Bensheim

Frauenfastnacht Premierensitzung im voll besetzten Kolpinghaus überzeugte auf ganzer Linie

Mit Charme, Witz und frechem Mundwerk

Bensheim.Endlich hat die Warterei ein Ende: Die Frauenfastnacht ist zurück – und wie! Mit Charme, Witz, frechem Mundwerk, tiefgründiger Selbstironie, ausreichend Lokalkolorit und Bensemer Geschichten zum Lachen und Weinen bringen die Närrinnen das Kolpinghaus zum Rasen. Und eben jenes, auch schon vor der Bürgerhausposse „Heimat“ der närrischen Frauen, war zur Premiere so voll besetzt, dass keine Maus, nicht eine einzige, dort hätte mehr Unterschlupf finden können.

Sogar Männern wird mittlerweile Einlass gewährt. Was in früheren Zeiten durchaus nicht selbstverständlich war und als großzügige Geste gegenüber dem „starken Geschlecht“ zu verstehen ist. Schließlich wollte man die Kerle in Zeiten der Gleichberechtigung nicht ausschließen und aufs häusliche Sofa verbannen. Auch sie sollten Spaß haben und sehen und hören, wie ausgelassen ihre Frauen, Partnerinnen, Angebetete, Mütter und Töchter zu feiern verstehen und was für ein tolles Programm sie auf die Beine stellen. Dazu gehören nicht nur Büttenreden (ohne Bütt) und Songs für die Ohren, Schunkelrunden mit dem Sitznachbarn, sondern auch hübsche Gardemädchen und super gelenkige Ballett-Elfen fürs Auge.

Mit leichter Verspätung und im todschicken, pink-glitzernden Outfit eröffneten Angela Schmidt und Astrid Dochtermann am Samstag die erste von vier Elferratssitzungen. Das Zweiergespann führte anschließend im munteren Plauderton durch den Abend. Und der hatte es in sich. Schon als das Dreigestirn Johanna Förg, Martina und Carina Pongratz als sprechender Marktbrunnen, St. Schorsch und Drache Interna und Intimes rund um Haus am Markt, Bürgerhaus, Sparkasse und so manchen selbst gemachten Bensemer Aufreger ans Licht hievten, lachte und litt das Publikum mit.

„Wilhelm Tell“ auf dem Marktplatz

An Vorschlägen, wie man denn den Marktplatz „beleben“ könne, fehlte es nicht. So böte ein Freilichttheater mit Treppe beispielsweise Gelegenheit für den „Jedermann“ oder „Wilhelm Tell“. Die Hauptrolle gebührt ganz klar Bürgermeister Rolf Richter. Eins steht aber jetzt schon fest: Der Brunnen bleibt, wo er ist. Nicht unbemerkt blieb dem Trio, dass sich Königin Sylvia von Schweden bei ihrem Besuch in Bensheim nicht etwa im Rathaus, sondern im „Rex“ im Goldenen Buch verewigt hat, und die meisten Besucher wohl ohnehin nur wegen Laudator Peter Maffay (leider ohne Tabaluga) gekommen waren.

Bahnhofstoiletten, das berühmt-berüchtigte „Filetstück“ Hoffart-Gelände und der „Oberhammer“, das Aus für die Geburtsstation am Heilig-Geist-Hospital, Bürgermeisterwahl und Sparkassen-Stillstand nahm das Trio zudem genüsslich aufs Korn.

Von ganz anderem Kaliber ist das ungleiche Rentner-Duo Ute Bernschneider und Ulrike Meyer. Gesprächsstoff und deftige Kost gab’s ausreichend, beispielsweise über eine Fahrt mit dem E-Bike, die mit einem Strafzettel wegen Beamtenbeleidigung endete und doch nur ein Hörfehler war („Ich habe vor der Polizei so viel Respekt wie vor meinen vier wichtigsten Körperteilen: Hals, Maul, Arsch, Gesicht“).

