Bensheim

Heimatgeschichte Mitglieder der Geschichtswerkstatt Geschwister Scholl recherchierten über die Vergangenheit des Kaufhauses Ganz

Historisches Puzzlespiel im Stadtarchiv

Archivartikel

Bensheim.„Dieses Straßenverzeichnis ist ja ein wahres Geschichtsbuch. Das habe ich so nicht vermutet“, drückt Philipp Formatschek sein Erstaunen zum Gehalt eines Dokumentes aus, das er gemeinsam mit seiner Mitschülerin Jenna Bornhöft seit 30 Minuten unter die Lupe nimmt.

„So langsam können wir die Kurrent- und Sütterlin-Schrift immer besser entziffern, die man vor 100 Jahren hier hineingeschrieben hat“, ergänzt Bornhöft. Formatschek und Bornhöft sind Mitglieder der beiden Q2-Geschichtskurse der Lehrkräfte Peter Ströbel und Frank Maus, die auch Leiter der Geschichtswerkstatt Geschwister Scholl sind. Ihre Recherche zur Historie des Kaufhauses Ganz während der NS-Zeit führte die Schüler aktuell ins Stadtarchiv, welches sich in der Alten Post befindet.

Umgang mit Originalquellen

Der Leiter des kommunalen Archivs, Manfred Berg, und seine Kollegin Claudia Sosniak führten die Jugendlichen in die Arbeit eines Archivars ein und ermöglichten ihnen konkrete Recherchemöglichkeiten anhand verschiedener Dokumentesammlungen.

Beide nahmen sich der jungen Geschichtsforscher an und vermittelten ihnen erste Grundlagen der Archivregistratur sowie den Umgang mit Originalquellen.

„Die allermeisten Dokumente, die wir hier aufbewahren, sind Unikate und schon deshalb von großem Wert. Gehen diese verloren oder werden sie durch unsachgemäße Verwendung unbrauchbar, müssen sie restauriert werden, da sonst historische Nachweise unwiederbringlich verlorengehen würden“, führte Berg vor den Schülern aus und sensibilisierte für einen rücksichtsvollen Umgang.

Nach einer Einführung in die unterschiedlichen Quellengattungen und Dokumentenmaterialien konnten sich die Jungsforscher dann sogleich an die Recherchearbeit machen, um erste Erkenntnisse zu sammeln. Hannah Crisand und Bela Schachner nahmen beispielsweise die auf Mikrofilm gesicherten Ausgaben des Bergsträßer Anzeigeblattes der frühen 1930er Jahre in Augenschein. Dort fanden sich Werbeannoncen des Ganz-Vorgänger-Kaufhauses Zacharias Jacoby, welches seinerzeit den Namen des Vorgängerbesitzers „Julius Heineberg Nachfahren“ nutzte.

Ayana Lilla und Lilliana Fink analysierten Meldekarten des Ehepaars Jacoby, während Johannes Theising und Rugile Bartaseviciute die Umbenennungen der heutigen Hauptstraße 56 und Standort des Kaufhauses Ganz rückverfolgten. „Das ist ja echt ein Puzzle-Spiel“, waren sich die Schülerinnen und Schüler einig.

Recherche noch nicht beendet

„Wir werden heute unmöglich fertig, Herr Berg“, ließen sie den Archivar wissen, der sie umgehend zur Recherche-Fortsetzung einlud. „Ihr seid uns stets willkommen“, gab Berg zurück. „Ihr habt Euch ja mit den Hintergründen zum Kaufhaus Ganz ein definitiv wichtiges Arbeitsfeld auserkoren, das eine genaue und exakte Bearbeitung nötig macht.“

Zuvor hatten sich die Schüler bereits im Geschichtsunterricht mit der emotional aufgeladenen Situation des letzten Ganz-Jubiläums im Jahre 2016 vertraut gemacht. „Wir können die heiklen Rahmenbedingungen in Bensheim durchaus einschätzen und werden keine vorschnellen Beurteilungen formulieren“, erläuterten Julius Keil und Phil Harpe das Arbeitsvorhaben.

„Das wird einige Monate in Anspruch nehmen, zumal wir im Stadtarchiv nicht alle notwendigen Dokumente finden können, die es zur Gesamteinschätzung der Hintergründe braucht. Gut Ding will Weile haben – könnte man sagen“. Die Jungforscher möchten ihre Forschungsergebnisse allerdings bis zu ihrem Abitur 2020 veröffentlichen. red

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