Bensheim

Dorfkultur Volksfeste lassen sich nicht „ins Internet verlegen“ / Die späten Feste profitieren von Erfahrungen im Umgang mit dem Virus / Am Sonntag Kerb in Gronau mit strengen Hygieneregeln

Kirchweih-Brauchtum in Zeiten der Pandemie

Gronau.Coronabedingt fallen derzeit alle Volksfeste aus. Als im August öffentlich diskutiert wurde, den Karneval 2021 abzusagen, widmete sich auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung dem Thema. Man solle nicht so tun, als versetze ein Ausfall „alle kulturbeflissenen Deutschen in Schockstarre, weil ihnen eine lebenswichtige Errungenschaft vom Staat verwehrt werde“, war auf der Titelseite der FAZ zu lesen.

„Bevor nun verantwortungslos gefeiert wird, sollten erst einmal unbeschwerte Besuche in Altenheimen wieder möglich sein, sollten Eltern ihre Kinder sorglos in Schulen und Kindergärten schicken können, sollte niemand wegen der Pandemie seinen Arbeitsplatz verlieren.“

Die Argumentation ist vernünftig. Auch wenn zu ergänzen wäre, dass von Volksfesten ebenso Arbeitsplätze abhängen. Und zwar nicht nur bei Leuten, in deren Gesellenbrief „Brauer und Mälzer“ steht. Volksfeste mit Millionenpublikum wie auch das Münchner Oktoberfest sind in der Pandemie undenkbar, das ist klar.

Ersatz durch digitale Medien?

Aber wie sieht es mit einer Kerb auf dem Dorf aus? Grundsätzlich nicht anders. Zwar lockt eine Kirchweih meist nur einige hundert Personen aus dem Umland an. Aber ob Menschen dicht gedrängt in der U-Bahn zwischen München-Hauptbahnhof und Theresienwiese oder in einem Dorfgemeinschaftshaus stehen, ist dem Virus SARS-CoV-2 egal. Deshalb fanden 2020 nirgendwo in Südhessen Tanzveranstaltungen zu den örtlichen Kirchweihen statt.

Inspiriert von Home Office und Skype-Telefonaten setzten viele auf digitale Medien. „Die Egelsbacher mussten ihre Kerb aufgrund der Corona-Pandemie (...) größtenteils ins Internet verlegen“, hieß es in einem Mitteilungsblatt. Hinter solchen Formulierungen steht die Annahme, das Internet biete einen „virtuellen Raum“, der wie ein Saal oder ein Festzelt für eine Veranstaltung genutzt werden könne.

Volksfeste leben durch Begegnung

Derart technisch betrachtet, erscheinen alle Online-Alternativen für abgesagte Volksfeste merkwürdig, auch wenn sie noch so gut gemeint sind. Wer eine Kamera besaß, filmte auch schon vor vierzig Jahren den Kerweumzug. Großeltern, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr auf den Kerweplatz kommen können, freuen sich auch heute über Filmaufnahmen. Aber wer hätte früher gesagt „Wir verlegen die Kerb in einen Videofilm“? Auch die perfekt organisierte und allseits hochgelobte Aktion „Winzerfest dehaam“ war letztlich kein Weinfest, sondern eine Youtube-Sendung.

Denn Volksfeste sind nur in Form der physischen Begegnung von Menschen möglich. Zu Volksfesten gehörten kulturgeschichtlich immer der Tanz und auch der Rausch. Aber genau diese enthemmte Körperlichkeit ist 2020 aus gutem Grund verboten. Zu viele Aerosole würden freigesetzt, wenn der Kerweparre’ in der Hütchenbar „Wem is’ die Kerb?“ riefe und sogleich aus zig Kehlen die Antwort „Unser!“ ertönte.

Die frühen südhessischen Kirchweihfeste in Hambach (Ende April) oder Biebesheim (Anfang Mai) wurden vom Lockdown überrumpelt. Erst gegen Ende der Kerwesaison erlaubte die epidemiologische Erfahrung einzelne Lockerungen. Zwar sind Saalveranstaltungen mit Blasmusik und Gesang weiterhin undenkbar. Erst recht angesichts steigender Infektionszahlen. Doch die Winterkäster Kerweredd oder der Auerbacher Umzug zeigten, wie sich das Brauchtum trotz Corona hochhalten lässt. Zumindest unter freiem Himmel. „Entweder richtig oder gar nicht: ‚Eine virtuelle Variante kam für uns nicht in Frage‘“, zitierte der BA die Haltung des Vereins Auerbacher Kerb.

Gleicher Meinung ist man auch in Gronau, wo am Sonntag (18.) die Kirchweih ansteht und die Kerweredd nicht zentral, sondern in vier Hofreiten verlesen wird. Das hat auch etwas Gutes. So schlimm die Corona-Maßnahmen für den berufsmäßigen Kulturbetrieb sind – auf die Dorfkultur dürften sich die Einschränkungen trotz fehlender Einnahmen in den Vereinskassen eher positiv auswirken, da die federführenden Personen zum Umdenken aufgefordert sind. Eine Rückbesinnung auf das, was das Kulturgut Kerb eigentlich auszeichnet.

Und dies ist neben dem kirchlichen Ursprung vor allem der dörfliche Gemeinschaftssinn, der in Krisenzeiten umso wichtiger ist. Eine Kerweredd kann mit ihrer oft derben Launigkeit eine Katharsis bewirken, sprich das Lachen kann angestauten Frust kanalisieren. Als Nachahmung der liturgischen Predigt kann eine Kerweredd aber auch ermahnen, die Infektionsschutzregeln zu beachten und sich solidarisch zu verhalten. Für die 2020 konfirmierten Kerweborsch ist die Kerb ein wichtiger Übergangsritus – auch ohne Tanzkurs und Eröffnungswalzer.

Und nicht zuletzt hat jede Kerb eine wirtschaftliche Dimension. So wird der Rummelplatz am Gronauer Dorfgemeinschaftshaus mehr sein als eine Belohnung für Märkerwaldschüler, die im Frühjahr brav ihre Home-Schooling-Aufgaben erledigten. Für die Schausteller, die seit den Weihnachtsmärkten 2019 keine nennenswerten Einnahmen mehr erzielen konnten, sind dieses Jahr auch kleine Kirchweihen überlebenswichtig. Und auch nach Corona wollen die Menschen landauf, landab schließlich zum Kerwemarsch noch die Textzeile „...woas sinn die Leit sou froh, ‘s is ah e Reitschul do“ singen können.

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