Bensheim

Bürgerforum 25 Teilnehmer diskutierten über zentrale Spiel- und Aufenthaltszonen in der Innenstadt

Spielplätze wie an einer Perlenkette

Archivartikel

Bensheim.So ist das mit Perlen: Bevor man sie zu einer ästhetischen Kette zusammenfügen kann, muss man eine Reihe von inhaltlich kostbaren Muscheln finden und ihr Potenzial behutsam knacken. Genauso schaut es mit der Weiterentwicklung der Bensheimer Innenstadt aus. Das Bürgerforum hat es sich – unter anderem – zur Aufgabe gemacht, in einem interaktiven Prozess zentrale Plätze zum Spielen, Bewegen und Verweilen zu gestalten und diese, nach eigenen Angaben, wie eine „Perlenkette“ miteinander in Beziehung zu setzen.

Im Muschelvergleich war der Termin im Kolpinghaus mehr als das kollektive Öffnen der Schale. Etwa 25 Teilnehmer trafen sich, um erste Ideen und konzeptuelle Inspirationen zu hören, und dann die eigenen Köpfe rauchen zu lassen. Die relevanten Plätze waren bekannt. Etwa die Bereiche am Nibelungenbrunnen, am Wambolter Hof, am Rinnentor oder am Marktplatz.

Das Bürgerforum, das sich seit Oktober 2018 aktiv und kooperativ mit der Zukunft der Bensheimer Innenstadt auseinandersetzt, favorisiert ein ganzheitliches, integratives Stadtentwicklungskonzept, das alle Zielgruppen anspricht. Planerisches Kleinklein und isolierte Perspektiven sollen möglichst vermieden werden, wie Karl-Heinz-Schlitt im Kolpinghaus betonte.

Er ist neben Hans-Peter Meister und dem Architekten Sanjin Maracic einer der Initiatoren des überparteilichen Netzwerks, das in strategischer Hinsicht auf Schwarmintelligenz setzt – nach dem Motto: die Weisheit der Vielen gestaltet sich letztlich bürgernäher als politische oder planerische Solonummern. Mit der Konsequenz, dass nach einem breiten Beteiligungsprozess die meisten hinterher zufrieden sind.

Interessanter Impuls

Die Resonanz auf das Treffen im Kolpinghaus war jetzt nicht gerade überwältigend, aber groß genug, um weitere Vorschläge zu sammeln und zu dokumentieren. Einen vitalen Impuls hatte der Landschaftsplaner Norbert Schäfer in Form eines visuellen Stadtrundgangs mitgebracht, der einige der ausbaufähigen Punkte in der City näher unter die Lupe nahm. Schäfers Büro „Stadt und Natur“ in Annweiler befasst sich seit über 26 Jahren speziell mit Kindergarten- und Schulhofgestaltungen sowie Bewegungs- und Parkanlagen. Sein Team zeichnet auch für das Konzept der vielfach hoch gelobten alla hopp!-Anlagen verantwortlich.

„Weg von den Standards“, lautet Schäfers Kurs. Statt der mehr oder weniger gleich gestalteten Spielplätze setzt er auf thematische Vielfalt, die sich gegenseitig ergänzt und junge Menschen zur Bewegung motiviert. „Unsere Kinder werden systematisch unterfordert“, betont der Fachmann, der Spielanlagen und Plätze mit Aufenthaltsqualität nicht separat, sondern zusammen denkt. Eben als „Perlenkette“, die sich locker durch die Innenstadt zieht und alle Generationen anspricht. „Menschen ziehen Menschen an“, sagt er. Daher müsse man Orte schaffen, an denen Kommunikation und Begegnung gelingen kann. Schäfer will Räume nutzen und Atmosphäre schaffen.

Zu seinem Credo gehört auch die Bürgerbeteiligung als offener, kreativer Prozess der gemeinsamen Gestaltung. „Das schafft Wertschätzung für die Anlagen und Identifikation mit der Stadt.“ Er möchte „Heimat erlebbar machen“ und die Potenziale der Innenstadt heben. In Bensheim passiert das im Auftrag der Stadt mit Unterstützung des Bürgerforums.

Spielplätze nicht isoliert sehen, Angebote verknüpfen und Wiederholungen reduzieren: Das entspricht auch der Vorstellung von Helmut Sachwitz. Der Baustadtrat setzt große Erwartungen in den Kooperationsprozess mit der Bevölkerung. Dabei sollen möglichst wenige Vorgaben eingespielt werden. „Wir möchten einen Rahmen öffnen, einen Gestaltungsspielraum“, so Sachwitz. Zunächst will man Ideen sammeln und erst danach über Budgets und Prioritäten sprechen, sagt auch Karl-Heinz Schlitt. Das Bürgerforum geht davon aus, dass man für die nächsten zehn Jahre jeweils eine runde Million Euro jährlich investieren müsse, damit die Fußgängerzone nicht weiter verwaist.

Lauter mit hohem Potenzial

Dass bereits kleinere und Kleinstmaßnahmen eine große Wirkung entfalten können, hatte sich bei der testweisen Beleuchtung der Lauter im Mai dieses Jahres gezeigt. Die Achse zwischen der Ecke Grieselstraße/Kaufhaus Ganz und dem Rinnentor besitze ein hohes Potenzial an Aufenthalts- und Erlebnisqualität, betont Sanjin Maracic. Das Bürgerforum schlägt vor, die verstellten Sichtachsen ins Blickfeld zu rücken und den Zugang zum Bachlauf wiederherzustellen. Denn bereits früher kamen die Bensheimer ihrer zentralen Wasserader regelmäßig weitaus näher als in den vergangenen Jahrzehnten. Für den Sprecher des Arbeitskreises Innenstadtentwicklung ist die Lauter neben der Haupt- und der Bahnhofstraße die „dritte Achse“ im Bensheimer Zentrum. „Wir haben sie aber leider vergessen“, so der Architekt über ein weiteres Schwerpunktthema des Bürgerforums.

Helmut Sachwitz teilt dazu mit, dass man die im städtischen Besitz befindlichen Flächen an der Lauter zwischen Gagern-Platz und Stadtmühle als erstes entwickeln könne, weil hier kein Dialog mit fremden Eigentümern nötig ist.

Nach einer guten Stunde Intro waren dann doch noch die Bürger gefragt, ihre Vorschläge und Ideen zu Papier zu bringen. Den Input wollen die Gastgeber zunächst dokumentieren. Er soll dann in die Konzeptvorlage des Planungsbüros einfließen, die das Büro Stadt und Natur im Laufe des Monats September vorlegen will.

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