Bensheim

Woche junger Schauspieler Inszenierung des Deutschen Nationaltheaters Weimar sorgt für gemischte Gefühle beim Publikum

Kleists "Michael Kohlhaas" – mal etwas anders

"Wovor haben Sie eigentlich Angst?" Mit dieser Frage brachte Thomas Kramer den fast voll

besetzten Theatersaal zum Nachdenken. Das vierköpfige Ensemble des Deutschen

Nationaltheaters Weimar gastierte im Rahmen der 24. Woche junger Schauspieler am

Mittwoch im Bensheimer Parktheater und sorgte mit seiner Inszenierung der Novelle

"Michael Kohlhaas" von Heinrich von Kleist für gemischte Gefühle unter den rund 500

Zuschauern.

Michael Kohlhaas, ein Pferdehändler, der Mitte des 16. Jahrhunderts lebte, verliert durch

einen Betrug zwei seiner wertvollen Pferde sowie seine Frau durch einen Gewaltakt. Er

zieht, nachdem seine Klage gegen seine unrechtmäße Behandlung vor Gericht keinen

Erfolg hat, auf einen Rachefeldzug gegen den seiner Meinung nach schuldigen Junker von

Tronka. Dabei brennt er mehrere Burgen und Städte nieder. Schlussendlich wird ihm vom

Kurfürsten von Brandenburg Recht gegeben, und Kohlhaas erhält seine Entschädigung, die

ihm nun nichts mehr nützt, da er für seine Verbrechen ebenfalls zur Rechenschaft gezogen

und hingerichtet wird.

Diesen historischen Inhalt versuchten die Darsteller Isabel Tetzner, Thomas Kramer, Jonas

Schlagowsky und Marcus Horn unter der Regie von Sebastian Martin auf die heutige Zeit zu

übertragen und schlüpften in die Rolle von vier Rechtsextremen, mittels derer sie versuchen,

das Publikum vor den aktuellen radikalen, nationalistischen und oft rassistischen Ansichten

zu warnen. Häufig passierte es, dass diese überzeugend dargestellten rechten Aussagen

erst realistisch und damit berechtigt wirkten. Bei genauerem Nachdenken waren jedoch

häufig Widersprüche innerhalb der Äußerungen zu erkennen. Von Sebastian Martin erfuhren

die Zuschauer in der Nachbesprechung, dass dies die Gefahr zeigen sollte, die von heutiger,

meist in guten Reden und Formulierungen versteckter, rechter Politik und Propaganda

ausgeht. Zusätzlich sollte es dazu anregen, die aktuelle politische Lage Deutschlands und

Europas gut zu überdenken.

Die eindrucksvolle Bühne (Kaja Bierbrauer) war eine Art Podest aus getäfeltem Holz, die

sowohl in die Zeit der Novelle als auch in die heutige einzuordnen ist. Besonders auffällig

war ein halb durchsichtiges Transparent, das die Bühne wie eine Wand in einen hinteren und

einen vorderen Teil und damit in zwei verschiedene Handlungsabschnitte teilte. Dem

Publikum war es möglich, durch diese Wand hindurchzusehen und damit Handlung auf einer

zweiten Ebene zu beobachten. Zusätzlich diente das Tuch als Leinwand, auf der

Videosequenzen gezeigt wurden, die neben der vorderen und hinteren Bühne damit eine

dritte Ansicht der Handlung für das Publikum bot.

Der Pferdekadaver in der Mitte der Bühne symbolisierte die abgemagerten und halb toten

Pferde des Rosshändlers Michael Kohlhaas. Klar ersichtlich war, dass das tote Pferd

ebenfalls die aktuelle zerbrechende Lage Deutschlands und Europas darstellen sollte. Die

Kostüme (Kaja Bierbrauer) gingen von aufsetzbaren Pferdeköpfen und Hosenträgern bis hin

zu Bomberjacke und Pistole. Dadurch waren die wechselnden Rollen (sowohl

Handlungsträger als auch erzählende Rollen) der vier jungen Schauspieler gut erkennbar.

Einen hervorragenden Übergang von Handlung der Novelle in eine aktuelle rechtsextreme

Meinungsäußerung lieferte Marcus Horn unter anderem in der Rolle von Herse, des

Stallknechts von Kohlhaas. Innerhalb eines Monologs verwandelte sich der Knecht in einen

heutigen sozial zurückgesetzten Bürger, der der Ansicht ist, dass der deutsche Staat die

Geflüchteten bevorzugt. In dem nun politischen Monolog fallen viele Begriffe aus der rechten

Politik und Szene, wodurch die Meinung dieser Figur sehr authentisch wirkte.

Eine ähnliche Wirkung erzielte auch die Propagandarede von Thomas Kramer. Sein

Vergleich von Deutschen und Nicht-Deutschen mit regionalen und ausländischen Kartoffeln

stieß im Publikum auf Verblüffung und Empörung. In der Nachbesprechung erklärte er, dass

er mit der Rede seiner rechtsextremistischen Figur genau diese Reaktionen erzielen wollte.

Insgesamt gelang es dem Ensemble sehr gut, seine Warnung vor rechtsextremistischer

Propaganda und den Inhalt von Kleists Novelle "Michael Kohlhaas" in eine Inszenierung zu

verschmelzen. Auch wenn die vier Darsteller mit viel Applaus verabschiedeten wurden, gab

es ein paar Buh-Rufe.

Joshua Jung und Johannes Geißel, Q2, AKG Bensheim

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