Bensheim

Metzendorf-Gesellschaft Bei einer Reise nach Wien stand der Wandel in der Architektur Ende des 19. Jahrhunderts im Mittelpunkt

Jugendstil als Gegenbewegung

Archivartikel

Bensheim.Die Mitglieder der Metzendorf-Gesellschaft bemühen sich einerseits um das Andenken des „Architekten der Bergstraße“ vor Ort. Auf der anderen Seite aber steht die Einordnung des Werks von Heinrich Metzendorf in die architektonischen Entwicklungen seiner Zeit. In dessen Werk selbst lassen sich verschiedene stilistische Phasen nachweisen. So sind Metzendorfs frühe Bauten, etwa in Wuppertal, historistisch geprägt; seine Landhäuser an der Bergstraße zeigen den Stil der Jahrhundertwende.

Mit einer viertägigen Exkursion nach Wien spürten knapp 20 Mitglieder der Metzendorf-Gesellschaft dem Wandel in der Architektur am Ende des 19. Jahrhunderts nach. In der Hauptstadt der Österreichisch-ungarischen Monarchie lässt er sich wie in keiner anderen europäischen Stadt ablesen: Da sind zum einen die historistischen Prachtbauten an der Ringstraße, zum anderen aber auch die Bauten der Gegenbewegung der „Secession“ und des beginnenden Jugendstils.

Bei ihrem ersten Rundgang beschäftigte sich die Metzendorf-Gesellschaft ausgiebig mit den Inhalten und Botschaften, die die unterschiedlichen historistischen Stile und die jeweiligen städtebaulichen Anordnungen vermittelten, erklärt Prof. Frank Oppermann, Vorsitzender der Metzendorf-Gesellschaft, der die Reise organisiert hatte und die Gruppe vor Ort führte.

Die „Neue Hofburg“ etwa sei als Erweiterung der alten kaiserlich-königlichen Hofburg im Stil des Neobarocks entworfen worden. Das repräsentative Parlamentsgebäude dagegen zeige sich in Erinnerung an die Wiege der Demokratie im „griechischen Stil“. Die neogotischen Formen des großen Rathauses und die frei stehende Votivkirche wiederum stünden für das Engagement der Bürgerschaft.

Die nächsten beiden Tage widmete die Metzendorf-Gesellschaft den Künstlern und Architekten der gegen diesen Historismus gerichteten Bewegung: Gustav Klimts berühmter Beethoven-Fries im Gebäude der Wiener Secession gehörte als bis heute herausragendes Kunstwerk des Wiener Jugendstils zu den Bemühungen um ein Gesamtkunstwerk als Synthese der einzelnen Kunstgattungen. Die damals innovative Architektur der Postsparkasse, erbaut von Otto Wagner, beeindruckte mit ihrer Fassadengestaltung aus Marmor mit Aluminiumapplikationen, die an einen Geldspeicher erinnert. Ebenfalls von Otto Wagner stammt die oft als „Höhepunkt des Wiener Jugendstils“ bezeichnete Kirche am Steinhof, eine Anstaltskirche für psychisch kranke Patienten. Die Gestaltung erregte damals allerdings das Missfallen des österreichischen Kaiserhauses.

Wagners Schüler Joseph Maria Olbrich entwarf das berühmte Ausstellungsgebäude der Wiener Secession. Der Traum des jungen Architekten von einer „neuen ganzen Stadt, wo wir zeigen wollen, was wir können“, faszinierte die Metzendorf-Reisenden ganz besonders, sagt Prof. Frank Oppermann: Denn diese Stadt, programmatisch 1897 in Wien erdacht, konnte Olbrich ein Jahr später in Darmstadt auf der Mathildenhöhe verwirklichen. Großherzog Ernst Ludwig war Olbrich in Wien begegnet und hatte ihn für sein großes Projekt einer Künstlerkolonie nach Darmstadt geholt. Dort lernte auch Architekt Heinrich Metzendorf Olbrichs Gebäude kennen und bezog daraus manche Inspiration für seine eigene Architektursprache.

Neben der Beschäftigung mit der Architekturgeschichte unter der Führung von ansässigen Kunsthistorikerinnen und Prof. Frank Oppermann gab es für die Teilnehmer der Exkursion auch Zeit, die Stadt zu erkunden, typisch Wienerisches zu erleben und Kaffeehäuser mit ihrem gesellschaftlichen Hintergrund kennenzulernen sowie beim „Heurigen“ einzukehren – dieser jedoch, so berichtet der Vorsitzende, sei für die Bergsträßer Zungen sehr gewöhnungsbedürftig gewesen. eba

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