Bensheim

Joseph-Hecker-Schule Eine Klasse macht gegen den Klimawandel mobil / Motivation durch Autorin Jana Steingässer / Erste Vorschläge für Bensheim erarbeitet

Mit kleinen Schritten das Klima schützen

Archivartikel

Bensheim.Nicht nur freitags – und nicht nur für die Zukunft: Die Kinder der Joseph-Heckler-Schule setzen sich jeden Tag für den Klimaschutz ein, um hier und jetzt etwas zu bewegen. Während einer Projektwoche hat sich die Klasse 1/ 2 d intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt, eigene Ideen gesammelt und Alternativen überlegt, wie man die globalen Veränderungen langfristig ausbremsen könnte. Das Buch „Paulas Reise“ von Jana Steingässer war Teil der Lektüre. Es beschreibt, wie eine sechsköpfige Familie quasi über Nacht zu Klimaschützern wurde.

Diese Familie lebt in Malchen, einem Ortsteil von Seeheim-Jugenheim. Knapp 15 Kilometer mit dem Rad. Doch Jana Steingässer war rechtzeitig in Bensheim, um im Klassensaal über ihre Erlebnisse zu berichten. Die Ethnologin und Journalistin, geboren 1976, untersucht die Auswirkungen des weltweiten Klimawandels in den Regionen vor Ort. Drei Jahre lang war sie ab 2013 mit ihrem Mann, einem Fotografen, und den vier Kindern – damals zwei bis 13 Jahre alt – rund um den Globus unterwegs. In Zelten in der roten Wüste der Kalahari, auf Hundeschlitten in Ostgrönland und im Australischen Outback. Seither ist nichts mehr, wie es war. Die Familie produziert kaum noch Müll, hat die Autos abgeschafft und ein starkes Bewusstsein für Konsum, Umwelt und die globalen Folgen unseres Lebenswandels entwickelt. „Jeder Einzelne kann bei sich etwas verändern“, so die vierfache Mutter in der Heckler-Schule, wo sie am Dienstag ein ebenso aufmerksames wie sensibles Publikum gefunden hat.

In „Paulas Reise“ hat die Autorin die Abenteuer von damals in ein Kinderbuch verpackt. Ausschlaggebend für den ökologischen Aufbruch in der Familie war das Zwerghuhn Emma, das plötzlich mitten im Dezember, zur falschen Jahreszeit, zu brüten begann. Nach einer ersten Recherche fanden die Steingässers heraus, dass sehr viele Tiere durch klimatische Verschiebungen in ihrem Verhalten gestört werden.

Zwei Grad wärmer – das war ihnen zu abstrakt. Also packten sie Kind und Kegel ein und schauten in der Welt nach, was der Klimawandel mit den Menschen, Tieren und Pflanzen macht. Die Erkenntnis: Das Globale ist lokal längst spürbar. Und Klimaschutz ist nicht nur politisch relevant, er ist längst auch zur Privatsache geworden.

Eigene Brotbeutel genäht

Selbst etwas verändern – und das nicht nur eine Projektwoche lang: Auch in den beiden Bensheimer Schulklassen ist das Thema gewaltig aufgeschlagen. Mit ihrer Klassenlehrerin Carolin Baumgartner und weiteren Kollegen haben die Kinder den „Unverpackt“-Laden in Lorsch besucht, ein klimafreundliches Frühstück zubereitet, eigene Brotbeutel genäht und genau hingeschaut, wo Plastik verwendet wird und wie man es durch umweltfreundliche Alternativen ersetzen kann.

Die Initiative im Klassenzimmer hat bald Wellen geschlagen: Einige Eltern achteten beim Einkauf plötzlich auf Verpackungsmüll, andere verzichteten auf Kunststoffflaschen oder überwanden ihre Vorurteile gegenüber einer vegetarischen oder veganen Ernährungsweise. „Mit gutem Beispiel vorangehen ist wirksamer als den Menschen Dinge zu verbieten“, so Jana Steingässer im Gespräch mit den Kindern. Nach einigen Passagen aus ihrem Buch und bildstarken Eindrücken ihrer Weltreisen standen die Ideen der Kinder im Mittelpunkt. Zwei Schulstunden lang ging es darum, wie man die Stadt Bensheim klimafreundlicher machen könnte. Denkverbote waren tabu.

Die Vorschläge der Sechs- und Siebenjährigen haben die Expertin beeindruckt. Unter anderem wurde ein Konzept samt Logo für lokale Geschäfte ausgetüftelt, die ihre Waren dem Kunden auf Wunsch auch unverpackt verkaufen könnten. Eine Idee, die demnächst an die Inhaber herangetragen werden soll. Die Kinder wünschen sich außerdem ein plastikarmes oder sogar plastikfreies Bensheim, weniger motorisierten Verkehr und Einwegverpackungen, aber mehr Radwege und vor allem viel mehr Blumenwiesen für Bienen und Insekten. „Ich fände es richtig, wenn Busse und Bahnen für alle kostenlos wären“, so eine Zweitklässlerin.

Die Bundesstraße ohne Autos

Auch die „Autofreie Bergstraße“ soll wiederbelebt werden. Der kilometerlange Event auf der B3 zwischen Eberstadt und Heppenheim fand 2011 zum letzten Mal statt. Für Grundschüler ist die Veranstaltung daher völlig unbekannt – die Vorstellung allerdings enorm interessant. Auch Jana Steingässer könnte sich gut vorstellen, ein solches Projekt wieder gemeinsam anzustoßen. Zur Not auch in einem kleineren Maßstab. „Wichtig ist, dass man erlebt, wie toll man eine große Bundesstraße ohne Autos nutzen kann.“

Die Autorin motivierte die Klassen, an dem Thema dranzubleiben und sicherte ihre Unterstützung zu. Zwar dürften die Schüler noch nicht wählen, doch wenn 40 oder 50 Kinder an einer Rathaustür anklopfen, würde sich diese mit Sicherheit öffnen, ist die Klimaschützerin sicher.

Zusammen etwas bewegen, auch auf politischer Ebene: In der Joseph-Heckler-Schule brodelt es – in einem klimafreundlichen Sinn. Die Schüler wollen Vorbilder sein: engagiert, freundlich und in alle Richtungen dialogbereit.

„Die Ideen sind da, wir sind voll motiviert“, so Carolin Baumgartner. Jetzt wollen die Schüler gemeinsam mit einer vierten Klasse, die sich dem Thema Bienenschutz widmet, den städtischen Entscheidern ihre Vorschläge für mehr lokalen Klimaschutz übermitteln.

Die Projektwoche hat eine Menge bewegt, so die Lehrerin. Und die Nachwirkungen, so hoffen die Kinder, sollen bald in konkreten Maßnahmen sichtbar sein. Denn, so formulierte es ein Siebenjähriger gegenüber den Erwachsenen, „wir wollen auf der Welt ja noch viel länger leben als ihr“.

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