Bensheim

Parktheater Vor rund 500 Zuschauern perfektioniert Johann König die Langsamkeit

Gepflegte Zeitverschwendung mit dem Profi

Bensheim.Man kann Yoga praktizieren oder CDs mit Meeresbrandung hören, man kann aber auch gleich zu Johann König gehen. Seine Programme bringen auch den hektischsten Zeitgenossen in die Balance, wirken wie ein verschreibungspflichtiger Downer für hyperaktive Alltagsbewältiger. In seinem aktuellen Programm „Jubel, Trubel, Heiserkeit“ hat der 46-jährige Komiker seinen Stil perfektioniert: Im Bensheimer Parktheater ließen sich rund 500 Zuschauer mit gepflegter Zeitverschwendung überaus unterhaltsam bespaßen.

Man weiß nicht genau, was es ist, dass man sich bei dem unspektakulären Alleinunterhalter nicht nach 15 Minuten ins Reich der Träume verabschiedet. Seine Geschichten sind wenig abenteuerlich, mithin banal. Ein etwas verschroben wirkender Typ, der seine besten Gags selbst ein wenig verschämt beschmunzelt und eine Humorarbeiter-Attitüde an den Tag legt, die zwei Stunden Kleinkunst wie eine Nachtschicht am Verpackungsfließband erscheinen lässt. „Erledig, erledigt, lass ich heute weg – zu anspruchsvoll“ notiert er nach der ersten Hälfte brabbelnd in sein Heftchen.

Johann Königs selbstironischer, leicht depressiver Humor fordert geistige Beweglichkeit, ist kein Auslöser von Schenkelklopfer-Orgien oder im Genre des Brüllaffen-Entertainments zu finden. Nach kaum drei Minuten hat er die Innenarchitektur des Parktheaters in Grund und Boden gelobt. „Naja, Ihnen muss es ja schließlich gefallen.“ In Bensheim plaudert er darüber, warum ihn eine seltsame Macht dazu zwingt, immer gerade Beträge zu tanken und was alles zu unternehmen ist, um die drei Kinder, die bei ihnen sukzessive eingezogen sind, in den kommenden Jahren wieder zum Ausziehen zu bewegen.

Und dazwischen explodiert er urplötzlich mit Hula-Hoop-Reifen um die Taille zu „Move it“-Gewummer über die Bühne. Den Sinn dieser Aktion oder einen dramaturgischen Zusammenhang musste man nicht lange suchen. Es gab keinen. Die Nummer war wohl der Aufrechterhaltung des Spannungsbogens geschuldet. Dann wieder futtert er in sich versunken minutenlang After-Eight-Täfelchen, während er sich über das global zweifelhafte Geschäftsgebaren des Lebensmittel-Konzerns Nestlé echauffiert, das die Dinger herstellt.

König beherrscht sie, die feine Kritik an der Verlogenheit der Gutmenschen, die für heimisches Obst hunderte von Kilometern mit dem alten Diesel fahren würden und ihre Kinder mit dem Auto zum Hort bringen und wieder abholen. „Früher hieß es: Viel Spaß im Ferienlager. Wir sehen uns in fünf Wochen.“ Heute werde Kindern von Anfang an jede Form von Anstrengung genommen: Laut Statistik kommt jedes dritte Baby ganz ohne Mühe per Kaiserschnitt zur Welt.

Sprachliche Kapriolen

Das Leben mit Kindern sei schön. Sehr, sehr schön. „Das muss man sich einfach nur immer wieder sagen.“ Man spürt: Der gelernte Kinderkrankenpfleger und Sportlehrer hat auf der Bühne seinen Spielplatz gefunden. Die sprachliche Masche von einst, ein schüchternes Herumeiern als komisches Prinzip, ist überwunden. Die brüchige Stimme kommt nur noch gelegentlich durch, wenn es zum Moment und zur Pointe passt. Zwischendurch gibt es wohldosierte Globalisierungsbedenken und besorgte Pädagogikseufzer über zu große ökologische Fußabdrücke, die Mutter Erde nachhaltig Schmerzen bereiten dürften. Immerhin habe er selbst „drei Ressourcenverschwender“ in die Welt gesetzt, die fleißig am Untergang mitarbeiten.

Ansonsten gibt es minimalistische Gedichte, blitzartige Wutausbrüche und sprachliche Kapriolen – etwa, wenn König Boxspringbetten mit SUVs vergleicht oder feststellt, dass die Deutschen die Käfighaltung so lieben, weil sie auch ihre Grundstücke gern mit steingefüllten Käfigen ummauern. Fazit: Yoga und Naturgeräusche sind gut. Zwei Stunden Johann König können aber das gleiche leisten: innere Ruhe, aufgehellte Gesichtszüge.

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