Bensheim

PiPaPo-Theater Sehr gut besuchter Vortrag von Ernst-Ludwig Drayß über Armenien

Gastfreundliches Land mit reicher Kultur

Archivartikel

Bensheim.Ein voller Keller im PiPaPo: Wohl an die 50 Zuhörer verfolgten am Mittwochabend einen Vortrag von Ernst-Ludwig Drayß über Armenien. Der gebürtige Lorscher, der seit mehr als 40 Jahren in Bensheim lebt, sprach auf Einladung des Förderkreises Kleinkunst und Kultur über ein Land, das er seit Jahren sehr gut kennt.

1994 war Drayß als Vertreter der Deutschen-Bank-Gruppe erstmals beruflich in Armenien. „Ich hatte gleich das Gefühl: Hier liegen die Wurzeln unserer Kultur,“ erklärte er bei seinem Vortrag. Im Jahr 2000 verließ Drayß die Deutsche Bank, blieb aber mit hochrangigen Persönlichkeiten Armeniens in gutem Kontakt. Er wurde als Finanzfachmann Berater bei der Entwicklung eines Pensionssystems für Armenien.

Kulturellen Austausch fördern

Seit 2014 ist er dort Vorsitzender des Aufsichtsrats einer Gesellschaft zur Verwaltung der staatlichen Pensionskasse – mit ausschließlich armenischen Angestellten, die alle ausgezeichnet ausgebildet seien, wie Drayß betont. In all den Jahren festigte er auch die Beziehung zwischen Armenien und Deutschland, etwa durch Kontakte zum Kuratorium Weltkulturdenkmal Kloster Lorsch, zu dessen Gründern er 1997 gehörte. Im Vorstand des Vereins NOAH setzt sich Drayß für die Förderung des kulturellen Austausches zwischen Armenien und Deutschland ein.

Bis heute reist Ernst-Ludwig Drayß mehrmals im Jahr nach Armenien. In all den Jahren ist eine Fülle an Fotografien entstanden, anhand derer der Referent das Publikum im PiPaPo auf eine Reise durch ein für viele unbekanntes Land führte. Zur Einführung diente ein Blick in die wechselvolle Geschichte einer Region, die einst im Zentrum der kulturell hoch entwickelten Welt lag, heute aber von Krieg und Terror geprägt ist.

Von der babylonischen Zeit über die Gründung von Urartu und die glanzvolle Zeit der beiden vorchristlichen Jahrhunderte bis zur Eroberung durch die Araber im Jahr 640 unterlag die Region einem vielfältigen Wandel und wurde in der „Dunklen Zeit“ zwischen etwa 1400 und 1800 vollends zu einem Spielball der Mächte, als die Region zum Streitobjekt zwischen Persien und dem Osmanischen Reich wurde.

Völkermord im Ersten Weltkrieg

Einen Tiefpunkt bildete der Völkermord an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs. In jüngerer Zeit prägte die Loslösung von der Sowjetunion und der Krieg um Bergkarabach Anfang der 1990er Jahre die Geschichte des Landes, das in Bezug auf seine Außengrenzen noch immer von der GUS abhängig ist. Eine ermutigende Entwicklung gab es im vergangenen Jahr mit der sogenannten Samtenen Revolution, die ohne jegliches Blutvergießen demokratische Neuerungen durchsetzte. Obwohl derzeit alles friedlich sei, beeinflusse der Konflikt mit Aserbaidschan um die Region Bergkarabach nach wie vor das politische Klima.

In einer ersten Etappe führte Drayß sein Publikum in die Hauptstadt Jerewan, die vom Berg Ararat überragt wird – dem Wahrzeichen des Landes, das jedoch heute nicht mehr auf dem Gebiet Armeniens, sondern in der Türkei liegt. Die Stadt ist nach wie vor von der Architektur der 1920er Jahre geprägt, als sie nach einem Erdbeben komplett neu aufgebaut werden musste. Auch die heutigen Neubauten in der Altstadt greifen diese alten Formen wieder auf.

Nach der prächtigen, weltstädtischen Kulisse der Hauptstadt zeigten die Bilder der ländlichen Regionen ein armes Land mit allgegenwärtigen Industrieruinen, die vom wirtschaftlichen Niedergang nach dem Zerfall der Sowjetunion zeugen. Einst eine der reichsten Sowjetrepubliken ist die Wirtschaftskraft des Landes seit 1990 zu etwa 90 Prozent zurückgegangen. Die Jugend auf dem Land strebe die Ausreise nach Europa oder in die USA an, berichtete der Referent. Und viele Institutionen des an Kultur reichen Landes verdanken ihre Existenz den Spenden reicher Auslandsarmenier, wie Drayß an Beispielen deutlich machte.

Der Referent zeichnete aber auch das Bild eines ungeheuer gastfreundlichen Landes, bei dem sich der Ausländer häufig unversehens zum üppigen Mahl in großer Runde in Privatwohnungen eingeladen sehe.

Geradezu überwältigend, auch im Gegensatz zu der Armut auf dem Land, kam im Vortrag der kulturelle Reichtum Armeniens zur Geltung. Nicht nur eine der größten Handschriftensammlungen der Welt, hervorragend konservatorisch betreut, befindet sich hier, sondern auch die jahrhundertealte, bis heute gepflegte Tradition der Chatschkare, der im Landschaftsbild überall zu findenden Kreuzsteine: im Flachrelief reich ornamental verzierte Steine zur Ehre Gottes, die auf privaten Stiftungen beruhen.

Reizvoll gelegene Klöster

Drayß zeigte auch mehrere der landschaftlich reizvoll gelegenen Klöster, die auf die lange Tradition eines Landes zurückgehen, das seit dem Jahr 301 das Christentum als Staatsreligion festgeschrieben hat. Besonders eng ist die Beziehung des Kreises Bergstraße zum Kloster Geghard, dem im 4. Jahrhundert gegründeten Partnerkloster des Klosters Lorsch, das über einen weltberühmten Chor verfügt, der im Oktober im Heppenheimer „Dom“ gastieren wird.

Musik, Tanz und Malerei

Musik und Tanz, Gesang und Malerei werden im ganzen Land schon von Kind an gepflegt, unter anderem in den ehemaligen Heimen der Jungen Pioniere, in denen heute kostenloser, freiwilliger Unterricht für Kinder und Jugendliche angeboten wird. Eine Chance, die ausgiebig genutzt wird. Ein weiteres, gut gepflegtes Kulturgut in Armenien ist das Schachspiel. Es gehört zum Pflichtunterricht schon in der Grundschule und der Anblick schachspielender Menschen prägt das öffentliche Leben.

Zahlreiche Jazz-Clubs zeugen von der Begeisterung der Bevölkerung für moderne Musik. Doch gibt es auch ein tief verankertes Geschichtsbewusstsein, das namentlich im Gedenken an das Trauma des Völkermords zum Ausdruck kommt: Alljährlich am 24. April kommen Hunderttausende zum Genozid-Denkmal in Jerewan und legen Blumen nieder.

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