Bensheim

Schutz für HIRTEN oder JÄGER?

So mancher kennt es auch vom Blick aus dem Autofenster oder von einem Besuch auf dem Bensheimer Segelflugplatz: Ein merkwürdiges kleines Gebäude mit hohem Kuppeldach, mitten in den Stadtwiesen, am Rande des Geländes, das von der Segelfluggruppe Bensheim genutzt wird. Das Landesamt für Denkmalpflege Hessen verzeichnet es als „Schutzhäuschen für Hirten, neben dem Lorscher Exemplar das einzig erhaltene im Kreis Bergstraße“ und siedelt die Erbauungszeit „möglicherweise noch im 18. Jahrhundert“ an.

Aus den Steinen eines Klosters

Das angesprochene Lorscher Häuschen liegt in der Nähe der Weschnitzinsel südlich von Lorsch und ist dort als Bruchhäusel bekannt. Hirten errichteten den kleinen Rundbau im Jahr 1851 – aus den Steinen eines ehemaligen Klosters, wie man seit Grabungen dort im Jahr 1904 weiß.

Das Gebäude ist also wohl jünger als das Bensheimer Häuschen. Doch unterscheidet sich der Lorscher Unterstand von dem in Bensheim nicht nur durch das Alter.

Ins Auge springt dabei die geschwungene, flache Form der Kuppel in Lorsch, während es in Bensheim eine exakte Halbkugel ist, die sich über dem runden Grundriss erhebt.

In Lorsch gibt es lediglich einen Eingang und keine weiteren Öffnungen. In Bensheim aber ist nicht nur ein rundbogig geschlossener Eingang mit sorgfältig gearbeitetem Sandsteingewände im Norden. Es gibt nach Osten und Westen hohe Rundbogenfenster, ebenfalls mit Sandsteingewänden und nach Süden eine weitere schmale, schießschartenartige Schlitzöffnung. Die Kuppel sitzt auf einem profilierten Kranzgesims.

Alles in allem wirkt der Bau aufwendiger als der Lorscher Rundbau – und er ist für einen einfachen Unterstand für Hirten verblüffend hochwertig gearbeitet. Auch die Formensprache der Tür und der Fenster, insbesondere aber die Kuppel erinnert eigentlich eher an Repräsentationsbauten als an eine bäuerliche Zweckarchitektur.

In den rheinhessischen Weinbergen gibt es eine Gruppe von kleinen Unterständen, die wie die berühmten apulischen Rundhäuser als Trulli bezeichnet werden und wie die Bensheimer Rotunde ebenfalls aus dem 18. Jahrhundert stammen. Auf den ersten Blick ähnlich, werden beim direkten Vergleich doch erhebliche Unterschiede sichtbar. Zum Beispiel handelt es sich beim Dach nicht um eine echte Kuppel, sondern eher um Kegel, die in Kragbauweise aus Steinen ohne Mörtel gemauert sind. All diese Häuser sind von sehr einfacher Bauart und auf einem unregelmäßig runden Grundriss errichtet.

Parallelen zu Monopteros

Wenn die Bensheimer Rotunde also so viel sorgfältiger und teurer gebaut wurde – vielleicht war es mehr als ein einfacher Unterstand für Hirten? Man könnte auch an eine Verwendung in der Jagd denken – nicht zuletzt in Hinblick auf die schießschartenartig verkleinerte Fensteröffnung im Süden.

Im nahegelegenen Jägersburger Wald jagten die Landgrafen von Hessen-Darmstadt im 18. Jahrhundert. Es gab dort auch zwei Jagdschlösser, und Schwanheim gehörte zum Territorium der Landgrafen. Und am Landgrafeneck in Darmstadt-Kranichstein gibt es Reste eines gebauten Jagdschirms aus dem 18. Jahrhundert: Ein – allerdings oben offener – Rundbau mit Schießöffnungen in mehrere Richtungen und festen Mauern als Bollwerk gegen Wildschwein und Co.

Bauliche Ähnlichkeiten

Bauliche Parallelen finden sich in der Form des Monopteros, einem in Parkanlagen des Klassizismus häufigen Rundbau, und in einem ähnlich hochwertig ausgeführten runden Bau in den Weinbergen der Gemeinde Stadecken-Elsheim im Landkreis Mainz-Bingen, der dort als das Babo-Häuschen bekannt ist, weil er gegen Ende des 18. Jahrhunderts von dem damaligen kurpfälzischen Geheimen Rat Johann Lambert Babo als Aussichtspunkt errichtet wurde – nachdem dieser das Gelände von Freifrau Marie Antoinette von Ulner ersteigert hatte.

Zumindest spekulieren kann man also, wer tatsächlich Bauherr des runden Unterstands in den Bensheimer Stadtwiesen war.

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