Bensheim

Stadtentwicklung Architekten sollen Ideen für die denkmalgeschützte Immobilie in der Fußgängerzone liefern / MEGB lädt zu einem Workshop ein

Frische Konzepte für ein altes Kaufhaus

Archivartikel

Bensheim.2500 Quadratmeter, 102 Zimmer: Das ehemalige Kaufhaus Reiling (später Krämer) in der Fußgängerzone ist eine architektonisch imposante Schatzkiste. Allerdings wird man deren Wert erst abschätzen können, wenn man Geld investiert hat – und vor allem genau weiß, was man mit dem exponiert gelegenen Gebäude anfangen kann.

2018 hat die städtische Marketing- und Entwicklungsgesellschaft (MEGB) das denkmalgeschützte Ensemble für knapp zwei Millionen Euro gekauft, abgesegnet von der Stadtverordnetenversammlung. Getan hat sich seitdem wenig, mit Ausnahme der Revitalisierung der Räumlichkeiten in der Bahnhofstraße. Dort betreibt Daniela Recktenwald seitdem die Galerie „Krämer reloaded“, quasi ein kleiner Schatz in der großen Schatzkiste.

An Ideen, was die Stadt mit der Immobilie anfangen könnte, mangelt es nicht. Wohnungen, ein Café, die Hauptstelle der Sparkasse, Arztpraxen, die Liste mit Vorschlägen aus der Kommunalpolitik oder der Bevölkerung heraus ließe sich beliebig fortsetzen. Was davon überhaupt umsetzbar wäre, weiß man jedoch nicht.

Tobias Pommerening neu im Team

Das soll sich in den nächsten Monaten ändern. Die MEGB lädt für 22. Oktober Bensheimer Architekten zu einem Workshop ein, die alle einen Bezug zur Arbeit mit denkmalgeschützten Häusern haben. Verantwortlich für das Großprojekt wird Tobias Pommerening sein, der seit dem 1. Oktober das Team der MEGB verstärkt. Der Bensheimer Pommerening kommt vom Immobilienentwickler BPD. Dort hat er unter anderem die lokalen Bauvorhaben auf dem Euler- und EKZ-Gelände sowie in Heppenheim auf dem Areal der früheren Vitos-Klinik betreut.

Bereits vor Dienstantritt hat er sich in seiner Freizeit mit der Vorbereitung seiner nächsten Aufgabe befasst. „Das ehemalige Kaufhaus hat eine ungemeine Präsenz in der Fußgängerzone. Wir wollen von Beginn an mit den Experten zusammenarbeiten und gehen bewusst einen anderen Weg als zum Beispiel bei einem klassischen Wettbewerbsverfahren.“

Als erstes müsse geklärt werden, welche Nutzungen für den weitläufigen und verschachtelten Komplex möglich sind. Über ein entsprechendes Konzept soll es dann an die Entwicklung gehen. MEGB-Geschäftsführer Helmut Richter und Baudezernentin Nicole Rauber-Jung hoffen, dass aus dem Workshop heraus erste Möglichkeiten sichtbar werden.

Nach der Vorstellung von Tobias Pommerening wäre es optimal, wenn man bis Ende dieses Jahres erste Konzepte auf dem Schreibtisch hätte. Dafür könnten sich interessierte Architekten auch zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammenschließen. Das Ziel ist klar: „Wir wollen hier einen Magneten für die Innenstadt etablieren.“ Ebenso unumstößlich ist, dass sowohl die Gesellschafterversammlung der MEGB als auch die Stadtverordnetenversammlung für finale Beschlussfassungen zuständig sind. Darauf wies Helmut Richter explizit hin. „Wir sind nur die ausführende Hand, die Entscheidungsgewalt liegt bei den Gremien.“

Ausschließen will man auf dem Weg dorthin nichts. Alle Ideen würden eingespeist, es solle alles offen diskutiert werden, bemerkte Nicole Rauber-Jung. Sie sei sich sicher, dass man am Ende ein überzeugendes Konzept präsentieren könne. Eingebunden werden muss zudem die Denkmalschutzbehörde in Heppenheim. Vorgespräche gab es bereits. Denkbar wäre demnach, dass man im hinteren Bereich zur Schuhgasse stärker ins Gebäude eingreifen könnte als entlang der Bahnhof- und Hauptstraße. Die dortigen markanten Gestaltungselemente müssen erhalten bleiben.

Bei der MEGB lebt man in der Hoffnung, 2021 mit konkreten Planungen starten zu können. „Es ist ohne Zweifel ein spannendes Projekt“, so Pommerening – von dem unter Umständen auch die Nachbargebäude profitieren könnten, wenn das Ensembles barrierefrei erschlossen wird und eine Anbindung möglich wäre.

Das ist aber noch Zukunftsmusik. Zunächst steht Ende Oktober der Workshop an, der mit einem Rundgang durch das Gebäude startet. Die Metzendorfgesellschaft wird einen fachlichen Input geben, eine Vertreterin der Denkmalpflege wird darüber hinaus vor Ort sein.

Lohnenswert ist nicht nur der Blick nach vorne, sondern auch in die Vergangenheit. Den Grundstein für das jahrzehntelang erfolgreiche Kaufhaus legte Anschel Reiling, der 1857 ein Geschäft in der Hauptstraße 24 eröffnete. Die Witwe des jüdischen Kaufmanns, Elise Neugaß, kaufte 1876 das Manufakturwaren- und Konfektionsgeschäftshaus von Georg Krausser an der Ecke Hauptstraße/Bahnhofstraße und verlegte das Geschäft dorthin – es war die Geburtsstunde des Kaufhauses Reiling.

1911 kam Metzendorf ins Spiel

Das Sortiment war breit aufgestellt, von Herren- und Damenbekleidung über Pelze, Möbel bis hin zu Gardinen reichte die Warenvielfalt. Zudem betrieben die Söhne des Gründers, Lazarus und Daniel Reiling, ein kleines Bankgeschäft.

1911 kam schließlich Professor Heinrich Metzendorf ins Spiel. Er wurde von der Familie mit dem Um- und Erweiterungsbau beauftragt – das Ergebnis lässt sich heute noch unter anderem an der flexiblen Nutzung der Räumlichkeiten und den markanten Rundbogenfenstern ablesen. Als innovativ gilt damals wie heute der Erweiterungsbau entlang der Bahnhofstraße, den Metzendorf in Anlehnung an die großen Kaufhäuser in Berlin, München und Paris gestaltet.

Das ursprünglich aus vier Häusern bestehende Ensemble ist bekanntermaßen in weiten Teilen ein Sanierungsfall. In den Obergeschossen, die vor allem zum Marktplatz hin Wohnungen beherbergten, ist die Zeit vor 100 Jahren stehengeblieben – während die Gewölbekeller mittelalterlichen Charme versprühen.

Dennoch ist der Wert des alten Kaufhauses unbestritten. Will man das Zentrum stärken, braucht es ein innovatives wie flexibles Konzept für das städtebauliche Kleinod. Und das am besten ohne unnötige Verzögerungen.

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