Bensheim

Kultur und Corona Der in Auerbach lebende Schauspieler genießt die Ruhe und arbeitet an neuen Programmen / Restaurierung eines historischen Zirkuswagens als laufendes Projekt

Stille, aber kein Stillstand bei Walter Renneisen

Archivartikel

Bensheim.Am 3. März hat er in der Alten Oper gespielt. Rund 700 Zuschauer genossen sein Hessen-Programm im Mozart-Saal. An diesem Tag hat Walter Renneisen seinen 80. Geburtstag auf der großen Frankfurter Bühne mit einer Benefizveranstaltung gefeiert. Danach traf ihn wie die meisten Kollegen eine neue Art Berufsverbot.

„Ich genieße die Ruhe“, sagt der Schauspieler in seinem Auerbacher Domizil. Ein relativer Begriff. Den seit die Theaterhäuser und Konzertsäle geschlossen haben, hat der Künstler seine Auftritte in ein anderes Genre verlagert: das Handwerk. Renneisen war schon immer ein Selbermacher. Bühnenbilder und Requisiten wurden eigenhändig angefertigt und repariert.

Der gesammelte Fundus lässt manchen Heimwerker blass aussehen: Kreissäge, Elektrohobel, Akkuschrauber, Stichsäge sowie Band- und Schwingschleifer liegen parat. Ganz neu ist ein professionelles Multifunktionsset mit unzähligen Funktionen. Das Taschenmesser des 21. Jahrhunderts. Renneisen nennt es augenzwinkernd „mein Teufelsgerät“.

Antiquität aus dem Jahr 1910

Laufendes Projekt: die Restaurierung eines historischen Zirkuswagens. Sinnbild für das unstete Leben des „fahrenden Volks“. Die Antiquität wurde um das Jahr 1910 in Frankreich gebaut. Ursprünglich ein Pferdefuhrwerk, wurde das Stück etwa um 1930 für den Transport mit motorisierten Zugmaschinen umgerüstet. In Renneisens Garten parkt es seit drei Jahrzehnten. „Wir haben es für die Kinder angeschafft. Daran hängen unzählige Erinnerungen“, sagt er im Overall mit Stirnlampe auf dem Kopf.

Der Bühnenmensch hat sich mit der Corona-Auszeit arrangiert. Er genießt sie sogar ein bisschen. Keine drängenden Termine, kein unentwegt nörgelndes Telefon, keine hektischen Veranstalter. Und keine Texte lernen müssen. Aber auch keine Auftritte und keine Gagen. „Stille, aber kein Stillstand“, kommentiert er die aktuelle Situation. „Aktuell“ ist gut: neun Monate schon geht die Kulturszene mit dem Virus schwanger. Für viele eine existenzielle Situation. Der Schauspieler blickt nicht in den Abgrund, im Frühjahr Premiere haben sollen. Doch dann kam Corona. Also mussten die Fundstücke von Goethe bis Schildger noch etwas in der Garderobe verweilen. Aber auch andere Pläne wurden vorerst auf Eis gelegt. Unter anderem eine kleine Gedichtsammlung mit Werken von Ernst Schildger und ein Band mit kurzen Geschichten.

Seine Stelle als vierter Turmschreiber der Stadt Darmstadt fiel im März ebenfalls genau in die Corona-Wehen. Das symbolische Amt, das seit 2013 alle zwei Jahre vom Förderkreis Hochzeitsturm für jeweils zwölf Monate vergeben wird, ist normalerweise von öffentlichen Lesungen geprägt. „Aus dem Kerl wird nix – Walter Renneisen erzählt aus seinem Leben“ wäre die erste Veranstaltung gewesen. Die Termine im Fürstenzimmer des Hochzeitsturms wurden alle auf 2021 verschoben.

Eine weitere „Heim-Arbeit“ konnte Walter Renneisen über den Sommer hinweg aber erfolgreich abschließen: Die neue Doppel-CD „Deutschland, Deine Hessen II“ ist im Eigenverlag „Renneisen Gastspiele“ erschienen. Ein inhaltliches Update seines Erfolgsprogramms. Denn die Bühnen-Lesung hatte sich über die Jahre so sehr verändert, dass sie mit der Dramaturgie der ersten Aufnahme kaum noch etwas gemein hatte. „Es war Zeit für eine Erfrischung.“

Der Live-Mitschnitt aus dem Darmstädter halbNeun-Theater vereinigt Texte, Aperçus, und humoristische Miniaturen mit viel Musik und biografisch gefärbten Erinnerungen des vielseitigen Künstlers, der für die Fortsetzung wieder tief in der hessischen Geschichte gegraben hat. Hintergründiger Witz und sprachliche Besonderheiten aus den Tiefen der hessischen Seele als feinsinnige Collage.

