Bensheim

Parktheater Beeindruckender Christian-Morgenstern-Abend

Kieck-Theater erntet Bravorufe für Galgenlieder

Bensheim.Ein kurzweiliges Literaturerlebnis wurde im Parktheater Bensheim mit einer reichen Auswahl aus den „Galgenliedern“ von Christian Morgenstern geboten. Zu Gast war das Kieck-Theater aus Weimar, alias Cornelia Thiele und Thomas Kieck. Ihre gut einstündige szenische Lesung „Der Unverbeß“ mit Texten von Christian Morgenstern war ein Mix aus Schauspiel, Musik und Pantomime und wurde damit dem ursprünglichen Charakter der Gedichte gerecht, die von ihrem Schöpfer ursprünglich als Liedtexte vorgesehen waren und zunächst auch gar nicht zur Veröffentlichung gedacht waren.

Christian Morgenstern, geboren 1871 in München, hatte auch viele ernste Texte geschrieben, die bis heute noch auf ihre Anerkennung warten. Große Bekanntheit erzielte aber seine komische Lyrik. Morgenstern verlor als Kind seine Mutter durch Tuberkulose, an der auch er sich ansteckte. Die Krankheit und viele Sanatoriumsaufenthalte prägten das Leben des Schriftstellers, bis er mit 42 Jahren starb. Eine enge Freundschaft verband Morgenstern mit dem Gründer der Anthroposophie Rudolf Steiner.

Die „Galgenlieder“ entstanden zunächst 1895 für einen kleinen Kreis von acht Freunden, dem Bund der „Galgenbrüder“, bei Ausflügen zu einer Gastwirtschaft auf dem Galgenberg bei Potsdam. Die Bundesbrüder entwickelten ein makabres Szenario für ihre Treffen, das um das Thema Galgen kreiste, und in dessen Rahmen auch Morgensterns Galgenlieder vorgetragen wurden. Diese jedoch erscheinen meist gar nicht so finster, sondern entfalten einen liebenswürdigen, scharfsinnigen Sprachwitz. Die zunächst leicht zu konsumierenden Gedichte offenbaren jedoch häufig einen tieferen Sinn, der sich erst im Nachhinein zu erkennen gibt; sie sind experimentell und durchaus avantgardistisch.

Cornelia Thiele machte in ihrem Vortrag auch deutlich, dass die so leichtfüßig daherkommenden Reime vermutlich einiges an dichterischem Aufwand benötigt hatten. Das Programm umfasste eine Auswahl charakteristischer Texte. Etwa das Gedicht von den drei Spatzen im winterlichen Haselstrauch, das Gedicht vom Lattenzaun („mit Zwischenraum, hindurchzuschaun“) oder „Fisches Nachtgesang“, der in geschriebener Form nur aus den Zeichen für Hebungen und Senkungen besteht und keine Buchstaben enthält. Cornelia Thiele stellte diesen stummen Gesang pantomimisch so überzeugend dar, dass es dem Publikum einen Sonderapplaus wert war. Insgesamt beeindruckte die Schauspielerin mit ebenso guter Artikulation wie szenischer Umsetzung. Dabei blieben die Spiel- und Tanzeinlagen angemessen hinter den Texten zurück und dienten vor allem der Anregung der Fantasie der Zuschauer. Die musikalische Begleitung war dagegen mitunter etwas überdeutlich und betont albern.

Neben bekannten Gedichten gab es auch Gelegenheit, viele weniger populäre, kantigere Texte kennenzulernen. Etwa „Galgenkindes Wiegenlied“, das beginnt: „Schlaf, Kindlein, schlaf, am Himmel steht ein Schaf; das Schaf, das ist aus Wasserdampf und kämpft wie du den Lebenskampf.“ Oder ein Auszug aus „Zäzilie“: „Zäzilie soll die Fenster putzen, sich selbst zum Gram, jedoch dem Haus zum Nutzen.“ Die Hausherrin verlangt makellos geputzte Fenster, die verzweifelte Magd schlägt am Ende die Scheibe ein, um den Anforderungen gerecht zu werden und wird entlassen. Nicht zu vergessen der rätselhafte Text um den „Unverbeß“, der dem Abend den Namen gab: „Er war voll Bildungshung, indes, soviel er las und Wissen aß, er blieb zugleich ein Unverbeß, ein Unver, sag ich, als Vergeß; ein Sieb aus Glas, ein Netz aus Gras, ein Vielfraß – doch kein Haltefraß.“

Applaus, Bravorufe von der engbesetzten, zum Zuschauerraum umfunktionierten Bühne des Parktheaters und eine Zugabe beschlossen den literarischen Abend.

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