Bensheim

Bürgermeisterwahlkampf Der FDP-Kandidat befasste sich mit den Möglichkeiten der Digitalisierung / Konkrete Beispiele für Bensheim

Stehle will eine intelligente Vernetzung

Bensheim.Bürgermeisterkandidat Stefan Stehle (FDP) trifft sich nach seinem Infostand am Samstag mit Freunden im Weingarten am oberen Ende des Marktplatzes auf ein Gläschen Wein. Gemeinsam lässt man die vergangenen Wahlkampfwochen und dabei aufgekommene Themen Revue passieren.

Stehle nimmt nach eigenen Angaben viele Erkenntnisse aus seinen Gesprächen mit Bürgern, Gewerbetreibenden und Vereinen mit. Ein Thema steche dabei jedoch immer wieder hervor: Digitalisierung. Dieser Begriff sei so „allumfassend und doch irgendwie nichtssagend“, einigt man sich in der kleinen Runde.

Was bedeutet das überhaupt in Bezug auf eine Stadt wie Bensheim? Wie soll Digitalisierung konkret in Bensheim aussehen? Und gehen durch zunehmend mehr digitale Prozesse nicht jede Menge Arbeitsplätze verloren?

Der Weinmarkt mit seinem Zugangs- und Bestellkonzept via Smartphone-Anwendung sei ein praktisches Beispiel für integrative Digitalisierung, stellt Stefan Stehle, selbst ausgebildeter Industrietechnologe für Antriebs- und Automatisierungstechnik im Fachgebiet Energiewesen, fest. Er betonte, dass dies jedoch erst der Anfang sei und schilderte seinen Zuhörern weitere Visionen, die er für seine Heimat als sinnvoll und realistisch erachtet.

„Nachhaltig zu handeln bedeutet für mich mit Ressourcen bestmöglich zu haushalten. Das sehe ich als fortlaufenden Prozess. Daher auch mein persönliches Leitmotiv: Wer aufhört, besser zu werden, hat aufgehört, gut zu sein.“ Der gescheiterte Versuch, eine Bensheim-App zu etablieren, sei eine gute Idee gewesen, die aber einmal mehr überstürzt und ohne ordentliches Konzept angegangen wurde, resümierte Stehle eingangs. Die Grundlage für eine ordentliche und nachhaltige Digitalisierung müsse eine variable und vernetzte IT-Infrastruktur sein.

Nur auf dieser Basis, ist sich Stehle sicher, können Zukunftsvisionen wie komplett digitale Behördengänge, crossmediale Bürgerbeteiligungen, die Vernetzung von Nahversorgern und Einzelhändlern sowie die Unterstützung der ortsansässigen Handwerksbetriebe, faire Ausschreibungsverfahren für Bauplätze, vereinsübergreifende Hallenverzeichnisse oder ergänzende ÖPNV-Konzepte für die Stadtteile realisiert werden. Arbeitsplätze seien dadurch nicht gefährdet, versichert der Bürgermeisterkandidat. Man werde lediglich effizienter in dem, was man ohnehin schon macht und könnte dadurch unter Umständen sogar Jobs aufbauen.

Stehle denkt nach eigener Aussage häufig schon eine Dimension weiter. Er ist sich jedoch bewusst, dass der Weg zu seinen digitalen Wunschvorstellungen in Bensheim noch ein weiter ist, den man systematisch und schrittweise angehen muss. Dennoch gab er anhand von sogenannten Mikro-ÖV-Systemen und Smart-Grid-Technologien einen kleinen, aber konkreten Einblick in seine Idee für Bensheims digitale Zukunft.

Mikro-ÖV-Systeme sind bedarfsorientierte, flexibel einsetzbare und an den Nutzern orientierte Verkehrsangebote, die den hiesigen ÖPNV ergänzen und optimieren sollen. Kurz erklärt, vernetzen solche Mikro-ÖVs Transportdienstleister über eine App und ermöglichen dadurch eine örtlich und zeitlich variable Lösung der Verkehrsanbindung.

Bedarfsorientierte Versorgung

Samstags um 3 Uhr sicher nach Hause nach Hochstädten, mittags um 14 Uhr pünktlich vor der Tür des Arztes am Berliner Ring oder morgens trotz Zugausfall rechtzeitig in Auerbach bei der Arbeit – alles sei kein Problem mehr. Leere Busse, die trotzdem ihre Kreise ziehen, das Gefühl abseits aller Wege zu leben, Preise wie in einem Taxi und ein überforderter ÖPNV an Lastspitzen wie dem 1. Mai seien damit ebenfalls passé. „Smart Grids“, oder zu Deutsch „intelligente Stromnetze“, umfassen verschiedenste Technologien zur kommunikativen Vernetzung von Stromerzeugern und -verbrauchern.

Energie könne nicht immer dort erzeugt werden, wo sie letztendlich verwendet wird. Daher ist das vereinfacht formulierte Ziel dieser Systeme, die Sicherstellung der bedarfsorientierten Energieversorgung durch die intelligente Vernetzung erneuerbarer Energiequellen. Primär denkt man in diesem Zusammenhang an elektrische Energie, also Strom. Die Grundidee sei jedoch auch auf andere Energieformen zu übertragen.

In Bensheim könnte beispielsweise ein solches System innerhalb des Stubenwaldes realisiert werden. Ein Hotel, ein Fitnessstudio, eine Kletterhalle, eine Bowlingbahn und mehrere Gewerbetreibende auf kleinstem Raum vereint. Die einen benötigen hauptsächlich morgens und/oder abends Strom, die anderen zu bestimmten Kernarbeitszeiten. Die einen erzeugen ungewollte Wärme, die als Verlustleistung an die Umwelt abgegeben werde, die anderen heizen mit externer Energie einen Pool oder die Räume auf.

„Durch intelligent vernetzte Energieerzeuger, dezentrale Zwischenspeicher, effiziente Übertragungsmittel und sparsame Verbraucher hätte unser Stubenwald zu einem echten Vorreiter in Sachen Energieeffizienz werden können“, zeigt sich Stehle enttäuscht, während er über die „versäumten Potenziale“ sprach. „Mit der bloßen Vermarktung der Gewerbeflächen ist es leider nicht getan. Die unternehmensübergreifende Entwicklung eines Gewerbegebietes ist für nachhaltige Effekte in einer Stadt wie Bensheim wesentlich wichtiger“, führte er weiter aus.

Die Oberbegriffe Digitalisierung und Nachhaltigkeit werden laut Stehle zu inflationär verwendet. Man müsse das Kind beim Namen nennen und die jeweiligen Begrifflichkeiten an konkreten Maßnahmen festmachen. Nur so werde man den Bürgern die Bedenken bezüglich geplanter Veränderungen nehmen können. red

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