Bensheim

Natur Umweltschützer machen sich Gedanken über den Baumbestand in Stadt und Wald

„Ohne Grün werden die Menschen gereizter“

Archivartikel

Bensheim.Am 1. September hat aus meteorologischer Sicht der Herbst begonnen. Und auch wenn Hitze und Trockenheit in diesem Jahr nicht ganz so extrem waren wie 2018 – auch der Sommer 2019 hat wieder Geschichte geschrieben. Laut Deutschem Wetterdienst war es der drittwärmste Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881 (wir haben berichtet). Die Durchschnittstemperatur des Sommers lag bei 19,2 Grad, so der Wetterdienst. Grundlage sind erste Auswertungen der Ergebnisse der rund 2000 DWD-Messstationen. Lediglich 2003 und 2018 waren die Sommer in Deutschland mit 19,7 und 19,3 Grad noch wärmer.

Die jüngste Hitzewelle Ende Juli brachte zudem neue Rekordwerte in vielen Kommunen in Deutschland. Auch in Bensheim wurden über 40 Grad Celsius gemessen.

Wie viele Experten machen sich auch die beiden Bensheimer Baumschützer Ulrike Vogt-Saggau und Willy Helm große Gedanken über die Entwicklung des hiesigen Klimas, wie sie gegenüber dieser Zeitung bestätigen. „Uns beiden bereitet diese extreme und lang anhaltende Hitze – neben den Förstern – als Menschen, die Bäume ganz besonders schätzen, sehr großen Sorgen.“ Es bestehe die Gefahr, dass auch in diesem Jahr wieder viele Bäume in Bensheim absterben, so dass ein weiterer Baumverlust sowohl im Bensheimer Wald als auch in der Stadt bevorstehen könnte. „Das wäre schrecklich und mit vielen Nachteilen für Bensheims Bürger verbunden.“

Worin bestehen konkrete Verluste für Bensheimer Bürger?

Die Umweltschützer gehen davon aus, dass auch in der Gemarkung von Bensheim – sollten diese „Heißzeiten“ auch in den kommenden Jahren auftreten – der Wald in vielen Bereichen Schaden erleiden und absterben wird. „Den Bensheimer Bürgern wird der Erholungs- und Erlebnis-Wald, den sie jahrzehntelang genießen konnten, dann nicht mehr – wie bisher gewohnt – zur Verfügung stehen“, meinen Vogt-Saggau und Helm. „Sie werden es größtenteils dann auch nicht mehr erleben können, wie aus neu angepflanzten Ersatz-Bäumchen ausgewachsene Bäume entstanden sind, die dann vielleicht wieder ähnlich positive Auswirkungen auf die Natur und Menschen haben könnten.“

Was bedeutet das für das Bensheimer Stadtgebiet?

„Bäume sind für Menschen, aber auch für viele Tiere, Teil eines gesunden Lebensumfeldes. Wo Bäume in einem Wohngebiet fehlen, fehlt ein Teil der für die Menschen lebensnotwendigen Infrastruktur“, betonten Vogt-Saggau und Helm.

Der Anblick grüner Bäume wirke sich auf die Psyche der Menschen sehr positiv aus. Das gelte übrigens auch für die sonstige Innenstadt-Begrünung. „Zwischen Beton und ohne Bäume, ohne Grün werden die Menschen gereizter“, sind die beiden Baumschützer überzeugt – und weisen auf die weiteren positiven Eigenschaften von Eiche, Platane und Co. hin: Sie spenden Schatten und sorgen somit an heißen Tagen in ihrem Kronenbereich für angenehmere Temperaturen. „Das weiß jeder, der bei Hitze einmal den Schatten eines Baumes gesucht hat.“

Die Bäume verdunsten über ihre Blätter das Wasser, das sie mit ihren Wurzeln aus dem Boden ziehen können. Diese Verdunstung wirke sich mäßigend auf hohe Temperaturen in einer Stadt aus. Je nach der Anzahl der im Stadtgebiet vorhandenen Bäume und dem vorhandenen Wasser im Wurzelbereich könne das eine sehr positive Abkühlung der Innenstädte bewirken.

Bäume spenden darüber hinaus sehr viel Sauerstoff und filtern Feinstaub. Außerdem sind die meisten Baumarten wichtige Lebensräume für Insekten und für viele Vogelarten. „Das alles geht verloren, wenn Bäume absterben oder aus den Innenstädten verschwinden“, sorgen sich Helm und Vogt-Saggau.

Was lässt sich dagegen tun?

„Vor allem sollten sich die Bürger von Bensheim dagegen stellen, wenn die restlichen im Innenstadtgebiet noch vorhandenen großkronigen Bäume einer weiteren Innenstadtverdichtung geopfert werden sollen“, geben sich Helm und Vogt-Saggau kämpferisch.

Was kann der einzelne Bürger außerdem dafür tun, dass mehr Bäume im Stadtgebiet stehen oder stehenbleiben?

„Jeder Grundstücksbesitzer, der über ein ausreichend großes Gartengrundstück verfügt, ist dazu aufgefordert, in seinem Garten auch den einen oder anderen Baum anzupflanzen“, hoffen die beiden Umweltschützer auf das Engagement der Bevölkerung.

In früheren Jahrzehnten habe es noch viele Bäume (vor allem Obstbäume) auch in Vorgärten gegeben, die den Passanten in heißen Zeiten etwas Schatten boten. Heute sehe man stattdessen vielerorts nur noch kahle Häuserfronten.

„Aber es kommt mittlerweile sogar noch viel schlimmer“, so Helm und Vogt-Saggau: „Da werden die Vorgärten entweder betoniert, um sie als Pkw-Abstellplatz nutzen zu können, oder sie werden – oft aus Gründen der vermeintlichen Arbeitsersparnis – in nackte Kies- oder Schotterflächen umgewandelt.“ Dadurch werde dann an heißen Tagen ein zusätzlicher Aufheizungs-Effekt bewirkt, und zahlreiche Insekten und Vögel könnten dadurch wichtige Lebensräume verlieren.

„Eine Beschotterung sollte also absolut tabu sein“, betonen die Baumschützer. „Das Erdreich sollte offen bleiben, so dass es atmen und Regen aufnehmen kann.“ red

Zum Thema
Das Wichtigste von heute
Newsticker Bergstraße
Newsticker überregional
Meistgelesene Artikel
Neueste Artikel