Bensheim

Glosse

Grünes Fiasko

Archivartikel

Es ist ein Skandal biblischen Ausmaßes. Und schuld ist ein großer Grüner, der sich einem ökologischen Feigenblatt gleich mitten auf dem Marktplatz vor die Kirche gepflanzt hat. Der legendäre und seit Jahrhunderten gepriesene Schorschblick, bekanntlich die Mutter aller Lösungen für die Probleme in der Innenstadt, ist verloren, fort für immer, verstellt durch einen 23 Meter hohen Weihnachtsbaum. Unfassbar und unverrückbar. Ein Verrat dieser Größenordnung gab es vermutlich zuletzt, als Brutus sich damals im März bei Messerspielen dem Rücken von Caesar zu sehr näherte.

Wir erinnern uns: Mit einer taktischen Meisterleistung samt Rolle rückwärts, die Turnvater Jahn zu Tränen gerührt hätte, hatte Bürgermeister Rolf Richter gegen die Widerstände von Neubau-Fanatikern das Haus am Markt ohne Plan A und B abreißen lassen. Einziges Ziel: Den Bensheimern eine ihrer größten Sehnsüchte zu erfüllen. Ein freier Blick auf Sankt Georg. Eine Entscheidung mit mehr Weitblick als das Hubble-Teleskop.

Von Touristen geflutet

Seitdem geht es mit der Stadt derart aufwärts, dass einem vor Höhenluft schwindelig werden kann. An Beispielen mangelt es nicht: Der Marktplatz wird von konsumwilligen Touristen geflutet, die auf ihren Klappstühlen sitzend stundenlang mit bewunderndem Blick aufs Gotteshaus starren – oder alternativ zur La-Ola-Welle ansetzen, wenn die Kehrmaschine des Bauhofes über die verbliebenen Trümmer rumpelt.

Der Ansturm rund um die Uhr ist so groß, dass man im Rathaus überlegt, ein weiteres Haus im direkten Umfeld abzureißen, um Platz für eine Klappstuhl-Tribüne zu schaffen. So geht Stadtplanung im 21. Jahrhundert.

Ein kommunales Airbnb

Von der Strahlkraft des Schorschblicks profitierte zudem das modernisierte Bürgerhaus, zunächst als millionenschweres Feldhallen-Fiasko verschrieen, mittlerweile als Feldlager für die Klappstuhltouristen unverzichtbar. Ein kommunales Airbnb, die elf Millionen für die Sanierung sollten spätestens 2099 amortisiert sein. Und das auch nur wegen der Photovoltaikanlage auf dem Dach. Greta Thunberg sei dank.

Doch mit dem rasanten Aufstieg ist nun Schluss. Ein einziger Weihnachtsbaum gefährdet das Wohl Bensheims. Und das in einer Stadt, in der die Bäume grundsätzlich in den Himmel wachsen. Weil man den Wald mal wieder vor lauter Bäumen nicht gesehen hat – um mal alles aufzufahren, was das Phrasenschwein zu diesem Thema hergibt.

Vom Holzweg kommt man leider nicht mehr runter. Was es nun bräuchte, wäre ein ergebnisoffener Dialogprozess, Arbeitskreise, Bürgerversammlungen und Stadtverordnetenbeschlüsse. Damit man spätestens im nächsten Jahr weiß, wie hoch das Tännchen sein muss, um die Kirche noch erblicken zu können. Oder ob ein Christbaum auf dem Marktplatz überhaupt zeitgemäß ist – was hat so ein Teil denn jemals für Bensheim getan?

Hinter die Fichte gelockt

Ein städtebaulicher Wettbewerb wäre ebenfalls keine schlechte Idee. Ein gestylter Nadelträger, entworfen von einem internationalen Stararchitekten, dürfte den Marktplatz auf Jahre hinaus zu einem Leuchtturm in der Region machen. Und die Klappstuhltouristen zurückgewinnen.

Es entbehrt übrigens nicht einer gewissen Logik, dass man sich ab sofort hinter die Fichte locken lassen muss, um den weltweit einzig wahren Schorschblick zu genießen. In diesem Sinne: Schon mal frohes Fest.

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