Bensheim

Interview Deutschrock-Urgestein Wolf Maahn macht auf seiner „Live & Seele“-Tour am Freitag Station im Bensheimer Musiktheater Rex

„Enthemmung ohne Uga-Uga“

Bensheim.Wolf Maahn gehört zu den prägenden deutschsprachigen Rockmusikern der 1980er und 90er Jahre. Bis heute hat er 1200 Konzerte und etliche Festivals unter anderem mit Bob Marley, Fleetwood Mac oder Bob Dylan gespielt und 20 Alben veröffentlicht. Nach seinem letzten Studiowerk „Sensible Daten“ aus dem Jahr 2016 produzierte Maahn 2017 mit „Live & Seele“ ein Live-Doppelalbum. Im Rahmen seiner gleichnamigen Tour ist er am Freitag, 20. April, 20.30 Uhr, im Musiktheater Rex zu erleben. Im Gespräch mit dem BA äußert er sich zu seinem Konzept für ein stimmungsvolles Konzert, zur Macht von Musik und zu fragwürdiger Fortschrittsgläubigkeit.

Hallo, Herr Maahn, am 20. April treten Sie im Rahmen der „Live & Seele“-Tour im Bensheimer Musiktheater Rex auf. Inwieweit entspricht das Programm dem gleichnamigen Livealbum?

Wolf Maahn: Das Programm wird auf dieser Tour auch variieren. Da wird von uns auch schon mal ein älteres Stück neu entdeckt. Es ist immer ein Mix aus versteckten Schätzen und den Songs, die alle kennen.

Welche Kriterien legen Sie bei der Zusammenstellung an?

Maahn: Ich spanne immer einen Bogen. Letztlich ist die Setlist besonders wichtig, um den richtigen Bogen hinzubekommen. Da gibt es sehr persönliche Songs, andere haben fast Kabarettcharakter, sind „voll Party“ oder rocken einfach nur. Die Songauswahl soll letztlich zu einer gewissen Enthemmung führen, aber nicht auf Uga-Uga-Art.

Sie haben aber auch zahlreiche gesellschaftskritische Texte geschrieben? Was kann man als Künstler damit bewirken?

Maahn: Da schwanke ich noch immer nach all diesen Jahren. Manchmal gelingen schon erstaunliche Dinge. Eine BBC-Reportage hat sich mal mit dem Thema befasst, welche Rolle die Beatles in der ehemaligen Sowjetunion spielten. Diese unglaubliche Beatlemania dort hätte ich mir nie vorstellen können. Der Bericht ging soweit in seiner Aussage, dass Gorbatschow ein Beatles-Fan ist, der diesen frischen, freien Wind der Band inhaliert und deshalb gewisse Entscheidungen getroffen hat. Man könnte fast sagen, dass die Beatles einen großen Anteil daran haben, dass die Mauer gefallen ist. Man wird es nie ganz rausfinden. Es gibt eben auch Vorgänge, die nicht in den normalen Geschichtsbüchern stehen.

Würden Sie sich wünschen, dass die junge Generation deutschsprachiger Rock- und Popkünstler politisch mehr Farbe bekennt?

Maahn: Ich finde es immer gut, wenn Künstler Anstöße geben. Es muss aber nicht sein. Ich genieße auch reines Entertainment. Die Kunst ist frei. Jeder macht das, was er gut kann und will. Es gibt Impulse, denen man folgen sollte. Ich finde es nur schade, wenn diese Impulse in dem Verlangen ersticken, unbedingt kommerziell im Radio stattzufinden und möglichst so zu klingen, wie alle anderen gerade. Es stört mich, dass Vieles so ähnlich klingt.

Mit Blick auf Songs wie „Was“ aus dem Jahr 1989 oder aktuell „Sensible Daten“ gewinnt man den Eindruck, dass sie einer verbreiteten Fortschrittsgläubigkeit kritisch gegenüberstehen?

Maahn: Auf jeden Fall. Es wird heute ja alles, was technisch möglich ist, auch sofort umgesetzt. Da wird zu wenig gefragt, ob das für die Menschheit ein Gewinn ist. Durch diese dauernde Erreichbarkeit und den schnellen Austausch von Nachrichten kann man auch ein gewisses Urvertrauen verlieren. Wir erwarten, dass sich andere fast schon minütlich bei uns melden. Uns wird Wartezeit weggenommen. Man hat eine Frage und bekommt sofort die Antwort. Das Warten früherer Zeiten hat vielleicht genervt, machte aber auch etwas mit Menschen. Heute wird die Geschwindigkeit erhöht _ wie wir ticken, wie wir arbeiten, wie wir kommunizieren. Da kann man sich fragen, ob jetzt nicht langsam mal gut ist.

Das spürt man sogar bei Rockkonzerten, bei denen fast immer mit etlichen Smartphones gefilmt wird. Nervt Sie das?

Maahn: Ich find das nicht so prickelnd. Man bekommt das Unmittelbare nicht mit, sondern versucht irgendwas für später zu konservieren. Das finde ich schade. Die Unmittelbarkeit ist bei einem Konzert der Trumpf. Das Handy stört dabei eigentlich nur.

