Bensheim

Riva-Verein Stephan Schäfer las aus Goethes „Italienische Reise“ / Inkognito als Maler Johann Philipp Möller in Weimar gestartet

Eine Wiedergeburt im Sehnsuchtsland

Archivartikel

Bensheim.In Corona-bewegten Zeiten, aber noch vor der großen Absagewelle, hatte der Freundeskreis Riva zu einem interessanten Vortrag eingeladen. Stephan Schäfer las aus Goethes „Italienische Reise“.

Zweimal, nämlich 1775 und 1779, waren Johann Wolfgang von Goethes (1749 bis 1832) Versuche, einen längeren Aufenthalt in Italien zu verwirklichen, gescheitert. Dennoch blieb Italien ein Traum- und Sehnsuchtsland für ihn, über das schon sein Vater Johann Caspar nach einer achtmonatigen Bildungsreise eine ausführliche Reisebeschreibung verfasst hatte.

Leben wie ein Student

Als Goethe schließlich Ende Juli 1786 aus Weimar, der heimlichen Hauptstadt der Kultur, in der er vier Jahre zuvor als „wirklich Geheimer Rat“ den Gipfel seiner Amtskarriere erreicht hatte, inkognito als Maler Johann Philipp Möller aufbrach, dauerte es bis zum 29. Oktober 1786, dass er Rom erreichte und beglückt feststellen konnte „Ich fange nun erst an zu leben und verehre meinen Genius“, gemeint war Rom als die göttliche Verkörperung seines Sehnsuchtsortes.

Und Anfang Dezember schreibt er an seine Herzensfreundin Charlotte von Stein, die ob seiner abschiedslosen Abreise tief gekränkt in Weimar verblieben war, „ich zähle einen zweiten Geburtstag, eine wahre Wiedergeburt von dem Tag an, da ich Rom betrat.“

Das ließ sich leicht formulieren, zumal die Lebensumstände in Rom für Goethe etwas Studentenhaftes an sich hatten. Der Weimarer Herzog Karl August, der stets großes Verständnis für Goethe hatte, alimentierte ihn während der ganzen italienischen Zeit mit ungekürztem Gehalt bei Freistellung von allen kanzleimäßigen Amtspflichten; zudem drängte ihn die Untermiete bei dem Maler Tischbein sowie die damit verbundene Wohngemeinschaft mit jüngeren, noch nicht so arrivierten Künstlern in eine jugendliche Rolle.

Vor diesem Hintergrund ist verständlich, dass Goethes Tagebuch-aufzeichnungen alsbald abbrachen und dann fast 30 Jahre später, nämlich 1816/17, zusammen mit seinen Briefen als „Italienische Reise“ veröffentlicht wurden als eine Bündelung von Schilderungen seiner Kunst- und Kulturerlebnisse, die autobiografischen Charakter haben.

Umso erstaunlicher war, dass Goethe bereits Ostern 1789 eine mit größter Sorgfalt gearbeitete Studie über eine Festivität, die er zweimal erlebt hatte, unter dem Titel „Das Römische Carneval“ herausbrachte. Waren Reiseberichte bis dahin durchgängig aus der subjektiven Sicht des Reisenden geschrieben worden, gab Goethe sich die Maxime der Objektivität des Betrachters vor.

So beginnt er mit der Befürchtung, dass eine solche Feierlichkeit an sich nicht beschrieben werden könne und schickt dann einen Schlusssatz voraus. „Das Römische Carneval ist ein Fest, das dem Volke eigentlich nicht gegeben wird, sondern das sich das Volk selbst gibt.“

Er insinuiert damit, dass das Carneval sich ganz natürlich an die römische Lebensweise anschließt. Goethe beschreibt dann plastisch das römische Volksleben in seinen vielfältigen Facetten, den Corso und die Spazierfahrten im Corso, die Vorbereitungen auf die letzten acht Tage, an denen jedem der Rollentausch erlaubt ist, nämlich unter freiem Himmel töricht zu sein. Natürlich sind die kunst- und phantasievollen Masken und Verkleidungen, das Konfetti, Tanz und Theater, Spiele und Unterhaltung Gegenstand der Betrachtung, ebenso wie die Wahl des Pulcinellen-Königs, jener Figur des vorwitzigen Dieners in der Commedia dell’Arte.

Die Wettrennen der Pferde und das abendliche Lichtermeer der „Moccoli“ führen Goethe zur Aschermittwochsbetrachtung, in der er den Ablauf des Karnevals mit dem menschlichen Leben vergleicht und in hellseherischer Klarheit ein halbes Jahr vor Ausbruch der Französischen Revolution konstatiert, „dass Freiheit und Gleichheit nur im Taumel des Wahnsinns genossen werden können“. Einen Nachtrag und Kontrast zu Goethe bildete ein 50 Jahre später verfasster Text von Hans Christian Andersen (1805 bis 1875) zur gleichen Thematik.

In einer komfortablen Position war nach der Lesung die Vorsitzende des deutsch-italienischen Freundeskreises Bensheim – Riva del Garda, Pina Kittel. Sie hatte nur Lob und Dank zu verteilen: An Ilga Vis, die die Idee zur Veranstaltung hatte, in das Thema einführte, die Verständlichkeit des Textes durch ein sorgfältig erstelltes Glossar optimierte und Skizzen von Goethes Hausgenossen in Rom, dem Maler Schütz, zu Masken und Verkleidungen einspielte; an den Rezitator Stephan Schäfer, der Kunst und Musik studiert hatte, selbst zeitgenössische Reisebeschreibungen verfasst und der mit Sprache, Gesten und Stimmlagen den Texten zu einer wohlausbalancierten Wirkung verhalf. Und Dank an das Publikum, das dem Reiz der Literatur erlegen war. Peter J. Zeyer

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