Bensheim

Sozialzentrum Erneut großes Interesse an der „Ü 90“-Party von Stadt und Arbeiterwohlfahrt

Singen und Tanzen gegen die Einsamkeit

Bensheim.Der 95 Jahre alte ehemalige Schumachermeister strahlt: „Heut’ ist Leben im Haus. Da bin ich wieder ein junger Bursch’“, sagt er zu Beginn der „Ü-90-Party“ im Awo-Sozialzentrum in Bensheim sichtlich vergnügt. „Ich freue mich, dass hier noch so viele alte Leute sind, denn viele sind ja tot.“ Rund 70 Menschen im Alter 90 plus sind zu der Hochbetagten-Feier am Montagnachmittag gekommen. Sie schunkeln und singen zur Musik des Duos „Sorgenbrecher“ – Helmut Gondolph und Georg Keil –, essen Kuchen und trinken Erdbeerbowle.

Alle rund 300 Bewohner über 90 in der Stadt mit ihren rund 42 000 Einwohnern seien angeschrieben worden, sagt der städtische Pressesprecher Matthias Schaider. „Die 70 Plätze waren innerhalb weniger Tage belegt.“ Mehr Platz gebe es nicht, erklärt Andrea Schumacher von der Stadt die Begrenzung.

Die erste Veranstaltung dieser Art 2014 zum Hessentag sei so gut angekommen, dass sie seither jedes Jahr einmal wiederholt werde. „Für diesen Personenkreis wird ja gar nichts angeboten“, sagt Schumacher. Und: „Wenn wir die Menschen ab 80 einladen würden, müssten wir ja eine Halle mieten.“

„Zum Lachen gebracht“

Was unterscheidet die „Ü-90-Party“ von einem gewöhnlichen Altennachmittag? „Der Titel hat mich zum Lachen gebracht“, sagt eine 90 Jahre alte pensionierte Realschullehrerin, die mit dem Auto gekommen ist. „Ich bewege mich fast nie unter Gleichaltrigen, sondern immer unter Jüngeren.“ Nun genieße sie die ungewohnte Runde für eine Stunde. „Dann muss ich wieder los. Ich hab noch viel zu tun.“ Viele seien auf den Titel stolz und darauf, ihren Enkeln und Urenkeln zu erzählen, dass sie auf einer „Ü-90-Party“ waren, sagt Schaider.

Der Altersforscher und Buchautor Sven Voelpel findet den Namen „Ü-90-Party“ auch gut. „So verschwinden Stereotype aus dem Kopf und die Leute bleiben dadurch auch ein bisschen jung“, sagte der Betriebswirtschafts-Professor von der Jacobs University in Bremen der Deutschen Presse-Agentur. „Durch die Einstellung prägen wir, wie alt wir sind.“ Die meisten Menschen über 90 Jahren litten darunter, dass alle Freunde schon gestorben seien. Nicht nur der Partner, auch die eigenen Kinder seien oft bereits tot. Sich darüber mit anderen Menschen auszutauschen, die trotz unterschiedlicher Lebensläufe ähnliche Erfahrungen gemacht hätten, sei sehr hilfreich, sagt Voelpel. Er ist Gründungsdirektor eines Demografienetzwerks und Leiter der Forschergruppe WISE, die Veränderungen untersucht, die durch den demografischen Wandel verursacht werden.

Mehr als 57 400 der insgesamt 6,2 Millionen Menschen in Hessen sind älter als 90 Jahre, darunter deutlich mehr Frauen als Männer. Gut 11 000 Hessen sind sogar mindestens 95 Jahre alt. Das geht aus Zahlen des Statistischen Landesamtes zum Jahresende 2016 hervor; neuere gibt es noch nicht.

Seit den 1950er Jahren gibt es immer mehr Menschen, die älter als 90 sind, wie das Statistische Bundesamt berichtet. Zwar ist in diesem Zeitraum auch die Bevölkerung gewachsen – von knapp 70 Millionen in Ost und West auf rund 82,5 Millionen Menschen (2016). Der Anteil der Menschen, die ihren 90. Geburtstag schon gefeiert haben, ist aber überproportional gewachsen – von rund 24 800 (1950) auf etwa 749 600 (2016).

„Die alten Leute wollen auch mal ein bisschen Unterhaltung haben“, sagt ein 90-Jähriger, der trotz seines schmerzhaften Beinleidens von seiner Wohnung ins Sozialzentrum gekommen ist. „Ich freue mich sehr, dass mal was los ist.“

Neue Bekanntschaften geknüpft

Einsamkeit, so zeigten Studien, sei für den Menschen fast so schlimm wie mangelnde Bewegung oder schlechte Ernährung, sagt Voelpel. „Die soziale Interaktion und das Gefühl, integriert zu bleiben, halten lebendig und regen das Gehirn an.“

Bei den „Ü-90-Partys“ in Bensheim hätten sich Menschen wieder gefunden, die sich noch aus der Schule kannten und aus den Augen verloren hatten, berichtet Tanja Eichelbaum vom Awo-Sozialzentrum. „Es wurden einige Bekanntschaften und Freundschaften geknüpft.“

Eine 94-Jährige ist schon zum fünften Mal da: „Eine neue Bekanntschaft will ich aber nicht mehr.“ Ihr Mann sei vor sechs Jahren gestorben, sagt die Heimbewohnerin und Mutter einer 73-Jährigen traurig. „Wir waren fast 50 Jahre zusammen und er war ein guter Mann.“ Sie komme vor allem wegen der Musik.

Schunkeln im Sitzen, im Rollstuhl oder auf dem Rollator – auch das gehört in Bensheim dazu. „Am allerbesten gegen das Alter und für das Leben ist das Tanzen“, betont Voelpel. Dies gelte für die Ausdauer, die Koordination, die Interaktion mit anderen Menschen, die Musik. „Man ist sofort im Hier und jetzt.“

Am Montag wurde davon reichlich geboten. Das Kinderballett der Grieseler Rote Funken unter der Leitung von Caroline Storch gehörte genauso zum Programm wie das gemeinsame Singen von Volksliedern, die Gudrun Frehse vom Bensheimer Roten Kreuz mit den Gästen einstimmte. Älteste Teilnehmerin war am Montag mit 99 Jahren Valerie Schaphaupt. dpa/red

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