Bensheim

Darstellendes Spiel Theatergruppe überzeugt mit eigener Version des Huxley-Klassikers „Schöne neue Welt“

Scholl-Schüler setzen ein Ausrufezeichen

Bensheim.Das System hat alles unter Kontrolle: Leben und Tod, Gedanken- und Gefühlswelt. Fantasie und Individualität sind abgeschafft. Was zählt sind Zucht- und Exportzahlen. Präsident Tonald Drump herrscht uneingeschränkt in dieser schönen neuen Welt. Und wenn es mal nicht so läuft in dem streng geordneten Kosmos, wird einfach Soma eingeworfen – die Droge, die jeden glücklich macht.

Die Q2-Kurse Darstellendes Spiel der Geschwister-Scholl-Schule haben in Anlehnung an Aldous Huxleys Roman aus dem Jahr 1932 ihre eigene „Schöne neue Welt“ in einer Eigenproduktion auf die Bühne gebracht. Huxleys gruselige Zukunftsvision dient dem 31-köpfigen Ensemble dabei lediglich als Vorlage. Texte und szenische Umsetzung erarbeiteten die Schüler selbst unter Leitung der Pädagogen Eva Lehrer und Julia Mandel. Nach einem halben Jahr Vorbereitung feierte das Stück am Donnerstag im GSS-Forum mit zwei Aufführungen Premiere.

Strenge Kasteneinteilung

Wie im Original herrscht auch in der Adaption eine strenge Kasteneinteilung. Die GSS-Version beschränkt sich auf drei gesellschaftliche Schichten (bei Huxley sind es fünf). Die Alphas thronen an der Spitze des Systems, sind die Elite. Betas und Gammas, denen während des Embryonenstadiums in den Zuchtzentren Sauerstoff entzogen wird, verfügen nur über beschränkte geistige Fähigkeiten.

Betas stehen in der Mitte der undurchlässigen Hierarchie und dienen ausschließlich den Alphas. Die Gammas sind für die Erledigung aller niederen Arbeiten zuständig. Auf der Bühne des GSS-Forums unterscheiden sich die drei Kasten durch ihre Kleidung. Alphas tragen weiße Hemden, Betas braune T-Shirts, Gammas Blaumänner.

Bei einer als Hochamt inszenierten Zusammenkunft präsentiert Tonald Drump die neuesten Zahlen, die die Leistungsfähigkeit der schönen neuen Welt belegen. 100 000 Neuzüchtungen (Alphas, Betas, Gammas) im vergangenen Jahr, dazu finden die produzierten Waren reißenden Absatz auf dem Exportmarkt. Es läuft prächtig für das System.

Schnelle Szenenwechsel geben einen Einblick in die Funktionsmechanismen des Gebildes. In der Zuchtstation kriechen die durch künstliche Befruchtung erzeugten „Neugeborenen“ unter einer Folie hervor und werden von gesichtslosen Geburtshelfern lieblos ihrer Kaste zugeteilt. Überwacht wird das Ganze von zwei hyperaktiven Alpha-Wissenschaftlern, die sich ständig in die von oben verordnete Soma-Pause verabschieden.

In der Konditionierungsabteilung werden Betas und Gammas durch stumpfsinniges Wiederholen auf ihre Tätigkeiten eingestellt. Die Alpha-Klasse wird in den Amüsierbetrieben mit jeder Menge Soma ruhiggestellt und durch die Happy-Droge ferngehalten vom reflektierten Nachdenken. Alles ist durchorganisiert und alle sind glücklich damit. Fast alle. Denn es regt sich Widerstand in dieser perfekten Welt. Während bei Huxley der Impuls zum Aufbegehren von außen (dem „Wilden“ John) kommt, beginnt die Revolte in der GSS-Aufführung im Inneren des Systems. Aus verschiedenen Richtungen und aus unterschiedlichen Beweggründen (Wunsch nach Gleichberechtigung, Freiheit, Freizügigkeit, umfassende Bildung) entschließen sich mehrere Soma-resistente Alphas zur Meuterei.

Der Präsident wird beseitigt. Doch das Imperium schlägt zurück, die Verräter werden aus dem Verkehr gezogen. An die Spitze des Systems tritt ein neuer Alpha-Präsident und verkündet in der Schlussszene aggressiv triumphierend: Wir haben die Geschichte eliminiert.

Bei allen Freiheiten, die sich das GSS-Crewe in der rund einstündigen Vorstellung nimmt, bleibt die Inszenierung fest verankert mit Huxleys zeitlosem Plädoyer für eine freie, mündige Gesellschaft und der Ablehnung totalitärer Diktaturen.

Gerade in Zeiten wie den heutigen, in denen Demokratien weltweit zunehmend unter Druck geraten, eine ebenso sehenswerte wie befruchtende Aufführung des Theaterensembles der Geschwister-Scholl-Schule.

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