Mit Home-Storys über den Göttergatten, der den Hinweis, „diesen Ring oder keinen“, falsch verstanden hat, bis hin zur Sparte „Bildung und Kultur“, Ausflügen ins Theater mit „Abo-Monument“ und in die Galerie („Von den Pastelltönen hab’ ich nix gehört“) reichte deren Smalltalk. Den beiden Urgesteinen der Frauenfastnacht, die sich auch dieses Mal nichts schenkten und mit lockerem Mundwerk auftrumpften, war eine „Rakete“ des Publikums sicher.

Dass ein Klassentreffen nach vielen Jahren der Abstinenz nicht immer glatt verläuft und einige Überraschungen parat hat, demonstrierten auf köstliche Weise Simone Planicka und Mona Ramsauer als ehemals beste Freundinnen. Thema: klar, die Männer. Wen wundert’s schon, dass der sexy Schwarm aller Jungs aus der Schule heute mit Babybauch und in Jogginghose daher schlurft, Mutter von vier Balgen ist (Er: „Die geplatzten Kondome liegen auf der Couch“, Sie: „Bitte sprich die Kinder mit Namen an“) und man im trauten Heim buchstäblich vom „Fußboden essen kann“, weil dort eine komplette Mahlzeit herum liegt? Oder dass die Streberin von einst, heute aufgebrezelt und im Super-Mini, noch immer auf Dating-Apps („Otto-Katalog für Männer“) nach dem Traumkerl sucht?

Als zwei Bordsteinschwalben mit höheren Ansprüchen – im falschen Pelz, goldglänzenden 18-Karat-Leggins und viel Bling-Bling – und mit unverkennbar russischem Zungenschlag brachten Astrid Dochtermann und Diana Mayer den Saal zum Toben. Für die Erklärung, ihren „glamourösen Körper mit Ecken und Kanten aus Gründen der Sicherheit abgerundet zu haben“ und „von der Veranlagung her“ eher schlank zu sein, „aber ich lebe das nicht so aus“, bekommt Tatjana oder Natascha begeisterte Zustimmung von den weiblichen und männlichen Besuchern. Ihr ganz persönlicher Fitness-Tipp ist auch nicht ohne Charme: „Kopfschütteln, wenn man Essen angeboten bekommt.“

Pfarrer Catta als Sportskanone

Mit Pfarrer Thomas Catta als Sportskanone mit kleinen Makeln, großem Talent zum Tricksen und Dopingvergangenheit sowie dem unverwüstlichen Gespann Olga und Mariechen hat die Frauenfastnacht drei weitere Asse im Ärmel. Der sportliche Stadtpfarrer outete sich als Bruchpilot und Tenniskanone, als Schwimmer-Olympionike mit Urindrang, als Skispringer mit Orientierungsproblemen, Stabhochspringer ohne Stab, Wellenreiter ohne Gaul und so weiter.

Die beiden Kultfiguren, Möchtegern-Diva Olga – von Kopf bis Fuß im Zebra-Look – und Hausmütterchen Mariechen (Angela Schmidt und Anja Pohl) in Schlappen und Schlabber-Look, lieferten sich einen heißen Schlagabtausch und diskutieren über Gott und die Welt. Die Busenfreundinnen – oder besser -feindinnen – haben so ihr ganz eigenes Rezept zur Stressbewältigung, zum Marktplatz und Schorsch-Blick. Die Verwandlung Olgas in Queen Elizabeth von England kommentiert Mariechen ganz abgeklärt,“….und ich bin Gina Lollobrigida“. Die Närrinnen und Narren im Saal liegen den Bensemerinnen mit Herz und Schnauze zu Füßen – auch als sich auf der Bühne ein wahres Drama abspielt.

Nach vier Stunden Lachen, Schunkeln, Singen und einem furiosen Auftritt des Showballetts war kurz vor Mitternacht dann Schluss. Dass die Frauenfastnacht einen Ruf wie Donnerhall genießt, zeigt sich auch daran, dass die drei weiteren Elferratssitzungen am heutigen Montag (nur für Frauen) und am kommenden Freitag und Samstag seit langem ausverkauft sind.

Info: Bilderstrecke in der digitalen Zeitung und online unter www.bergstraesser-anzeiger.de

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