Bensheim

Stadtkultur Ausstellung im Rathaus blickt zurück auf 15 Jahre Bensheimer Lesefestival / Literarische Erinnerungen zum Nachschlagen

Kluge Querköpfe und Plaudertaschen

Archivartikel

Bensheim.Wer das Bensheimer Lesefestival von Beginn an treu begleitet hat, der wird sich erinnern: An die schwitzende Lyrikerin Marion Poschmann im Jahr 2005 auf einer Leseinsel im 32 Grad heißen Basinusbad.

An den leicht bekifft wirkenden Helge Timmerberg in der alten Stadtbibliothek, der 2006 von einer Indienreise berichtete („Shiva Moon“) und zu Sitarklängen ganz cool im Treppenhaus geraucht hat. An den etwas schwerhörigen Historiker Wolfgang Leonhard („Die Revolution entlässt ihre Kinder“) im Eysoldt-Foyer, der einer lange formulierten Frage aus dem Publikum zuhört und gleich danach Berthold Mäurer fragt, was die Dame denn gerade gesagt habe.

Es gibt so viele Geschichten

Es gibt so viele Geschichten, Erlebnisse und Anekdoten aus den letzten 15 Jahren. Wie der damalige Tatort-Kommissar und 2008 ganz frisch ernannte Bundespräsidentenkandidat (Die Linke) Peter Sodann im Amtsgericht einen Medienrummel ausgelöst hat. Oder wie ein launischer Wolf Wondratschek seine damals frische Erzählung „Mara“ über ein geliebtes Cello vorstellte, aber partout keinen Cellisten neben sich hören wollte.

Es gab kluge Querköpfe wie Wiglaf Droste, abgenervte Langweiler wie Heinz Rudolf Kunze und sprudelnde Anekdotenonkels wie Hellmuth Karasek, der sich bei einem Treffen auf der Leipziger Buchmesse mit den Veranstaltern 2011 selbst nach Bensheim eingeladen hatte – zum zweiten Mal nach 2008. Und es gab Heiner Geißler, der 2015 eine halbe Stunde zu spät kam und danach 90 Minuten lang in freier Rede über Luther dozierte und das Publikum fesselte. „Eine der eindrucksvollsten Veranstaltungen überhaupt“, so Berthold Mäurer. Auch die anschließende Autofahrt mit Geißler am Steuer werde er so bald nicht vergessen.

Man könnte an dieser Stelle noch ewig weiter rekapitulieren. Man kann aber auch ins Bensheimer Rathaus gehen, dritter Stock, und sich in selbstgemachte Erinnerungen stürzen. Eine neue Ausstellung rollt 15 Jahre Lesefestival chronologisch auf. Auf 15 großen Tafeln sind unzählige Bilder, Notizen und Fakten zur Reihe gebündelt, ausgarniert mit Zeitungsausschnitten aus dem BA und persönlichen Anmerkungen der Macher: Jeanette Giese und Berthold Mäurer. Von Beginn an ziehen sie jedes Jahr die Fäden für diese Reihe, die in der Stadt nicht mehr wegzudenken sei, wie Bürgermeister Rolf Richter in seiner Begrüßung betonte.

Buchmesse als Türöffner

2003 wurde die Idee des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst erstmals umgesetzt. Bei der Premiere wurden die Autoren noch „fremdbestimmt“. Das hatte sich bereits im Folgejahr ein für allemal verändert. Seither pflückt Jeanette Giese als Projektleiterin die blühenden Knospen der aktuellen Literaturszene – die zeitliche Nähe zur Frankfurter Buchmesse ist einer der Türöffner.

Am Sonntag schlenderten Giese und Mäurer von der Stadtkultur Bensheim mit den Eröffnungsgästen durch die Jahre, plauderten aus dem Nähkästchen und von den Erlebnissen vor und hinter den Kulissen. „Es ging uns immer um professionelle Autoren und renommierte Verlage“, sagte Mäurer in der Rathausgalerie.

Der Anspruch der frühen Jahre wurde niemals aufs Spiel gesetzt. Der „Tag der Bergsträßer Autoren“ war im Herbst 2010 ein einmaliges Intermezzo im Haus Am Markt. Auch das Jahr 2006, als Giese und Mäurer die Organisation für das ganze „Leseland Hessen“ von Bensheim aus steuerten, blieb eine Ausnahme. Ein Mammutjob, wie beide betonen.

Außergewöhnliche Orte

Gleich geblieben ist das Konzept: Spannende Autoren an außergewöhnlichen Leseorten wie Kirchberghäuschen, Kino, Schwimmbad, ehemalige Synagoge oder Weingut. Nicht selten mit Musik. Der Erfolg der Reihe war anfangs kaum zu erwarten. Die Besucherzahlen wurden immer größer, doch den Machern ging es stets auch um einen intimen Rahmen, der dem literarisch-kulturellen Erlebnis ein guter Verstärker ist. „Wir hätten auch alle Autoren ins Parktheater schicken können“, so Mäurer. Doch die Kombination aus Schriftsteller, Buch und „Location“ sind der Dreiklang, der die Reihe seit jeher ausmacht.

20 000 Euro beträgt das Kostenbudget des Bensheimer Lesefestivals – ohne Unterstützer wäre das für die Stadtkultur als Veranstalter nicht zu stemmen. Vom 25. bis 30. September läuft das 16. Festival. Nicht nur für Fans ist die Ausstellung ein enorm kurzweiliger Blick zurück, der wunderbare Erinnerungen auslösen kann.

Zum Beispiel an Louis Begley, dessen Roman „About Schmidt“ wenige Monate vor seinen Besuch in Bensheim als Verfilmung mit Jack Nicholson in die Kinos kam. Der amerikanische Schriftsteller polnisch-jüdischer Herkunft las auf Englisch. Jeanette Giese übernahm die deutsche Version.

Oder wie Amelie Fried 2014 ihr Buch „Traumfrau mit Lackschäden“ im Autohaus Wiest vorgestellt hat: Dafür mussten fast alle Autos hinaus- und rund 200 Stühle hineingeschafft werden. Und Bestsellerautorin Dora Heldt wurde an ein kleines Tischchen mitten im Variobecken des Basinusbads platziert. Das gefiel der bekennenden Inselfreundin, die als Bärbel Schmidt auf Sylt geboren wurde.

Noch mehr? Hera Lind hat in Bensheim gesungen, Peter Härtling über Heimat gesprochen und der ewige bad boy Burkhard Driest mit seinem Image kokettiert. Christian Quadflieg hat schön geklungen, Matthias Matussek (noch) schön geschrieben und Jochen Senf recht viel getrunken.

Bekannte TV-Gesichter

Es gab TV-Gesichter wie Frank Lehmann, Bärbel Schäfer und Tine Wittler (inklusive schwer bewaffneter Visagistin), Literaturstars wie Jan Wagner, Urs Widmer oder Rafik Schami, der in der Geschwister-Scholl-Schule 500 Zuhörer begeistert hat, und unterhaltsame Plaudertaschen wie Wladimir Kaminer, Fritz Eckenga oder Konrad Beikircher.

Wer jetzt mehr möchte, sollte in den dritten Stock des Bensheimer Rathauses gehen. Das öffnet morgens schon um 8 Uhr.

Das Wichtigste von heute
Newsticker Bergstraße
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker überregional
Meistgelesene Artikel
Neueste Artikel