Bensheim

Sandige Böden, besondere Buchen

Archivartikel

Dass an der Bergstraße Italien anfängt, Bensheim an der deutschen Riviera liegt oder hier die Toskana Deutschlands ist, klingt wie ein allzu gefälliges Klischee – und hat doch einen wahren Kern. Das Klima ist hier tatsächlich ganz anders als etwa im nahen, aber viel trockeneren Rheinhessen.

An der Gebirgskette der Bergstraße regnen sich die Wolken schon teilweise ab, bevor sie weiter über den Odenwald ziehen und dort für ergiebige Niederschläge sorgen. In manchen Gebieten Rheinhessens dagegen ist es so trocken, dass sich Waldtypen wie die Buchenwälder der Bergstraße nicht ausbilden können, erklärt Annette Modl im Gespräch.

Zugleich ist es bei uns ziemlich warm, so dass man in Hinblick auf die hier ansässigen Pflanzengesellschaften von einer subatlantischen Klimazone mit submediterranen Einflüssen spricht – während schon das Mainzer Becken oder die Gegend um Würzburg als subkontinentale Klimazonen bezeichnet werden.

Der Odenwald hält die kalten Ostwinde ab, was die frühe Blüte der Obstbäume begünstigt. Was die Bodenqualität betrifft, sind die Hänge von einem Gemisch aus Löss und Sandverwehungen bedeckt, unter denen oft in geringer Tiefe Felsen liegen. Dass man das mit bloßem Auge und ohne geologische Vorkenntnisse erkennen kann, erläutert Annette Modl (kleines Bild) bei einem Blick über die Weinberge. Dort, wo unter der oberen Bodenschicht Felsen sind, sind die Reben viel schwächer ausgebildet als die anderen im gleichen Wingert wachsenden Stöcke: Sie bekommen viel weniger Wasser für das Wachstum, weil der Regen nicht im Boden gespeichert werden kann.

Spezielle Bedingungen

Mit Trockenheit kommt das Steppen-Lieschgras dagegen gut zurecht, das man nicht nur am Höllberg häufig findet. Auch der Hasen-Klee ist bei Trockenheit im Vorteil und liebt ein mildes Klima. Seine rosaroten, weich behaarten Blütenköpfchen erscheinen im Juni und Juli. Hasen-Klee und Steppen-Lieschgras wachsen auf lockeren und trockenen Böden. Doch ist Sand nicht gleich Sand: Das Steppen-Lieschgras findet man nur auf basischen Böden (wo der Sand einen Lössanteil enthält) und daher etwa nicht am Wambolder Sand, wo der Löss völlig ausgewaschen wurde – zurück blieb nur der Sand, der sauer reagiert.

Wie speziell die hiesigen Umgebungsbedingungen sind, zeigt die unscheinbar aussehende Panzer-Sommerwurz, die nur als Parasit des Feld-Beifußes wachsen kann. Der wiederum wächst nur an sandigen, trockenen Stellen, insbesondere auf Fels, wie er zum Beispiel am Höllberg vorkommt. Die Panzer-Sommerwurz gibt es eigentlich vor allem in Südeuropa und in Marokko. Das Bensheimer Vorkommen bildet eine Brücke zwischen Beständen in Südfrankreich und am Kyffhäuser in Thüringen, erklärt die Botanikerin und betont die Wichtigkeit des hiesigen Standorts.

Typische Hohlwege

Eine weitere Besonderheit, die sich rund um Bensheim entdecken lässt, sind die zahlreichen Hohlwege, die typisch für Sand-Löss-Landschaften sind. Durch jahrhundertelange Nutzung durch den Menschen bildeten sich mehrere Meter tiefe Wege, deren obere Bodenschicht durch die ständige Belastung verdichtet ist. Von den Seiten nachrutschendes Material wird bei Regen weggespült. Für den Naturfreund wichtig sind die Abbruchkanten entlang dieser Wege. Hier lassen sich zum Beispiel Fluglöcher verschiedener Wildbienenarten entdecken, aber auch Bauten von kleinen Säugetieren.

Und auf einen weiteren Aspekt der hiesigen Pflanzenwelt macht Annette Modl aufmerksam: An den Hängen finden sich noch drei unterschiedliche Buchenwaldformen. Buchenwald ist weltweit sehr selten, in Deutschland und weiten Teilen Mitteleuropas in den vergangenen 4000 Jahren aber typisch gewesen. Mit dem Weltnaturerbe Buchenwälder schützt die Unesco die „Alten Buchenwälder Deutschlands“ in Zusammenhang mit der Welterbestätte „Buchenurwälder der Karpaten“.

Eine echte Rarität

Die hiesigen Buchenwälder sind nicht mit erfasst – aber mindestens ebenso schutzwürdig, sagt Annette Modl. Die drei an der Bergstraße vertretenen Buchenwaldformen trifft man zunächst in einer unteren Zone an – im „orchideen- und artenreichen Buchenwald“, wo neben der Rotbuche auch andere Bäume wie Ahorn und Eiche vorkommen. Diese geht über die mittlere Zone langsam in die obere Zone über: Der Bergbuchenwald findet sich ab etwa 350 Meter Höhe, also etwa ab der Höhe des Auerbacher Schlosses. Dort, in einem Bereich mit mittlerer Feuchtigkeit, bestehen für die Buchen ideale Bedingungen, die sie gegenüber Eichen und anderen Bäumen sehr viel konkurrenzfähiger machen – deshalb wachsen hier ausschließlich Buchen.

Von dem Botaniker R. Knapp wurde in den 60er Jahren der Bergbuchenwald der Bergstraße und des Odenwaldes als eine Besonderheit mit dem wissenschaftlichen Namen „Fagetum melibocense“ beschrieben. Was dem Einheimischen normal vorkommt, ist aus der Ferne betrachtet eine echte Rarität: Es existierten nur noch etwa sieben Prozent des ursprünglichen Buchenwaldareals in Deutschland – ein Teil davon direkt vor unserer Nase.

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