Bensheim

Woche junger Schauspieler Jugendjury zieht positives Resümee / "All das Schöne" berührte am meisten

Schöne und lehrreiche Erfahrung

Archivartikel

Bensheim.Fünf Theaterstücke wurden im März 2019 im Rahmen der Woche junger Schauspieler vorgestellt, und unsere Aufgabe als Jugendjury war es, an eines von ihnen einen Preis zu vergeben. Obwohl es ein eher symbolischer Preis war, war das keineswegs eine leichte Aufgabe. Denn alle Stücke waren von sehr hohem Niveau, immerhin waren sie aus 50 Stücken in ganz Deutschland ausgewählt worden. Um uns auf diese Aufgabe vorzubereiten, trafen wir uns am ersten Abend mit Raphael Kassner, einem Theaterpädagogen, der das Projekt Jugendjury bereits seit vier Jahren leitet. Insgesamt waren in diesem Jahr elf Schüler unterschiedlicher Bensheimer Schulen in der Jury. Da es äußerst schwierig ist, elf Meinungen unter einen Hut zu bringen, sprach Kassner am ersten Abend - also im Vorfeld - mit uns über einige Kriterien, nach denen wir die Stücke „bewerten“ konnten. Dabei betonte er mehrfach, wie wichtig Ehrlichkeit sei, dass wir also das Recht hätten, zu sagen, wenn uns ein Stück überhaupt nicht zusagt. Da wir alle relativ unerfahren und in dieser Thematik noch nicht ausgebildet sind, entschieden wir uns letztlich dafür, die Stücke auf uns wirken zu lassen und das Stück auszuzeichnen, welches uns am meisten berühren würde. Als wir zu dem Treffen kamen, waren wir zunächst sehr überrascht, wie viele Jugendliche bei dem Projekt mitwirkten, da immer angenommen wird, Jugendliche wären an Theater nicht interessiert. Wir hatten nicht erwartet, dass wir die ältesten Mitglieder der Jugendjury sein und uns auf Anhieb so gut mit den anderen verstehen würden.

Gleich am ersten Abend hinterließ das Stück „Im Herzen der Gewalt“ einen bleibenden Eindruck bei uns allen, da der Schauspieler Sebastian Jakob Doppelbauer sich komplett auszog. Wir waren alle anfangs sehr irritiert darüber, da wir so etwas im Theater nicht erwartet hätten. Allerdings war seine Nacktheit in der Situation vollkommen angebracht, weil sie nichts Erotisches an sich hatte. Vielmehr drückte sie die Gefühlswelt des Protagonisten perfekt aus, wobei wir natürlich außerdem den Mut des Schauspielers sehr bewunderten.

Am zweiten Abend betraten wir voller Erwartungen das Theater und waren gespannt darauf, ob „Jugend ohne Gott“ uns auch so sehr überzeugen würde wie das erste Stück. Wir nahmen im Zuschauerraum Platz, der bereits gänzlich gefüllt war, und bestaunten die bewegliche Plattform, welche auf der Bühne aufgebaut worden war und auf der die Schauspieler ihr Stück spielen würden. Insgesamt hat die Inszenierung des bekannten Werkes uns vollkommen überzeugt, allerdings hinterließ sie keinen vergleichbar bleibenden Eindruck wie „Im Herzen der Gewalt“. Insgesamt waren jedoch beide Stücke schauspielerisch auf sehr hohem Niveau.

Vom dritten Stück, einer moderneren Inszenierung von „Michael Kohlhaas“, waren wir dagegen alle sehr enttäuscht, da sowohl die Handlung als auch die schauspielerische Leistung dem Niveau der vorherigen Abende nicht gerecht werden konnte.

Der Monolog „Draußen vor der Tür“, der von Enrique Fiß gespielt wurde, berührte uns trotz der sehr guten schauspielerischen Leistung ebenfalls nicht so sehr wie „Im Herzen der Gewalt“. Obwohl die Inszenierung besonders durch den Einsatz einer Wasserwanne, mit der sich der Schauspieler auf der Bühne übergoss, interessant gestaltet worden war, sprach uns die Handlung nicht besonders an.

Alle unsere Erwartungen wurden schließlich am letzten Abend durch das Stück „All das Schöne“ übertroffen. Aufgrund der überragenden schauspielerischen Leistung von Jonas Steglich, welcher auch mit zufällig ausgewählten Zuschauern perfekt agieren konnte, war das Stück einfach einzigartig. Weiterhin war es beeindruckend, wie viel wir trotz des schweren Themas Depression lachen konnten, ohne die Ernsthaftigkeit dieser schlimmen Krankheit zu unterschätzen.

Dass „All das Schöne“ besonders herausragend war, zeigte nicht nur unsere Entscheidung, diesem Stück den Jugendjury-Preis zu verleihen, sondern auch das Ergebnis des Publikumsvotums sowie die Auszeichnung des Günther-Rühle-Preises für Jonas Steglich. Somit gewann er mit seinem Stück alle drei Preise, die im Rahmen der Woche junger Schauspieler vergeben werden.

Unsere Entscheidung war jedoch keineswegs einfach. Genau wie die Jury des Günther-Rühle-Preises fiel es uns sehr schwer, uns zwischen „Im Herzen der Gewalt“ und „All das Schöne“ zu entscheiden. Neben der Hingabe des Protagonisten von „Im Herzen der Gewalt“ hatte uns die schauspielerische Leistung von Toini Ruhnke, die dessen Schwester verkörperte, sehr beeindruckt. Letztendlich hat uns „All das Schöne“ doch etwas mehr berührt, sodass wir uns ganz knapp dafür entschieden.

Insgesamt war es eine sehr schöne und lehrreiche Erfahrung, in der Jugendjury mitzuwirken. Es hat uns gezeigt, dass Theater auch Jugendliche anspricht, da es auch moderne Themen aufgreift. Nicht zuletzt waren wir überrascht, dass wir als „Anfänger“ dieselbe Entscheidung getroffen haben wie die „Profis“.

Elena Dobrat, Sandrina Schwerdt, Q2, AKG Bensheim

Das Wichtigste von heute
Newsticker Bergstraße
Newsticker überregional
Meistgelesene Artikel
Neueste Artikel