Bensheim

Hospizgespräch Interessantes Thema führte zu reger Diskussion / Vortrag von Biologe Wolfgang Diehl aus Einhausen

Ewig leben – wäre das erstrebenswert?

Archivartikel

Bensheim.„Das Streben nach ewigem Leben“ – das Thema des zweiten Bergsträßer Hospizgesprächs war hoch aktuell. Der große Seminarraum im stationären Hospiz war voll besetzt, als Swantje Goebel den Abend mit der entscheidenden Frage eröffnete: „Ewig Leben – wollen Sie das wirklich?“

Die Suche danach beschäftigt die Menschheit wohl schon immer. Alle Religionen, ja, der Beginn jeder Kultur ist damit verwoben. Und vor einer (zu) schnellen Antwort sei an die unterschiedlichsten „Konzepte“ von ewigem Leben erinnert: Vom Nicht-Sterben-Wollen zum Wunsch nach Nicht-Sterben-Müssen, einem Weiter-Leben in Kindern oder Ideen und Artefakten, einer Wiedergeburt im Sinne der Seelenwanderung und nicht zuletzt die christliche Auferstehungshoffnung. Die Zuhörer hatten Gelegenheit, ihre je eigene Zuordnung zu nennen und zu reflektieren.

Mit Blick auf die spektakulären Ankündigungen, ewiges Leben durch Technologie im Hier und Jetzt zu erreichen – Googles Chef-Futurist Ray Kurzweil hält dies schon in 13 Jahren für möglich – erörterte der Biologe Wolfgang Diehl aus Einhausen als Gastreferent, ob und gegebenenfalls wie das medizinisch-technisch möglich sein könnte.

In Stickstoff eingefroren

Seine Erfahrungen aus der Transplantations- und der Reproduktionsmedizin waren dabei höchst aufschlussreich. Konkret: 250 Menschen ließen sich bisher nach ihrem Tod in den USA bei minus 196 Grad in flüssigem Stickstoff einfrieren, sogenannte Kryoniker. Aufgetaut wurde noch niemand. Dennoch sind Menschen bereit, jeweils hunderttausende Dollars auszugeben für die vage Hoffnung, in ferner Zukunft wiederbelebt zu werden. Kopfschütteln herrschte im Publikum, als der Wissenschaftler die genauen Umstände und Methoden des Gefrierverfahrens erläuterte, das viele an Frankensteins Monster erinnerte.

Neben dieser extremen Ausprägung der Suche nach ewigem Leben fokussierte der Vortrag medizinische High-Tech Möglichkeiten, die das Leben maximal zu verlängern versuchen. Nicht nur das organische Überleben, auch die Konservierung unseres Wissens durch Übertragung der Gehirndaten auf Androide wurde kritisch beleuchtet. Soll ein Roboter dann an unserer Stelle weiterexistieren? Oder wollen wir erhalten bleiben, indem der Inhalt unserer Hirnrinde in der Cloud gespeichert wird? Und was wäre dann unsere Identität?

Die Diskussion machte deutlich, dass die technologisch-materialistische Diesseitshoffnung auf Unsterblichkeit wenig überzeugte. Es wurden viel mehr gesellschaftlich-soziale und spirituelle Aspekte, auch im Sinne von Transzendenz, angesprochen, die Hoffnung geben. So wissen nicht nur erfahrene Hospizler, dass sich beim Tod eines geliebten Menschen wohl jeder – ungeachtet seiner Weltanschauung – danach sehnt, der Tod möge nicht das letzte Wort haben. Unsere Sehnsucht weist allemal darüber hinaus.

Soziale Schieflage

In ethischer Hinsicht wurde die soziale Schieflage moniert, wenn einerseits Millionenbeträge ausgegeben werden, um einigen Wenigen eine fragwürdige Zukunft durch Einfrieren zu ermöglichen, andererseits aber Millionen von Kindern verhungern oder an Infektionskrankheiten sterben, weil die Mittel für Antibiotika und Nahrungsmittel fehlen.

Die Sehnsucht, ewig zu leben, verändere sich im Übrigen mit zunehmendem Alter, waren die Anwesenden überzeugt. Und im Jugendlichkeitswahn der modernen Gesellschaft sei der Wunsch nach „ewiger Jugend“ oft wichtiger als der nach physischer Unsterblichkeit.

Für alles unendlich viel Zeit

Zurück zur Eingangsfrage: Ewig leben unter den Bedingungen der realen Welt wollte im Auditorium niemand – weil dann nichts mehr wichtig wäre und für alles Denkbare unendlich viel Zeit bliebe (von den globalen Folgen des Überlebens gar nicht zu reden). Andererseits können wir uns das eigene Nicht-mehr-Dasein einfach nicht vorstellen, daher bleiben Unsterblichkeitsfantasien virulent.

Fazit: Die Überzeugung der Hospizbewegung, dem Leben am Ende nicht mehr Tage, sondern den Tagen mehr Leben zu geben, könnte auch hier weiterführen: Lebensqualität höher zu schätzen und mehr zu pflegen als Quantitätsbemühungen. red

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