Bensheim

Interview Die Bürgernetzwerk-Macher Hans-Peter Meister und Karl-Heinz Schlitt erläutern ihren Ansatz / Mehrere hundert Personen engagiert

„Engagement und Wissen vieler Bürger nutzen“

Bensheim.Die Agentur IFOK und der gemeinnützige Verein Transforum 2017 haben 2017 das Bürgernetzwerk initiiert. Bei mehreren Treffen und Workshops im vergangenen Jahr haben sich Bensheimer Gedanken gemacht, wie sie die Zukunft der Innenstadt gestalten können. Herauskristallisiert haben sich die vier Oberthemen „Stadtgestaltung, Marke, Einkaufen und Marketing“, für die es insgesamt 23 Arbeitspakete gibt.

Geleitet und moderiert wird das Projekt von IFOK-Gründer Hans-Peter Meister (Bild oben) und Karl-Heinz Schlitt, dem langjährigen Chefredakteur und Geschäftsführer des Bergsträßer Anzeigers.

Herr Schlitt, Herr Meister, was unterscheidet das Bürgerforum von anderen Beteiligungsprozessen, die zur Rettung des Bensheimer Zentrums in den vergangenen Jahren angestoßen wurden?

Karl-Heinz Schlitt: Wir sammeln nicht nur einfach Ideen, sondern erarbeiten in vielen gemeinsamen Treffen konkrete und umsetzbare Vorschläge. Wo es sein muss, holen wir zusätzlichen Sachverstand und den Rat von anerkannten Experten ein.

Hans-Peter Meister: Und wir sorgen dafür, dass die erarbeiteten Ergebnisse auch von den Entscheidern berücksichtigt und nicht einfach in Schubladen entsorgt werden: Wir bleiben dran.

Wie viele Bürger haben sich zusammengeschlossen, um sich für ihre Heimatstadt einzusetzen – und aus welchen Bereichen kommen sie?

Meister: Das gesamte Bürgernetzwerk Bergstraße besteht aus mehreren Hundert Personen. Beim Bürgerforum Innenstadt Bensheim sind rund 80 von Anfang an aktiv dabei. Dabei haben wir Wert darauf gelegt, dass alle wichtigen Interessengruppen vertreten sind, aber auch interessierte Bürger ihre Sicht einbringen – als Besucher der Innenstadt und als Kunde.

Schlitt: Jetzt, da unser Arbeitsprogramm steht, geht es darum, die breite Bevölkerung mitzunehmen.

Warum sind Sie davon überzeugt, mit Ihrem Ansatz Bewegung in zum Teil über Jahre festgefahrene Strukturen bringen zu können?

Meister: In der Regel funktioniert es doch so: Die Verwaltung oder die Politik erarbeiten einen Vorschlag; eine Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung fasst einen Beschluss darüber und präsentiert dies dann als unverrückbar der staunenden Öffentlichkeit. Dann regt sich immer öfter der Widerstand, und emotionalisierte Bürgerinitiativen engagieren sich dagegen. Das wollen wir anders machen.

Wie soll das funktionieren?

Schlitt: Schon zu Beginn sollten auch aus der Bürgerschaft konkrete Vorschläge vorliegen, damit die Verwaltung und die gewählten Gremien frühzeitig ein Gefühl dafür bekommen, wie die Bevölkerung über ein Thema denkt. Wir maßen uns nicht an, alles besser zu wissen. Aber gemeinsam erarbeitete und getragene Lösungen sind nun mal meistens die besten.

Meister: Um dies zu gewährleisten, sind neue Strukturen erforderlich. Wir werden deshalb einen Vorschlag unterbreiten, wie ein modern organisiertes und bezahlbares Innenstadtstadtmanagement aufgestellt sein sollte. Und wie dabei das Bürgernetzwerk regelmäßig und systematisch einbezogen wird.

Wie bewerten Sie die bisherige Zusammenarbeit mit der Rathausspitze und der Verwaltung?

Meister: Wir haben sehr positive Rückmeldungen erhalten und gehen davon aus, dass wir bei der Weiterentwicklung mit allen relevanten Entscheidern – nicht nur im Rathaus, sondern auch in den politischen Gremien oder anderen Bensheimer Institutionen – zusammenarbeiten. Zentral ist, dass alle an einem Strang ziehen. Dazu gehören eben auch Unternehmen, Vereine, die Zivilgesellschaft und natürlich die breite Bürgerschaft.

Schlitt: Allen Beteiligten muss klar sein, dass dies auf lange Sicht die einmalige Chance ist, das Engagement und das Wissen vieler Bürger so zu nutzen, dass das Beste für die Stadt dabei herauskommt, und zwar im Konsens.

Was ist in den nächsten Wochen konkret geplant?

Meister: Zu den Arbeitspaketen, die wir geschnürt haben, wird es eine Reihe von vertiefenden Sitzungen geben. Die Jugend wird in einem zweitägigen Workshop ihr Bild vom Bensheim der Zukunft zeichnen. Bei einem dritten geführten Stadtrundgang liegt diesmal der Schwerpunkt auf der Denkmalpflege. Was die Bürger für besonders wichtig halten, wollen wir mit einer Umfrage auf der Webseite des Bürgernetzwerkes in Erfahrung bringen. Geplant ist auch eine Bürgerveranstaltung, wo wir über den Stand der Dinge berichten.

Schlitt: Zudem haben wir den Ehrgeiz, dass sich schnell erste Ergebnisse zeigen. Denn nichts motiviert mehr als sichtbare Erfolge. Dabei muss sich jede einzelne Investition, jede Maßnahme als Mosaikstein in einen Masterplan einfügen. Das geht nicht von heute auf morgen. Dafür braucht es einen langen Atem. dr

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