Bensheim

Nachschub für NAMIBIA

Archivartikel

Über die Gründe und was wir so alles dort gemacht haben, brauchen wir eigentlich nicht mehr reden. Das habt Ihr ja alles schon geschrieben“, meint die sympathische Ex-Kriminalbeamtin beim Pressegespräch mit dieser Zeitung. Wobei es ganz ohne einen Rückblick natürlich nicht geht. In Afrika haben sich die Reimanns nicht nur eine neue Existenz auf einer Farm aufgebaut, sie leisten auch mit enormem Einsatz unglaublich viel für die Einheimischen und ihre Kinder, deren Zukunftsperspektiven ansonsten reichlich düster wären.

Container als Therapiezentrum

Connie Reimann hat elf Kindergärten um- und ausgebaut, betreut zwei Schulen, aktuell entstehen zudem ein Hausaufgabenhaus und aus großen Überseecontainern ein Therapiezentrum. Einer dieser Blechriesen befindet sich bereits an seinem Bestimmungsort, der zweite wurde vor zwei Wochen von Mörlenbach aus auf die Reise geschickt, vollgestopft mit allem, was gespendet, abgegeben oder von Helfern aufgetrieben wurde.

Die bunte Ansammlung reicht von Möbeln über eine Behandlungsliege, Töpfe, Rollstuhl und Rollatoren, Bettzeug, Matratzen bis hin zu Kleidung, Sportgeräten und Stühlen. Die hat Connie vom Amtsgericht Bensheim bekommen. „Dort wurde der Sitzungssaal erneuert, die alten Stühle haben wir gekriegt.“

Nicht das einzige Geschenk, über das sich die gebürtige Ratinger während ihres Aufenthalts in Deutschland freuen konnte. Als Fundgrube erwies sich das Lager der TSV Auerbach. Drei Mattenbahnen, einen Weichboden, Medizinbälle, Reifen und ein kompletter Stufenbarren werden künftig in Afrika Kindern und Menschen mit Handicap Bewegung verschaffen. Eingefädelt hatten diesen „Deal“ Übungsleiterin Mechthild Borst und Roland Scherer, der die Geschäftsstelle des Auerbacher Vereins leitet.

„Ich bin allen, die mich unterstützen so unendlich dankbar“, sagt Connie Reimann und kommt damit zu einem Hauptziel ihrer Mission Öffentlichkeitsarbeit: Die Menschen, die ihr seit Jahren unter die Arme greifen, in den Mittelpunkt zu stellen. Auch aus diesem Grund trifft man sich an einem Sonntagmorgen in der Kleiderkammer des DRK in Mörlenbach. Dort befindet sich das Herzstück der lokalen Hilfsaktivitäten – und mittendrin Gabi Stief und Tochter Michaela.

Das Duo war auch bereits vor der Freundschaft mit Connie Reimann ehrenamtlich ein leuchtendes Beispiel, seit 2014 haben sie noch einmal eine Schippe draufgelegt. Damals war Connie gerade auf der vergeblichen Suche nach Regenjacken für „ihre“ Kindergartenkinder in Namibia. Sie wurde daraufhin an die Kleiderkammer des DRK verwiesen – „und da trafen sich zwei, die sich einfach treffen mussten“.

Cornelia Reimann erzählte von ihrem Leben in Afrika, von ihren Aufgaben dort und von den Kindergärten im Township. Sie berichtete von den Plätzen der Ärmsten der Armen, die in Blechhütten hausen, durch deren Ritzen im Winter schneidend kalter Wind pfeift, im Sommer unerträgliche Hitze herrscht und die während der Regenzeit mitunter davonschwimmen. Auch auf Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen, die völlig im gesellschaftlichem Abseits stehen, kam sie zu sprechen.

Bis unter die Decke gestapelt

Gabi und Michaela Stief wollten helfen und beließen es nicht nur bei einer Absichtserklärung. Zwei Monate nach den ersten Gesprächen ging ein Container mit Hilfsgütern nach Namibia, mittlerweile haben sie 13 auf den Weg gebracht. „Ich kann von Glück sagen, dass ich da reingerutscht bin“, bekennt die Wahl-Afrikanerin. Denn Familie Stief verfügt über gute Kontakte und ein ausgezeichnetes Netzwerk. Es sei Wahnsinn, was hier auf die Beine gestellt wird. „Wo findet man noch Menschen, die so unkompliziert sind?“, freut sich das Energiebündel.

Das spiegelt sich in der Kleiderkammer wieder, wo ein Raum praktisch ständig bis unter die Decke vollgestapelt wird, bis der nächste Container in See sticht. Das Sortiment ist riesig und zweckdienlich. Sogar für zwei Dutzend ausrangierte Hockeyschläger der TuS Sprendlingen wird es eine Verwendung geben.

Im neuen Bewegungs- und Therapiezentrum soll es aber nicht nur sportlich zugehen. Connie will dort Physiotherapie für Menschen mit Behinderungen anbieten. 180 betroffene Personen leben in „ihrem“ Township, die nächste Stadt ist zwar nur acht Kilometer entfernt. „Für diese Leute aber unerreichbar. Deshalb müssen wir was vor Ort machen.“

Es klingt bei ihr wie eine Selbstverständlichkeit, die aber alles andere als selbstverständlich ist. Die 54-Jährige hätte mit der Bewirtschaftung ihrer Farm eigentlich ausreichend zu tun, sieht sich aber genauso wie ihre ehrenamtlichen Freunde in Deutschland verpflichtet, den Menschen im Township ein besseres Leben zu ermöglichen.

Lohn der Mühen sind viele glückliche Gesichter. Eines davon gehört dem neun Jahre alten Fabian. Er wurde ohne Beine geboren. Mit einem Rollstuhl schieben ihn seine Freunde jeden Tag zur Schule. Bis vor kurzem eine mühsame Angelegenheit in vielerlei Hinsicht. Denn der Junge konnte nicht angegurtet werden und fiel oft aus seinem Gefährt.

Gabi Stief lernte ihn und seine Kumpels im vergangenen Sommer kennen, als sie zu Besuch in Namibia war. Wieder in Mörlenbach, organisierte sie einen Drei-Punkt-Gurt und Kabelbinder. „Jetzt ist Fabian gesichert und superstolz, dass er sich alleine an- und abschnallen kann“, erzählt die ehemalige Bergsträßerin. Und es ist nur eine Geschichte von vielen, die belegen, dass es sich mehr als lohnt, die Ärmel hochzukrempeln.

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