Bensheim

Musiktheater Rex Mungo Jerry rockte die alte Güterhalle / Kleines Publikum – große Party / Authentische Performance, die weder peinlich noch künstlich daherkommt

Ray Dorset mischt den Laden auf

Bensheim.Man kennt das ja: Altstars aus den 60er und 70er Jahren kommen als sogenannte Best Ager zurück auf eine kleine Bühne, um ein ähnlich ergrautes Publikum mit nostalgischen Gefühlen klanglicher Natur in die Vergangenheit zu hypnotisieren. Daraus ergibt sich dann meistens ein recht seelenloses Herunterspulen verstaubter Hits, an deren Refrains sich Hänsel und Gretel trotz fortgeschrittenen Alters gerade noch erinnern können.

Am Donnerstag war fast alles anders. Mungo Jerry heißt die Band, die man auf ewig mit „In The Summertime“ von 1970 assoziieren wird, und die sich seit bald 50 Jahren in einem musikalischen Paralleluniversum bewegt, in der die Gesetze von Zeit und Raum keine Macht auszuüben scheinen. Von der Ur-Band ist nur noch Ray Dorset übrig geblieben – der Erfinder, Sänger und Frontmann der Gruppe, der auch mit 73 Jahren noch einer der coolsten Hunde der britischen Insel ist.

Die markante Zahnlücke hat er sorgsam gepflegt, die Koteletten sind noch immer knöcheldick. Seine drahtige Figur steckt in Skinny Jeans und weißem Hemd. Im Musiktheater Rex kommt Dorset nach den ersten fünf Songs spontan von der Bühne herunter, schüttelt Hände und fordert das kleine Publikum, an Stehtischen versprengt, zum kollektiven Herankommen an die Bühnenkante auf.

Feines Gespür für nackten Blues

„Forget the Tische! Das ist better for the Atmosphäre!“ Der Komponist des erfolgreichsten Sommerhits aller Zeiten (30 Millionen verkaufte Alben) ist ein lässiger Kerl, tiefenentspannt und ohne Berührungsängste. Das breite Dauergrinsen und die enorme Matte sind noch immer da. Und je länger das Konzert dauert, desto mehr macht man sich Vorwürfe, dass man Mungo Jerry allzu häufig auf einen einzigen Klassiker reduziert hat. Natürlich muss er die alten Stampf-Hits von früher spielen, doch sein Gespür für nackten Blues und erdigen Skiffle geht weitaus tiefer. Auch sein Einfluss als Komponist wird gerne unterschätzt.

1980 hatte die Sängerin Kelly Marie einen weltweiten Hit mit dem Song „Feels like I’m in Love“, den Dorset eigentlich für Elvis Presley komponiert hatte, der ihn aber dann doch nicht mehr aufnehmen konnte. Titel wie „Lady Rose“, „Somebody Stole My Wife“ und „Baby Jump“ werden von neueren Songs wie „Working Stranger“ flankiert.

Eine frische CD sei unterwegs, so der Sänger, den man ohne Sanktionen auch direkt als Mungo Jerry ansprechen darf. Er hat den Bandnamen für sich adaptiert. Ray Dorset IST Mungo Jerry. Ein Blick auf den Merchandising-Stand lässt keine Zweifel: sein Gesicht auf T-Shirts, Tassen und Buttons. Und es gibt sogar einen Vape Juice unter seinem Namen, eine Flüssigkeit für E-Zigaretten. Schmeckt nach Kirsche und Mango – Mango Cherry eben.

In erster Linie steht Mungo Jerry für handgemachte Sounds, die geschickt Elemente aus Pop, Rock und Blues mit Skiffle und Country verbinden. Die eingängig, aber nicht oberflächlich konzipierten Songs erzeugen durch Dorsets Vibrato-Stimme und sein bisweilen rotziges Mundharmonika-Spiel den unverwechselbaren Band-Sound. Irgendwie so, als ob Alexis Korner und Marc Bolan angetrunken in einem Probenraum zusammenprallen.

Doch Dorset, der ewige Hippie, ist keine Ausgeburt von musikalischen Einflüssen, sondern ein eigener Charakterkopf, der schon früh die britische Szene beeinflusst hat, bevor er mit „In The Summertime“ die Welt eroberte. Der Song, regelrecht zelebriert, darf natürlich ebenso wenig fehlen wie „Alright, Alright, Alright“ oder „Little Miss Hipshake“, bei denen die Partystimmung im Rex immer ausgelassener wird. Nach einer langen Pause kommt Ray Dorset dann wieder gemächlich zurück auf die Bühne und stöpselt die Gitarre ein. Es bleibt laut im Rex. Der Mann am Ton lächelt wehrlos. Vor allem vorn und in der Mitte der Halle ist der Sound bisweilen ohrenbetäubend. Langsamere Bluesnummern gönnen den Trommelfellen der Gäste eine Entspannung.

Muskulös und erdverwachsen

Kristallklare Gitarrensoli, psychedelische Keyboardlinien und wuchtige Beats treiben die stets gut geölte Blues-Lok nach vorn. Die Musik klingt fett und saftig, muskulös und erdverwachsen. Filigrane Kunstwerke darf man nicht erwarten, eher erfrischende Geradeaus-Nummern von sehniger Struktur und authentischer Herkunft. Ray Dorset bleibt einer der wenigen Einpeitscher des Bluesrock, dessen Mitmachbefehle von oben weder peinlich noch künstlich geraten. Nach über zwei Stunden bleibt die Feststellung: Mungo Jerry macht glücklich.

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