Bensheim

Jubiläum Seit 25 Jahren kümmert sich der Hospiz-Verein Bergstraße um sterbende Menschen / Pflegende Angehörige stärken

Herausforderungen am Lebensende

Bensheim.Der Hospiz-Verein Bergstraße blickt in diesem Jahr auf sein 25-jähriges Bestehen zurück. Aus diesem Anlass werden einige Veranstaltungen angeboten. In einem Gastbeitrag, den wir leicht gekürzt veröffentlichen, macht sich Swantje Goebel, die gemeinsam mit Doris Kellermann die Hospiz-Akademie leitet, Gedanken über die Sorgekultur am Lebensende.

„Denken Sie schon mal darüber nach, wie Ihr eigenes Sterben wohl vonstattengehen mag? Hand auf’s Herz: Sicher stellen Sie sich einen überraschenden Tod vor, so wie sich das ja viele von uns wünschen, richtig? Ein Sterben, das so plötzlich und unerwartet über uns kommt, dass wir es quasi gar nicht selbst miterleben.“

Doch die Statistik verheißt etwas Anderes: Aller Voraussicht nach erwartet uns ein absehbarer Tod, dem eine mehr oder weniger lange Phase der Krankheit und Pflegebedürftigkeit vorausgehen wird. Wir tun also gut daran, uns heute schon Gedanken darüber zu machen, wie unser Lebensende gestaltet sein soll.

Was wird am Lebensende wichtig sein? Auch hier sind wir uns vermutlich einig: Wir wünschen uns beste Versorgung durch hoch qualifizierte Kräfte, eine optimale Symptomkontrolle, bestmögliche Lebensqualität und dass unsere Bedürfnisse umfassend berücksichtigt werden. Wir möchten zu Hause bleiben können, in den eigenen, vertrauten vier Wänden – und dort möglichst auch sterben dürfen, umgeben von unseren Liebsten.

Autonom und selbstbestimmt

Gleichwohl wollen wir auf keinen Fall zur Last für sie werden, schließlich haben wir unser gesamtes Erwachsenenleben so autonom und selbstbestimmt wie möglich gestaltet. Aber eine voranschreitende, das Leben begrenzende Erkrankung bringt es einfach mit sich, dass Gewohntes aufgegeben werden muss, zunächst vielleicht die Hobbys betreffend oder die berufliche Rolle, und schließlich verändert die Erkrankung unsere gesamte bisherige Lebensgestaltung und auch unser Familiengefüge.

Diese Fülle von Herausforderungen will gestaltet werden, und dafür brauchen wir neue Lösungen und Ideen. Denn das öffentliche Gesundheitssystem allein wird es nicht richten (können). Eine Versorgung, die nur auf professionellen Diensten beruht, kann nicht als durchgehende Betreuung organisiert sein, sie ist immer eine „Versorgung nach Terminvergabe“.

Immer mehr Familien befinden sich in der Situation, dass ein Angehöriger pflegebedürftig wird und täglicher Unterstützung bedarf. Laut Statistischem Bundesamt waren 3,41 Millionen Menschen im Dezember 2017 in Deutschland pflegebedürftig; gut drei Viertel von ihnen (76 Prozent) wurden zu Hause versorgt. Das Engagement pflegender An- und Zugehöriger ist also immens; nicht von ungefähr werden sie auch als „größter privater Pflegedienst“ bezeichnet. Ihr Einsatz jedoch bleibt vergleichsweise ungesehen und oft auch unbedankt.

Die Hospiz-Akademie Bergstraße hat sich in diesem Jahr zur Aufgabe gemacht, die Gruppe der pflegenden Zugehörigen zu stärken. In Vorträgen und Workshops können sie Pflegebasics erlernen und die eigene Rolle reflektieren, sich über Leistungen der Pflegeversicherung informieren und herausfinden, wie sie bei aller Beanspruchung für sich selbst gut sorgen können. Und sie erfahren, woran erkennbar ist, wenn es ans Sterben geht und was dann wichtig ist. Für die Zeit der jeweiligen Veranstaltung bietet der Hospiz-Verein Bergstraße ehrenamtliche Unterstützung bei der häuslichen Betreuung an, um Pflegepersonen die Teilnahme zu ermöglichen.

Sorgekultur an der Bergstraße

Doch das allein reicht nicht, und Lösungen dürfen nicht ausschließlich auf individueller Ebene gesucht werden. Deshalb widmet sich die Hospiz-Akademie verstärkt der Frage, wie kommunale Sorgekultur für Menschen am Lebensende hier an der Bergstraße gestaltet werden kann. Welche Strukturen gibt es bereits, und welche Angebote braucht es noch, um Schwerstkranken und ihren Familien die notwendige Unterstützung zukommen zu lassen? Wo funktioniert Vernetzung, und was können wir davon lernen?

Auch die Hospiz-Nacht, die anlässlich des 25-jährigen Vereinsjubiläums am 25. Oktober 2019 stattfinden wird, steht unter diesem Motto. In den vergangenen Jahren konnte viel erreicht werden, Hospizarbeit hat sich etabliert und erfährt große Unterstützung aus Politik und Öffentlichkeit.

Und nun? Was steht an, um Hospizarbeit in Richtung kommunaler Sorgekultur weiterzuentwickeln? Welche Wünsche haben die Menschen in der Region an den Hospiz-Verein und das Hospiz Bergstraße? Und welche Unterstützung erwarten all jene, die in Pflegeeinrichtungen, Krankenhäusern, im Privathaushalt, in Behinderteneinrichtungen tätig sind?

Das Jubiläum soll der Anlass sein, um gemeinsam darüber ins Gespräch zu kommen. Denn das Ziel steht fest: Überall dort, wo Menschen schwerstkrank, pflegebedürftig und sterbend sind, gilt es, gute Bedingungen für eine ganzheitliche und bedürfnisorientierte Sorgekultur zu schaffen, und zwar für alle Beteiligten.“ red

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