendem Beifall.

Ingeborg Deichmann sprach abschließend von einer „tollen Rückblende“. Interessierte Besucher hatten die Gelegenheit mit dem Autor zu sprechen, sich die „Wolfszeit“ von ihm signieren zu lassen und zu Hause beim Lesen des Buches noch mehr zu erfahren über den Neubeginn einer stabilen Demokratie.

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