Zum Liveerlebnis eines Wolf-Maahn-Konzertes gehören exzellente Musiker, was auch auf dem aktuellen Album zu hören ist. Wird die Band in der gleichen Besetzung nach Bensheim kommen?

Maahn: Wir werden absolut in der Live-CD-Besetzung aufschlagen. (Jürgen Dahmen, Keyboards, Volker Vaessen, Bass, Jan Winstroer, Drums, Roger Schaffrath, Gitarre. Die Red.)

Wird auch Helmut Krumminga (früherer Wolf Maahn- und BAP-Gitarrist Die Red.), der auf dem Album bei einigen Stücken mitspielt, dabei sein.

Maahn: Er war Überraschungsgast und hatte einen Teil der Tour übernommen, ist aber derzeit nicht geplant.

Inklusive Helmut Krumminga sind mit Schlagzeuger Jürgen Zöller und Bassist Werner Kopal in den 80er und 90er Jahren gleich drei ihrer früheren Bandmitglieder zu BAP abgewandert. Führte das zu Problemen unter Musikerkollegen?

Maahn: Abgewandert kann man nicht sagen. Ich habe ja Mitte der 80er Jahre auch einiges verändert. Ich habe ein englischsprachiges Album in London aufgenommen. Da war ein gewisser Umbruch. Die Band „Die Deserteure“ hatte eigentlich nicht mehr existiert, als die Musiker zu BAP gingen. Es hatte mich gefreut, dass sie schnell bei BAP gelandet waren und der Band einen guten Groove-Stempel verpasst haben.

Eine enge Szene Kölner Rockmusiker oder der früher prägenden deutschen Bands gibt es demnach anscheinend weniger. Oder sitzen Sie als Wahl-Kölner häufiger mal mit Wolfgang Niedecken zusammen?

Maahn: Nicht mehr so häufig wie früher. Vielleicht telefoniert man mal. Es kocht jeder so sein Süppchen und hat genug zu tun. Aber spontane Aktionen sind nach wie vor möglich. Die auf Kölsch singenden Musiker machen da mehr miteinander. Es gibt ständig irgendwelche Kölsch-Festivals. Die Stadt ist verrückt nach Kölsch. Das Angebot folgt der Nachfrage. Da wird schon im April Karneval gefeiert.

In ihrem Song „TV aus dem Hotelfenster“ räumen Sie auf mit dem Klischee des wilden Rockmusiker-Lebens. Wie sieht denn Ihr Alltag aus, wenn Sie nicht gerade auf Tour sind?

Maahn: Das ist ein buntes Bouquet von hunderten von Sachen. Ich arbeite zwischendurch an Ideen. Es gibt ganz viele Baustellen von Songs in meinem Tonstudio. Ich nutze die Zeit zwischen den Konzerten, um ein paar private Dinge zu erledigen, zu denen man ansonsten nicht kommt. Mitten während einer Albumproduktion taucht man hingegen ziemlich ab. Und dann muss ich zwischendurch auch einfach mal auftanken. Vor ein paar Monaten war ich etwa mehrere Wochen in den USA, in Colorado und in New York. Das war sehr inspirierend, auch für einige Textideen, an denen ich aktuell arbeite.

Ansonsten halten Sie Ihr Privatleben jedoch schon immer weitgehend aus der Öffentlichkeit heraus.

Maahn: Ich bin tatsächlich nicht der Homestory-Typ. Dabei wäre das manchmal für die Karriere wahrscheinlich besser. Die Medien ticken so und würden gerne noch ‘ne kleine Horrorstory aus dem Privatleben erfahren. Aber meine Songs sagen wirklich viel über mich. Das sollte eigentlich reichen.

Wie viele Ihrer Songtexte beruhen denn auf Selbsterlebtem oder eigenen Erfahrungen?

Maahn: Man macht Erfahrungen ja nicht nur unbedingt selbst. Wenn nahestehende Personen Probleme haben, kann das ebenso zu einem Song führen. Auch Rollenspiele, bei denen ich mich in jemanden anders hineinversetze, kommen ja aus meiner Fantasie und basieren auf meinen geistigen Impulsen.

Neben Ihren Studioalben spielen Liveauftritte in Ihrer Karriere eine wichtige Rolle. Fünf Live-Alben haben Sie von „Rosen im Asphalt“ bis „Live & Seele“ veröffentlicht. Welchen Stellenwert haben Konzerte in ihrem Musikerleben?

Maahn: Liveauftritte sind für mich eine Kur: Die brauche ich einfach. Andere Künstler produzieren Alben, nur damit sie dann auf Tour gehen können. Ich kann mittlerweile auf Tour gehen, ohne dass es gerade ein aktuelles Album dazu gibt.

An der Bergstraße waren sie aber schon lange nicht mehr zu erleben?

Maahn. Es ist bestimmt schon über zehn Jahre her, dass ich im alten Musiktheater Rex mal solo gespielt habe. Ich freue mich auf jeden Fall auf die neue Location. Und singt Euch schon mal alle ein….

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