Bensheim

Ausstellung Botanische Malerei von Sue Hénon bis 9.Juli im Herrenhaus des Auerbacher Fürstenlagers

Fasziniert vom Erfindergeist der Natur

Auerbach.Es ist eine Reise in die Anatomie der Blüten, eine morphologische Entdeckungstour durch die biologische Vielfalt und den Erfindergeist der Schöpfung. Sind es die feinen Details der präzisen Farbstiftzeichnungen, die den aufwändigen botanischen Studien von Sue Hénon ihre wissenschaftliche Qualität verleihen, so taucht der Betrachter bei den größeren Ölbildern in ein knospendes Eigenleben ein, das mit einem reizvollen Farben- und Formenreichtum lockt.

Die gebürtige Britin aus Middlesex ist eine erfahrene Blumen- und Pflanzenmalerin und Mitglied der renommierten internationalen Society of Botanical Artists (SBA) in London. Ihr französischer Mann Sylvain ist ebenfalls Künstler. Beide leben seit vielen Jahren in Dieburg und stellen regelmäßig im In- und Ausland aus. Beispielsweise im Frankfurter Palmengarten, in der Westminster Gallery in London oder im Königlich-Botanischen Garten von Madrid. 2014 hat sie ihre Motive in Santiago de Compostela gezeigt. Bis 9. Juli ist nun eine feine Auswahl von Sue Hénons Arbeiten im Auerbacher Fürstenlager zu sehen. Eine weitere Werkschau, mit der das Herrenhaus seine künstlerische Ader mit Leben erfüllt. Organisatorin Anita Köhler, die auch die einführenden Worte sprach, begrüßte zahlreiche Gäste zur Vernissage, die am Sonntag zwar nicht von der Sonne gesegnet war, durch ihre motivische Pracht aber für frühlingshafte Atmosphäre gesorgt hat.

Tulpen sind die Stars

Im Mittelpunkt: Tulpen. In der Literatur und darstellender Kunst steht sie oftmals für Vergänglichkeit, aber auch für Liebe und Zuneigung. Sie ist Symbol des Frühlings, viel besungen und genießt durch ihre anatomische Schönheit und den immensen Artenreichtum eine hohe Aufmerksamkeit. Verbunden mit den Niederlanden, ist das ursprünglich türkische Gewächs heute in beinahe jedem Garten vertreten.

Sue Hénons Kunst umfasst die Grundtypen botanische Illustration und botanische Malerei. Letztere betont das Objekt und seinen natürlichen Reiz auf kunstvolle Art und Weise, ohne die Darstellung der Gattung zu verfälschen. Die botanische Illustration strebt nach der wissenschaftlichen Darstellung einer Pflanze sowie nach der präzisen Wiedergabe ihrer Merkmale wie Knolle, Wurzeln, sezierte Blütenkelche oder Präparate. In England hat die botanische Malerei einen weit höheren Stellenwert als hierzulande. Bereits in ihrer Kindheit hat die Malerin im Garten der Mutter Blumen gesammelt und ihre Schönheit bewundert. Nach ihrer beruflichen Tätigkeit bei einem Zeitungsverlag hat sie ein Studium am Open College of Arts in Barnsley (England) abgeschlossen. Ihre Zeichnungen sind nicht nur in Galerien, sondern auch in Fachbüchern und wissenschaftlichen Publikationen veröffentlicht.

Die Botanische Kunst ist eine Facette der zeitgenössischen Kunst, die ihre Wurzeln in der Kunstgeschichte seit der Antike hat. Schon in mittelalterlichenmedizinischen Handschriften sind Zeichnungen von Heilpflanzen überliefert. Seit dem 15. Jahrhundert gehört das Zeichnen von Pflanzen zum Repertoire vieler Künstler und zum Aufgabenbereich der Botaniker selbst. Künstler wie Albrecht Dürer, Ulisse Aldrovandi, Georg Flegel oder Maria Sibylla Merian sind unter anderem für ihre präzise wie sensible Wiedergabe der Pflanzenwelt bekannt. Unter dem Begriff Botanical Art erlebt die Darstellung von Pflanzen seit etwa 20 Jahren im englischsprachigen Raum eine bemerkenswerte Renaissance.

Für ihre Studien scheut sie keinen Aufwand. „Ich muss die Pflanze im Original sehen“, sagt sie in Auerbach. Von einer Fotografie allein könne sie die Seele, die Natur einer Pflanze unmöglich in ihrer Vollkommenheit erfassen. Mit ihrem Mann, mit dem sie seit über 20 Jahren eine Kunst- und Malschule betreibt, reist sie in botanische Gärten oder in die wilde Natur, um ihre Vorbilder aus der Nähe zu erleben. „Ich möchte bewusst machen, in welcher wunderschönen Welt wir leben und Aufmerksamkeit für die Bedeutung der historischen botanischen Kunst wecken.“ Sue Hénon hat diese Kunstrichtung nicht nur für sich entdeckt, sondern auch perfektioniert und weiter entwickelt.

In ihren filigranen Farbstiftillustrationen ist die Pflanze in ihrer physischen Anatomie oftmals aus verschiedenen Perspektiven abgebildet. Kein weiteres Detail, das die wissenschaftliche Reinheit durch ästhetisch gemeinte Ornamentik oder atmosphärische Stilmittel verwaschen würde, stört die dimensionale Genauigkeit der Darstellung. Noch bedeutender als die Form von Blüte, Kelch und Blättern ist die originalgetreue Farbgebung, die Sue Hénon meisterhaft beherrscht. In mehreren Arbeitsschritten werden charakteristische Farbtöne und feinste Nuancen entwickelt, die dem Pinselstrich der Natur möglichst nahe kommen. In sehr vielen Schichten wird die Pigmentierung und Tiefe der Farbe erreicht. Ein vermeintlich grünes Blatt besteht zumeist aus einem „Unterbau“ aus verschiedenen Blau-, Rot- und Gelbtönen, um die gewünschte Plastizität zu erschaffen.

In einem Tulpenbild im grünen Salon des Herrenhauses zeigt die Malerin die Vergänglichkeit der Pflanze, in der eine ganz andere Form von Schönheit zu finden ist. Wachstum, Blüte und Tod bilden eine biologische Einheit, einen Zyklus des Werdens und Vergehens, den die Künstlerin ebenso leidenschaftlich erforscht wie die Magie des Augenblicks, der in ihren großformatigen, zum Teil riesigen Ölbildern auf den Betrachter wirkt.

An der Kopfseite der Galerie leuchten weiße Parkbänke in einem Meer aus rosa Tulpen im grünen Gras. „Inspiration from the Garden“ entstand im Frankfurter Palmengarten, als gerade eine Lieferung der Blumen eingetroffen war. Die Malerin hat aus dem Arrangement ein Gemälde erschaffen, in dem die organischen Rundungen der Blumen eine Beziehung zur Formgebung der Bänke eingehen. In anderen überdimensionalen Motiven scheint man sich beinahe in den Blütenkelchen zu verlieren. „Im Idealfall wird man in ein Bild hineingezogen, kann es betreten“, so Sue Hénon, die aus der mittlerweile 16. Ausstellung im Auerbacher Herrenhaus eine ganz besondere macht.

Musikalisch umrahmt wurde die Vernissage von Mat Coleman.

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