Bensheim

Neue Initiative Bergsträßer sind aufgerufen, Masken für Mediziner und Pflegepersonal anzufertigen

In Heimarbeit Mundschutz nähen

Archivartikel

Bensheim.Überall fehlt Mundschutz – auch an der Bergstraße. Schutzkleidung ist nicht lieferbar oder unbezahlbar. In Köln wurden vor ein paar Tagen 50 000 Atemschutzmasken aus einem Logistikzentrum der Kölner Kliniken gestohlen. Die Masken werden für das medizinische Personal gebraucht und werden jetzt wahrscheinlich über andere Kanäle höchstbietend verkauft.

Am Freitag lieferte die Bensheimer Firma Graichen – wie berichtet – 2000 Liter Desinfektionsmittel an Bergsträßer Pflegedienste, Altenheime und Arztpraxen. Bei der Auslieferung sei aber auch im Gespräch mit den Einrichtungen klar geworden, wie groß der Mangel an Schutzkleidung ist und wie dramatisch die Folgen für die Patienten sein können: Keine Besuche oder Besuche mit unzureichendem Schutz. Schutzmasken im Wiedereinsatz. „Die Not ist groß“, berichtet Dr. Bianca Scholz, Leiterin der Qualitätskontrolle bei der Firma Graichen.

Wirkungsvoller Schutz

Die Idee: Mundschutz selbst nähen! Als „Hilfe zur Selbsthilfe“ verschickte der Hausärzteverband eine Nähanleitung für einen Behelf-Mund-Nasen-Schutz. Dieser sei zwar weder geprüft noch zertifiziert und stelle lediglich ein Hilfsmittel dar, hieß es in einem Brief des Landeschefs des Hausärzteverbandes, Matthias Berndt, an die Mitglieder. Laut einem namhaften Infektiologen seien die Masken aber nahezu ebenso wirkungsvoll wie ein „regulärer“ Mundschutz. Sie sind waschbar und wiedereinsetzbar.

Ärzte und Pflegepersonal helfen sich selbst, rationieren und verwenden Einmal-Artikel mehrfach oder nähen den Mundschutz selbst. Das brachte Bianca Scholz und Annalena Homa dazu, die Initiative „Wir sind Bergstraße“ ins Leben zu rufen: Am Samstagvormittag wurden sämtliche Nähstuben und Stoffläden an der Bergstraße kontaktiert und zur Mithilfe aufgerufen, Mundschutz fürs erste selbst zu nähen. Auch Privatpersonen mit Nähmaschine können sich selbstverständlich beteiligen.

Erste Prototypen hergestellt

Die Nähschule „Genaehtes“ in Lorsch, der Online-Shop „Leni & Emma“ in Mannheim und das Stoffgeschäft „Der Zentimeter“ in Darmstadt nähen bereits seit letzter Woche im Ehrenamt für das Alten- und Pflegeheim in Groß-Rohrheim auf Bitten des verzweifelten Pflegepersonals, um die Bewohner und Patienten vor dem Virus zu schützen.

Die Nähwerkstatt „Hereinspaziert“ in Heppenheim hat schon erste Prototypen der Schutzmasken hergestellt. Inhaberin Ulrike Schürmann erklärte sich spontan bereit, Stoff und passende Bänder zu spenden. Weiteres Material spendete spontan der Blumenladen „Rosenrot“ sowie das Blumenhaus Mai und Blumenland Herdt in Heppenheim.

Die Inhaberin der Nähstube „Genaehtes“, Andrea Bienia, stellte spontan am Samstagnachmittag eine Nähanleitung als Video bei Facebook ein. Bis zum Samstagabend gab es schon 200 Besucher, die das Video gesehen haben. Ein Weiteres wurde extra für diese Aktion bei Youtube hochgeladen.

Dieser Aufruf richtet sich an alle Bergsträßer mit Nähmaschine, die mithelfen wollen, im Ehrenamt die Masken zu nähen. Ein vorbereitetes Set mit Material wird auf Anfrage verteilt, ebenso die fertigen Masken. Wer sich beteiligen und mithelfen möchte, kann per Mail oder Telefon Kontakt aufnehmen: info@schutzmasken-bergstrasse.de, Telefon 0171/9517657.

Die Abholung wird ebenfalls über die genannten Kontaktdaten koordiniert. Die Verteilung der Masken erfolgt dann gratis, solange der Vorrat reicht, an Altenheime, Ärzte und Pflegepersonal. Die genannten Nähstuben und Stoffläden werden die Aktion begleiten und unterstützen, bis die erste große Lücke geschlossen ist, so der Plan.

Nicht für alle notwendig

Masken sind notwendig für Menschen, die sich um Infizierte kümmern – und solche, die selbst an Symptomen leiden, um die Ansteckung anderer zu verhindern. Für die restliche Bevölkerung sind solche Masken jedoch nicht nötig, das wird auch vom Robert-Koch-Institut (RKI) betont.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht das ähnlich: Bei einer länderübergreifenden Ausbreitung einer Krankheit (Pandemie) empfiehlt sie für die allgemeine Bevölkerung ausdrücklich keine Masken. Das Tragen von Masken könne den Schutz sogar verringern: Das RKI gibt zu bedenken, dass Träger einer Maske sich damit so sehr geschützt fühlen könnten, dass sie andere Präventionsmaßnahmen vernachlässigen.

Um sich zu schützen, kommt es vor allem auf „gute Händehygiene, Husten- und Nies-Etikette sowie Abstand zu Erkrankten“ an, heißt es von Seiten des RKI. cim/dr

Info: Anleitung zum Nähen von Mundschutz des Hausärzteverbands: https://bit.ly/2wkEbpf Video auf Youtube: https://bit.ly/3bhexjZ

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