Bensheim

Erinnerung Statt einer öffentlichen Veranstaltung legten zwei Grünen-Vertreter am Gedenkstein ein Gesteck nieder

Stilles Gedenken an die Opfer der Kirchbergmorde

Bensheim.Wie so viele Veranstaltungen in diesem Jahr musste auch die traditionelle Gedenkfeier für die am Kirchberg ermordeten Menschen in diesem Jahr wegen der Corona- Pandemie abgesagt werden. Alljährlich laden die Bensheimer Grünen zu dieser öffentlichen Veranstaltung am Gedenkstein am Kirchberg ein. In diesem Jahr legten die GLB-Fraktionsvorsitzende Doris Sterzelmaier und Wolfram Fendler dort in aller Stille ein Gesteck nieder.

„Stellvertretend für die Millionen Menschen, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden, oder im Kampf gegen die nationalsozialistische Terrorherrschaft gefallen sind, wollen wir auch in diesem Jahr der Menschen gedenken, die am 24. März 1945, am Kirchberg ermordet wurden – drei Tage, vor der Befreiung Bensheims von der Terrorherrschaft der Nationalsozialisten durch amerikanische Truppen“, schreibt Wolfram Fendler in einer Pressemitteilung.

Rosa Bertram aus Worms, Erich Salomon aus Worms, Lina Bechstein aus Kriegsheim: Sie wurden ermordet, weil sie jüdischer Abstammung waren und die deutschen Nazis Juden als Opfer ausgesucht hatten, in deren Entrechtung, Verfolgung und Ermordung sie das deutsche Volk vereinigen wollten.

Gretel Maraldo aus Offenbach: Sie war in Darmstadt in einer Gruppe aktiv, die der Jugendbewegung „Weiße Rose“ zugerechnet wird. Im Januar 1945 wurde sie bei dem Versuch, in Richtung Schweiz zu fliehen, verhaftet. Sie wurde ermordet, weil sie dem Nationalsozialismusgegenüber kritisches Denken verbreitet hat.

Eugene Dumas und Lothaire Delaunay, französische Kriegsgefangene, Robert T. McDonald aus New York und William H. Forman aus Giles Plach, amerikanische Kriegsgefangene: Sie wurden ermordet, weil sie als französische bzw. amerikanische Soldaten gegen die Nationalsozialisten gekämpft hatten und in deutsche Gefangenschaft geraten waren.

Jakob Gramlich aus Bonsweiher, Walter Hangen aus Worms, Frederik Roolker aus den Niederlanden sowie drei namentlich nicht bekannte Opfer: Über die Hintergründe ihrer Ermordung ist nichts Weiteres bekannt. Zwei der Gestapo-Gefangenen, Johann Goral und Alex Romanow, konnten entkommen.

„Wir müssen in diesem Zusammenhang auch an die jungen Männer erinnern, die wenige Tage vorher als Fahnenflüchtige ermordet wurden, weil sie ihr Leben nicht im Endkampf zur Verteidigung der Herrschaft der Nationalsozialisten opfern wollten“, so Fendler.

Man müsse daran erinnern, dass die Macht der Nationalsozialisten in Bensheim noch drei Tage vor der Befreiung ungebrochen war, und dass das deutsche Volk nicht in der Lage war, sich selbst von der Herrschaft des Nationalsozialismus zu befreien. Die Befreiung musste unter großen Opfern durch russische, amerikanisch, britische, französische und Soldaten aus anderen Staaten erfolgen.

„Wir sind nicht für die Taten der Nationalsozialisten verantwortlich, aber wir sind dafür verantwortlich, dass die Erinnerung aufrecht erhalten wird und dass Lehren aus der Vergangenheit gezogen werden, damit sich Ähnliches nicht erneut ereignet“, betont Fendler.

„Die allererste Lehre, die wir ziehen müssen, ist, dass kein Terror so gefährlich ist, wie eine staatlich organisierte Terrorherrschaft.“ Daraus folge, Menschen Schutz vor Verfolgung zu bieten, die vor staatlichem Terror und Gewaltherrschaft fliehen. Das scheint laut Fendler auch in Deutschland mehr und mehr in Vergessenheit zu geraten. Stattdessen werde über sogenannte „Flüchtlingsströme“ berichtet und der sogenannte „Schutz der Außengrenzen“ gegen die Menschen organisiert, die aufgrund von Terrorherrschaft, Krieg, Hunger und Vertreibung fliehen. „Niemand verlässt seine Heimat freiwillig.“

Dass europäische Grenzschutztruppen systematisch Menschenrechte, europäisches Asylrecht und internationales Seerecht verletzen, sei inzwischen massenhaft belegt. „Dagegen wollen wir Bensheim und den Kreis Bergstraße zu sicheren Häfen machen. Wir leiden keine Not und haben die Mittel, allen Verfolgten eine Zuflucht gewähren zu können.“ Schutz der Außengrenzen sei keine moralisch akzeptable Rechtfertigung für das, was an den Grenzen der EU geschieht und auch nicht für die Zusammenarbeit mit dem autokratischen System in der Türkei, so die Grünen.

„Die nächste Lehre für uns ist, allen Versuchen, autoritäre und undemokratische Regime zu errichten, selbstbewusst entgegenzutreten und Menschen, die gegen autoritäre Regime und Terrorherrschaft in ihrer Heimat kämpfen, aktiv zu unterstützen.“ Man sehe beispielsweise, wie in vielen Ländern Liberalität, unabhängige Justiz, Meinungsfreiheit und demokratische Rechte von autoritären Regimes zunehmend abgeschafft werden. „Wir wollen deutlich machen, dass Verfolgte bei uns willkommen sind und wir Menschen unterstützen, die gegen autoritäre Regime in ihrer Heimat kämpfen“, betont Wolfram Fendler abschließend. red

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