Bensheim

Woche junger Schauspieler Zum Auftakt zeigte das Thalia Theater das beklemmende Psycho-Kammerspiel „Im Herzen der Gewalt“ nach der bekannten Romanvorlage

Eine Spirale aus Angst und Verachtung

Archivartikel

Bensheim.Die Wahrheit ist unberechenbar. Sie duckt sich weg, verschanzt sich in einem Dschungel aus vagen Erinnerungen, um dann plötzlich in bedrohlicher Klarheit vor einem zu stehen. Kontrollieren kann er sie nicht, dieser junge Édouard, der sich psychisch zerfetzt am Morgen nach einem beinahen Tod an die Aufarbeitung der Ereignisse macht.

„Im Herzen der Gewalt“ ist ein beklemmendes Kammerspiel über die Funktionsweise der modernen Gesellschaft und die Menschen, die darin verloren gehen. Das Hamburger Thalia Theater hat aus Édouard Louis’ Roman ein eindringliches Bühnenstück gemacht, das den Zuschauer bis zur letzten dieser intensiven 90 Minuten im Würgegriff behält.

Bleischwerer Stoff

Die Dramatisierung des autobiografischen Werks über eine Vergewaltigung und ihre radikalen Konsequenzen ist gelungen. Regisseurin Franziska Autzen gelingt es, diesen vieldimensionalen französischen Roman aus dem Jahr 2016 in konzentrierter Form auf die Bühne zu bringen.

Dabei war sie für das Stück zunächst gar nicht als Regisseurin vorgesehen, wie sie beim Auftakt der Woche junger Schauspieler im Parktheater erzählt. Sie entschied sich, kurzfristig einzuspringen und aus dem bleischweren Stoff ihre vierte Inszenierung am Thalia zu machen. Das Bensheimer Gastspiel zur Eröffnung des 24. Theaterfestivals erlebten am Donnerstag rund 200 Zuschauer, darunter viele Jugendliche.

Franziska Autzen beschränkt sich auf das Wesentliche. In Sebastian Jakob Doppelbauer als Édouard und Toini Ruhnke als dessen Schwester Clara hat sie zwei Darsteller, die bis an ihre Grenzen gehen und die emotionale Fülle der Handlung in scharfkantigen Szenen komprimieren, die das Publikum in ihrer rohen Direktheit immer wieder überraschen und verstören. Vor allem im weiteren Verlauf des Stücks wird die Identifikation der Schauspieler mit den Figuren noch tiefer und zupackender.

Ruhnke wechselt souverän die Rollen, ist mal Polizistin, mal der Vergewaltiger Reda – ein Algerier, den Édouard von der Straße aufgabelt und mit nach Hause nimmt. Aus dem Flirt wird Sex wird Vergewaltigung. Der junge Mann flieht aus Paris zu seiner Schwester aufs Land.

In einem Kosmos aus Vorurteilen und Rassismus, Homophobie und Repressionen versucht er, seine Geschichte zu erzählen und sich dabei nicht selbst aus den Augen zu verlieren. Der Versuch, das Geschehene zu ordnen, offenbart immer neue Widersprüche und Irrtümer, die einer fatalen, erdrückenden Logik zu gehorchen scheinen. Er ist gleichsam besessen von dem, was ihm angetan wurde. Er muss das Unfassbare, die Erfahrung der Todesnähe, erzählend rekonstruieren, um sie zu verstehen.

Die Verstrickung von Brutalität und Kontingenz dieses unheilvollen Abends will er so weit entwirren, dass sich zumindest eine Ahnung des Unausweichlichen und damit womöglich auch eine gewisse Begreifbarkeit herstellen lassen. Doppelbauer ist physisches Opfer und geistiger Täter, in dessen Kopf die Angst zum Hass wird.

In einer wuchtigen Szene bricht es aus ihm heraus, offenbart sich die Lawine aus Gewalt und Verachtung, die ihn überrollt und aus ihm selbst so etwas wie ein Raubtier gemacht hat. Édouard muss sich fragen, ob es eventuell die eigenen kleinen Ressentiments waren, die eine Eskalation ausgelöst hat: Der Vorwurf des Diebstahls lässt Reda, der als Flüchtling nach Frankreich gekommen war, die Kontrolle verlieren.

Es gibt kein Entrinnen

Die Inszenierung bringt diese fatale Dynamik kraftvoll und energiegeladen auf die Bühne, die anfangs mit einem schmutzig-weißen Laken behängt ist. Die Tat hat Spuren hinterlassen, die schrittweise in einer Retrospektive nacherzählt und kommentiert werden. Langsam lüftet sich der Schleier, geben die Tücher den Blick in die Tiefe des Raums frei auf eine vernarbte Leinwand (Ausstattung: Sina Brüggemann), die wie eine bis zum Zerreißen gespannte Seelenhaut des Protagonisten wirkt. Die Vielfarbigkeit der Vorlage wird durch den Einsatz von Musik, eingeblendeten Texten, Videos und Schattenspielen hinter der Leinwand theatralisch gespiegelt.

Projektionen von blubbernden Flüssigkeiten, rätselhaften Metamorphosen und beißenden Geräuschen schaffen eine nervöse Atmosphäre, die zu sagen scheint, dass es aus der Spirale von Angst, Gewalt und Verachtung kein Entrinnen geben wird. Am Ende baumeln Fleischerhaken über den Köpfen der entblößten Kreatur, die in ihrer minimalistischen Präsenz eine latente Brutalität und Bedrohlichkeit vermitteln. Ein Symbol für das gesamte Stück, das in Bensheim mit höflichem Applaus kommentiert wurde.

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