Wenn Humor die Fähigkeit bezeichnet, Unschönes und Bedrohliches gelassen und aus einer gesunden Distanz heraus heiter zu betrachten, dann ist diese Ressource für Resilienz bei Renneisen besonders ausgeprägt. „Ich gehöre ja gleich zweifach zur Risikogruppe“, sagt er bei einer Tasse Kurkuma-Ingwertee im Wintergarten seines Hauses.

In einer heruntergefahrenen Welt schätzt er die Abwesenheit jeglichen Drucks – den es in irgendeiner Form und Ausprägung immer gegeben hatte: in der Schule, im Studium, im Beruf. Hörspiel, Theater, Film und Fernsehen haben den freien Schauspieler stets begleitet und seinen Tagesablauf bestimmt. Morgens Theaterprobe, nachmittags Hörspiel, abends Vorstellung.

Der eigene Gastspielzirkus

Dann, vor etwa 20 Jahren, kam noch der eigene Gastspielzirkus dazu. Ein Tourneebetrieb mit Renneisen als Darsteller, Regisseur und Drehbuchschreiber. Auch Ehefrau Elisabeth war von Beginn an Teil des familiären „Ensembles“, hat den Bühnenaufbau geschmissen und für das rechte Licht gesorgt.

Die vier Kinder sind schon lange aus dem Haus. Sein jüngster Sohn Mathias ist wie der Vater Schauspieler geworden. Er lebt in Berlin und spürt Corona wie alle in seiner Branche in voller Härte.

„Es geht ans Eingemachte“, kommentiert Renneisen die allgemein schwierige Situation, deren Ende nicht absehbar ist. Der erfahrene Schauspieler, Sprecher und Musiker befürchtet, dass vor allem viele kleinere und privat geführte Häuser diese Durststrecke nicht überleben werden. Die Kulturlandschaft, auch in der Region, könnte nach der Pandemie eine andere sein.

Der Auerbacher Zirkuswagen hat die Zeit überdauert. Zwei Wochen vor Weihnachten ist der kreative Tüftler mit dem Innenausbau fertig geworden. Seit März war er fast täglich an der Arbeit. Zuletzt hat Renneisen eine Tür an der vorderen Front durch ein Fenster ersetzt. „Das war früher ein trockener Platz für den Kutscher.“ Der Kunst- und Kulturszene 2020 indes bläst gerade eine steife Brise um die Ohren. Vor allem die Freischaffenden sind durch Einnahmeausfälle stark betroffen.

Nun sind alle Blicke auf das nächste Jahr gerichtet. Der Schauspieler hofft auf ein Wiederaufflackern einer facettenreichen Live-Kultur mit Konzerten, Theatervorstellungen und Ausstellungen. Und auf einen Käufer für den Wagen im Garten. Im Innern ist das Schmuckstück so weit fertig.

„Den Rest überlasse ich dem neuen Besitzer.“ Der Restaurator weiß, dass es nicht unbedingt einfach sein wird, den vier Tonnen schweren Hänger aus dem Garten auf die Straße zu hieven. Denn als er damals angeliefert wurde, gab es den Vorbau am Wohnhaus noch nicht. Aber in der Welt der Kunst wurden ja schon bereits Dampfer über Berge gezogen. Sprich: Alles ist möglich. Auch ein baldiges Ende der Corona-Krise.

„Unverhofft“ komme entgegen aller Sprichworte alles andere als oft, so Walter Renneisen. „Aber wenn, dann immer überraschend.“ Er fange deshalb schon mal an, Trompete zu üben und Stimmübungen zu machen. Der Spieltrieb kitzelt. Den Enkeln führt er per Video-Stream kurze Puppentheaterstückchen vor. Neue Medien statt Alte Oper. Eine kleine Bühne als Ersatz für die große.

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