Bensheim

Ortstermin Zugang musste für 70 000 Euro erneuert werden / Die nächsten Arbeiten stehen schon an

Neue Treppe für den Melibokusturm

Archivartikel

Bensheim.Hoch droben auf dem Berg thront der Melibokusturm. Wer Bergsträßer Höhenluft schnuppern will, kommt an der weithin sichtbaren Betonkonstruktion kaum vorbei. Doch das regionale Markenzeichen, über dessen architektonische Ästhetik man durchaus diskutieren darf, ist im Unterhalt nicht ganz billig.

Vor neun Jahren stand zuletzt eine aufwendige Sanierung ins Haus, jetzt konnten weitere Arbeiten abgeschlossen werden. Für rund 70 000 Euro musste die Treppenanlage im Eingangsbereich erneuert werden. Die Planungen lagen in den Händen des 1961 gegründeten Melibokusturmvereins, dessen Vorsitzender Bürgermeister Rolf Richter ist. Als Geschäftsführer fungiert Thomas Herborn.

Zur Feier des Tages trafen sich am Mittwoch Vereins- und Behördenvertreter sowie Sponsoren auf dem Gipfel, um die Neuanschaffung zu begutachten und für ein Foto Aufstellung zu nehmen. Jeweils 12 000 Euro steuerten Bensheim, Zwingenberg und Alsbach-Hähnlein aus Steuergeldern bei, die Sparkasse Bensheim sowie die GGEW AG spendeten 2500 Euro. Der Geschichtsverein Zwingenberg, der regelmäßig finanzielle Zuwendungen leistet, gab 800 Euro.

16 250 Euro aus Eigenmitteln

Vom Kreis Bergstraße kamen 3000 Euro, der Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald beteiligte sich mit 9000 Euro am Vorhaben. Unterm Strich kamen so 53 800 Euro zusammen. Die restliche Summe in Höhe von 16 250 Euro stemmte der Verein aus Eigenmitteln.

Richter dankte neben den Sponsoren und Zuschussgebern auch dem Büro Planen & Bauen für die Baubetreuung und die „passgenaue Kostenkalkulation“. Ohne das außergewöhnliche Engagement des Bensheimer THW wäre das Projekt aber „nur schwer umsetzbar gewesen, insbesondere nicht zu den Kosten“, meinte der Vorsitzende. Die Männer und Frauen des Technischen Hilfswerks hatten sich beim Abbruch der alten Betontreppe über die Maßen eingebracht. Grundsätzlich seien Arbeiten am Turm wegen der besonderen Lage und der Topografie immer eine große Herausforderung, so Richter.

Die nächsten Handwerker stehen aber quasi schon in den Startlöchern. So muss kurzfristig die Holzkonstruktion am Turmdach repariert werden, außerdem braucht es eine neue Einstiegsluke. Mittelfristig müsse die Waschbetonwand saniert werden. Auf der langen Liste steht zudem die Reparatur der Fenster, um zu verhindern, dass Feuchtigkeit eintritt. Was bereits umgesetzt wurde, ist laut Richter die Errichtung von Fahrradständern mit entsprechender Beschilderung. Damit will man verhindern, dass Fahrräder auf der Plattform abgestellt werden.

Veränderungen gibt es außerdem auf dem Dach. Das wird bekanntlich für analoge Funkübertragungen von der Polizei, dem Zoll und der Firma Elbracht aus Alsbach-Hähnlein genutzt. Weil die Behörden aber zum 1. Januar 2021 die Verträge gekündigt haben, wird das Unternehmen das komplette Dach „übernehmen“.

Wer im 21. Jahrhundert mal vom Dach funken würde, spielte in der langjährigen Historie der Gipfelbebauung eine eher untergeordnete Rolle. Am 7. September 1966 wurde der 300 000 Mark teure Neubau auf dem 517 Meter hohen Berg vom damaligen hessischen Verkehrsminister Rudi Arndt offiziell eingeweiht. Der ursprüngliche Turm wurde im März 1945 von deutschen Soldaten gesprengt. Sein 22 Meter hoher Nachfolger besteht aus 13 vorgefertigten Betonringen mit einer auskragenden Aussichtsplattform.

Der graue Pilzkopf hat nach wie vor Bedeutung als Ausflugsziel und Anlaufstelle für Wanderer, Jogger und Mountainbiker und besitzt jede Menge Gewicht. Jeder der 1,55 Meter breiten Betonringe bringt sieben bis acht Tonnen auf die Waage, hinzu kommt die neun Tonnen schwere Plattform.

Kein Leichtgewicht also, denn das Türmchen hoch droben hat schließlich eine gewisse Tradition. Am 5. Dezember 1772 weihte Landgraf Ludwig IX. eine 21 Meter hohe Säule auf dem Melibokus, der damals noch Malschenberg hieß, ein. Es war ein ansehnlicher Bau, nicht zu vergleichen mit der Wiedergeburt aus den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Baubeginn war am 10. Juli 1772, die Steine stammten aus den benachbarten Steinbrüchen. Aus alten Aufzeichnungen geht hervor, dass täglich 200 Menschen auf dem Berg arbeiteten.

Der Turm war fast fertiggestellt, als er am 13. Oktober einstürzte – nur wenige Augenblicke, bevor die Beschäftigten sich wieder zur Arbeit sammelten. Der Zwischenfall ereignete sich zur Mittagszeit und verlief deswegen glimpflich. Niemand kam ums Leben. Zusammen mit dem Baumeister Johann Martin Schuknecht aus Bessungen begann unverzüglich der Wiederaufbau. Am 20. Oktober 1772 wurde der zweite Versuch des Turmbaus mit der Fundamentlegung gestartet. Am 5. Dezember 1772 wurde der 21 Meter hohe Turm fertiggestellt, dieses Mal ohne gravierende Zwischenfälle.

Das Dach weggerissen

Zwar riss es dem steinernen Wahrzeichen bei Stürmen mehrere Male das Dach weg, aber ansonsten trotzte das Mauerwerk Wind und Wetter – bis zum 27. März 1945, als die deutschen Truppen mit ihren Sprengladungen anrückten.

Man wollte verhindern, dass der Turm den anrückenden Amerikanern in die Hände fällt. In einer riesigen Staubwolke sackte die Säule in sich zusammen – was die US-Truppen aber nicht daran hinderte, über Jahrzehnte auf dem Melibokus einen Stützpunkt zu betreiben. Erst 2008 wurde die Anlage aufgegeben. Für den Verein ist das bei aller historischen Bedeutung Schnee von gestern. Vorstand und Mitglieder wollen den Erhalt sicherstellen. Und dazu zählt als dringlichstes Vorhaben die Erneuerung der Treppenanlage im Eingangsbereich des grauen Riesen.

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