Bensheim

Parktheater Hermann Beil las auf unterhaltsame Weise aus den Reiseschilderungen des amerikanischen Schriftstellers vor

Mark Twains Sicht auf die Deutschen

Archivartikel

Bensheim.Ein kleines schwarzes Podest, ein Tisch, ein Stuhl, eine Leselampe, ein Mikrofon, ein Stapel Papier – und Hermann Beil. Mehr brauchte es nicht, um den Zuhörern auf der intimen Parktheater-Bühne einen höchst vergnüglichen, amüsanten und anspruchsvollen Abend zu bereiten. Halt! Wir sollten Mark Twain, der tatsächlich auf den Namen Samuel Longhorne Clemens hörte und die wunderbaren Romanfiguren Tom Sawyer und Huckleberry Finn erfunden hat, nicht vergessen.

Im März 1878 war der Tausendsassa und Klassiker der amerikanischen Literatur gemeinsam mit seinem Begleiter Mister Harris zu seiner ersten Europareise aufgebrochen, um sich „mit den schönen Künsten zu befassen und die deutsche Sprache zu lernen“.

Seine Reiseschilderungen, seine Erlebnisse in Frankfurt, Mannheim, Heidelberg, Baden-Baden, München und seine Pilgerfahrt auf den legendären Bayreuther Wagner-Hügel vermitteln einen ungefilterten Eindruck von der scharfen Beobachtungsgabe, dem originellen Humor und dem Wissensdurst des Schriftstellers und Menschenfreundes aus Missouri.

Berlin – das Chicago Europas

Ob allerdings sein Loblied auf Berlin, dem „europäischen Chicago“ („hier ist alles stattlich und schön“), tatsächlich auf die heutige Bundeshauptstadt noch zutrifft, mag dahingestellt sein. Mark Twain jedenfalls gab seiner Begeisterung mit den Worten Ausdruck: „In keiner Stadt wird so viel regiert wie in Berlin. Ich wüsste keine Stadt, in der besser regiert wird.“ Berlin scheine ihm die am besten und intensivsten verwaltete Stadt der Welt zu sein.

Eher nachvollziehbar ist da schon seine Bewunderung für das Heidelberger Schloss, das er bei einem seiner Aufenthalte am Neckar malte. Da er das Bild nicht signierte, hielt es ein Galeriebesucher gar für einen echten „William Turner“.

Hermann Beil, der große Theatermann und -regisseur, der als langjähriger Präsident und heutiger Ehrenpräsident der Akademie der Darstellenden Künste mit Bensheim eng verbunden ist, hatte sichtlich seine Freude daran, das Publikum mit Geschichten von „Mark Twain auf Deutschlandtour“ zu unterhalten.

Dabei verzichtete Beil bei der Lesung komplett auf jedwede Theatralik und schmückende Sperenzchen, um Eindruck zu schinden. Mark Twain gebührte die Hauptrolle. Ein Lächeln dann und wann, mit sonorer Stimme, die ab und an in der Höhe variierte, mit langgezogenen Endsilben, wenn es angebracht war, traf er den richtigen Ton. Die ganze Aufmerksamkeit galt dem lernbegierigen Weltreisenden aus Übersee, dem Erzähltalent mit der spitzen Zunge und den weit offenen Ohren und Augen.

Oper – Katzenmusik und Quälerei

Dass es mit der Liebe des Amerikaners zur Oper und insbesondere zu Wagners Musik anfangs nicht besonders gut bestellt war, schildert er am Beispiel der Mannheimer Aufführung von „Lohengrin“. Er beschreibt sie als „Katzenmusik“, Lärm und vierstündige Quälerei, die an einen Zahnarztbesuch erinnert, und wundert sich darüber, „dass die Deutschen nichts so sehr lieben wie die Oper“ und dabei stundenlang still sitzen. Mit feiner Ironie und „leicht gerührt“ beschreibt er am Beispiel eines „ruhmreichen alten Tenors, der nur noch schreit“, dass „die Deutschen Sänger, die nicht singen können, bevorzugen“. Twain vergleicht den Gesang süffisant mit einem „chirurgischen Eingriff“. Das Publikum liebe den Tenor dennoch, weil er halt vor 25 Jahren ein ganz Großer war.

Deutsche Gepflogenheiten – und zuvorderst diese verwirrende, „schreckliche deutsche Sprache“ mit all ihren „zärtlichen Verkleinerungsformen“, den unordentlichen und systemlosen Regeln und Ausnahmen, mit ihren Tücken und grammatikalischen Fallstricken, bereiteten Twain eine Menge Kopfzerbrechen: „Ein begabter Mensch lernt Englisch in 30 Stunden, Französisch in 30 Wochen und Deutsch in 30 Jahren.“

Nichts regte den Reisenden so sehr auf wie Ignoranz, Überheblichkeit, schlechte Manieren und Unhöflichkeit. Dementsprechende Erfahrungen hat er beim Besuch einer Heilquelle in Baden-Baden gemacht. Dass allerdings die Wässerchen seine rheumatischen Beschwerden gelindert beziehungsweise geheilt haben, verbuchte er uneingeschränkt auf der positiven Seite. Eine Erklärung, warum es in Deutschland so viele Heilquellen gibt, hat Twain auch parat: Die feuchten Steinhäuser sind der Grund – und haben Schuld.

Seitenhieb auf Wagner

Seine Verwunderung tut der amerikanische Lebenskünstler weiter darüber kund, dass die Deutschen den Sonntag als „Ausflugstag“ und nicht als Ruhetag nutzen so wie es die Amerikaner tun, des Weiteren über eine einfach gekleidete, ältere, sein Mitleid erregende Dame, bei der es sich – wie sich im Nachhinein herausstellte – um die deutsche Kaiserin handelte.

Bayreuth und sein Festspielhaus schließlich standen 1891 auf dem Reiseplan von Mark Twain. Von seiner „Pilgerfahrt“, von Gläubigen, die ihrem Propheten Wagner im eigenen Mekka huldigen und der wunderbaren Ouvertüre zu „Parsifal“ („es wäre vollkommen, wenn sie den Gesang weglassen würden“), von seiner Lieblingsoper „Tannhäuser“ und seiner musikalischen Erneuerung schreibt Mark Twain in seinen Reiseerinnerungen.

Einen kleinen Seitenhieb auf den Meister kann er sich dennoch nicht verkneifen: „Wagners Musik ist besser, als sie klingt.“

Zum Thema
Das Wichtigste von heute
Newsticker Bergstraße
Newsticker überregional
Meistgelesene Artikel
Neueste Artikel