Bensheim

Konzert Die Sixtiesband The Pretty Things machte auf seiner ausgedehnten Abschiedstournee auch im Rex Station

Rotziger Rock mit irrem Tempo

Archivartikel

Bensheim.Es ist Zeit, Abschied zu nehmen für The Pretty Things. Nach 55 Jahren Band- und 54 Jahren Konzert-Geschichte ist 2018 endgültig Schluss für die Jungs aus England. The Pretty Things sind seit Monaten unterwegs auf ihrer Farewell-Tour, die im Dezember mit einem Gig in London inklusive hochkarätiger Gäste – unter anderem David Gilmour und Van Morrison – enden soll. Am Dienstagabend dockte die Formation um die Gründungsmitglieder Richard „Dick“ Taylor (75) und Phil May (73) im Rex an.

Rund 250 Zuschauer hatten sich im Musiktheater eingefunden, um mit der Sixtiesband auf musikalische Zeitreise zu gehen: ursprünglicher Brit-Rock, (Mississippi-Delta)-Blues, Psychedelic Rock. The Pretty Things galten in den 1960ern als eine der härtesten, wildesten, innovativsten Rockbands überhaupt. Während den Beatles in „Lucy in the Sky with Diamonds“ etwas angedichtet wurde, sangen May und Taylor „LSD“. Die Single „Don’t Bring me Down“ (1964) schaffte es in den UK-Charts unter die Top Ten, in den USA wurde der Song wegen des anzüglichen Textes verboten.

The Pretty Things setzten neue musikalische Maßstäbe und wurden in Sachen Haartracht und Bühnenshow Vorbilder für etliche Größen der Branche. Robert Plant soll sich seine extrovertierte Bühnenshow von Phil May, der sich selbst als Mann mit den längsten Haaren Europas bewarb, abgeschaut haben. Pete Townshend soll für „Tommy“ (1969) ein wenig bei den Kollegen abgekupfert haben.

The Pretty Things hatten 1968 mit „S.F. Sorrow“ die erste Rockoper bzw. das erste Konzeptalbum der Rockgeschichte veröffentlicht. „Tommy“ wurde ein Welterfolg, „S.F. Sorrow“ floppte damals, gilt heute aber als Meisterwerk.

Von der Kritik stets hochgelobt, als Wegbereiter für Punk und Garage-Rock gefeiert, blieb den „schönen Dingen“ der ganz große kommerzielle Durchbruch versagt. Dazu passt irgendwie die Geschichte von Dick Taylor, der Anfang der 1960er in London gemeinsam mit einem Kommilitonen und einem ehemaligen Mitschüler die Gruppe Little Boy Blue and the Blue Boy gründete. 1962 benannte sich die Combo um in: The Rolling Stones.

Während Keith Richards, der Kommilitone, und Mick Jagger, der ehemalige Mitschüler, bei den Stones blieben, ging Bassist Taylor neue Wege.

Bei ihrem Auftritt in Bensheim hatten Taylor (Gitarre) und May (Gesang) exzellente Musiker an ihrer Seite: George Woosey sorgte mit seinem fetzigen, dominanten Bassspiel gemeinsam mit Jack Greenwood (Schlagzeug) für den Groove. Frank Holland war die zweite Gitarre im System und lieferte Herausragendes auf der Blues Harp.

Musterbeispiele für die frühe Schaffensphase der Crew waren „Honey I Need“, „Don’t Bring me Down“ „Road Runner“ oder „Rosalyn“. Rotziger, frecher, dreckiger, schneller, abgehackt klingender Brit-Rock, der in irrem Tempo durchs Rex gejagt wurde.

Mit der Rockoper „Sebastian F. Sorrow“ begaben sich The Pretty Things auf Psychedelic-Terrain. Im Bensheim waren aus diesem Zyklus unter anderem „S.F. Sorrow is Born“ und „I See You“ zu hören. Als Bonus-Track auf dem Sorrow-Album gelistet war „Defecting Grey“ mit seinen skurrilen Melodiewechseln im Rex eine Perle des Auftritts.

Dass die Wurzeln von The Pretty Things im Blues liegen, wurde bei den grandiosen Hommagen an Robert Johnson, dem Godfather des Delta-Blues, Bo Diddley und Muddy Waters deutlich. „Blues for Robert Johnson“ war ein traumhafter Hochgenuss mit Taylor an der Akustik-Gitarre, May am Mikro und Holland an der Blues Harp. Die alte Güterhalle war begeistert.

„I can’t be Satisfied“ (Muddy Waters) und „Mona“ (Bo Diddley) waren zwei weitere Diamanten – und ganz spezielle Momente des Abends, die sich ein bisschen so anfühlten, als schwebe man am musikalischen Himmel. Ohne Lucy. eh

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