Bensheim

Bürgermeisterwahlkampf FDP-Kandidat unterhielt sich im Caritasheim mit den Leiterinnen Ulrike Schaider und Claudia Sänger

Stehle will Sozialpolitik stärken

Bensheim.Bürgermeisterkandidat Stefan Stehle berichtet von seinem Besuch im Caritasheim St. Elisabeth in der Heidelberger Straße. Caritas bedeutet Nächstenliebe. Gerade in Zeiten von Corona wurde diese dringend benötigt, wie die Heimleiterin Ulrike Schaider und Claudia Sänger, Leiterin der Tagespflege, im Gespräch berichten.

Covid-19 habe gezeigt, wie wichtig die Gemeinschaft in Bensheimer Institutionen wie dem Caritasheim ist. Während des Lockdowns hatte das Heim über vier Wochen die Türen für die Öffentlichkeit und Angehörige geschlossen. Schaider erzählt von intensiveren Dialogen und stärkerem Zusammenhalt zwischen den Heimbewohnern. „Wir können Angehörige durch unsere Arbeit nicht ersetzen“, fügt sie dennoch hinzu, während ihre Kollegin betont: „Wir versuchen, unseren Heimbewohnern das Bestmögliche zu bieten.“

Helfer zählen zur Risikogruppe

Sänger berichtet von sehr emotionalen Gesprächen, die während dieser Zeit durch technische Hilfsmittel ermöglicht wurden, die auch heute noch Anwendung finden. Darüber hinaus hätten einige Engagements lokaler Vereine oder der Kirche in Form von Konzerten im Park des Caritasheims oder evangelische Andachten diese schwere Zeit für alle Beteiligten positiver gestaltet.

Doch auch die Kehrseite der Medaille bleibt nicht aus. Derzeit verfügt das Caritasheim über 85 ehrenamtliche Helfer, die teilweise auf Abruf oder dauerhaft in engeren Sequenzen zur Verfügung stehen. Diese sind meist selbst der Risikogruppe zuzuordnen und dürfen somit nur unter bestimmten Voraussetzungen oder gar nicht aushelfen. In Folge dessen hat auch die Cafeteria seit März geschlossen.

Auch die Ausbildungsreform im Pflegesektor habe durch die Veränderungen bezüglich der Finanzierung und der Ausbildungsinhalte zu weiteren Problemen geführt. Derzeit zählt das Caritasheim vier Auszubildende, die diesen Monat ihre Ausbildung begonnen haben. Aus dem vorigen Monat hat bereits jemand die Ausbildung abgebrochen, da der Pflegeberuf doch weitaus mehr abverlangt, als eingangs erwartet werde. „Das Klatschen hat uns nicht geholfen“, resümiert Schaider daraufhin. Die Reform führe zu „Reisen durch den Pflegebereich“, die aufwändige Abrechnungen erfordern, die vorher nicht da waren. Gleichwohl werden vielseitige Einblicke durch die Vernetzung zwischen Krankenhäusern, Schulen und Praxispartnern ermöglicht.

Doch neben diesen Aspekten war es Stefan Stehle ebenso ein Anliegen, die Barrierefreiheit in Bensheim nochmals zu thematisieren. Auch bei der Caritas ist man sich sicher, „es ist noch viel zu tun“. Sänger beklagt den fehlenden Zebrastreifen vor den Toren des Caritasheims, zu schmale Gehwege und die Nahversorgung in der Innenstadt. Generell sei die Bensheimer Innenstadt nicht sonderlich barrierefrei, stellt man gemeinsam in der Runde fest.

„wheelmap“ wenig bekannt

Doch was tut die Stadt Bensheim bislang für ihre Mitmenschen, die auf Gehhilfen oder einen Rollstuhl angewiesen sind? Auf der Homepage der Stadt Bensheim wird „wheelmap.org“ – eine Art behindertenfreundliches Google-Maps – als Hilfestellung für Menschen mit Gehbehinderung angepriesen. Nur leider scheint die Seite den wenigsten bekannt zu sein, vermutet Stehle. Tatjana Steinbrenner, Geschäftsführerin vom Kaufhaus Ganz, bemerkt beispielsweise, auf Stehles Anspielung bezüglich mangelnder Behinderten-WCs, dass eben diese im Erdgeschoss des Kaufhauses vorhanden seien. Von der städtisch beworbenen Plattform „wheelmap“ habe sie bis dato nichts gewusst.

„Meines Erachtens liegt es in der Verantwortung eines Behindertenbeauftragten und somit in der Hand der Stadt, entsprechende Eintragungen vorzunehmen“, so Stehle – oder zumindest Gewerbetreibende, Gastronomen und Bürger auf die Homepage aufmerksam zu machen, damit diese selbst vermerken können, wo gehbehinderte Mitmenschen barrierefreie Einrichtungen vorfinden. „Ich sehe hier noch viel mehr Handlungsbedarf“, hält Stehle fest.

Auch die Busanbindung sei nicht optimal, da die Busse nicht alle über eine Absenkung verfügen oder Schaltknöpfe auf niedrigerer Höhe für Rollstuhlfahrer vorweisen, führt Ulrike Schaider weiter ins Feld. Das Thema sei wortwörtlich abgefahren.

Das behinderten- und altersgerechte Wohnen gehört ebenfalls zu den Themen im gemeinsamen Dialog. Schaider stellt fest, dass es derzeit nicht genügend Anreize gibt, die private Investoren dazu motivieren würden, auf die Aspekte des behinderten- und altersgerechten Wohnens einzugehen. „Präventives Sensibilisieren wäre notwendig“, wendet sie ein.

Die Stadt könne bei großen Bauvorhaben durchaus Einfluss darauf nehmen, ist sich Stehle sicher. Dafür benötige es allerdings größeren politischen Willen. Für das anstehende Neubauprojekt der Caritas gibt es für die sieben alters- und behindertengerechten Wohnungen bereits knapp 80 Anfragen.

„Der demographische Wandel geht nicht an uns vorbei“, betont Stehle abschließend. „Da wir das wissen und bereits jetzt zahlreiche Baustellen diesbezüglich bestehen, müssen wir jetzt agieren, statt später einmal reagieren zu müssen!“ red

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