Bensheim

Winzerfest dehaam Online-Verkostung erreicht großes Publikum / Auf Anhieb mehr als 2000 Aufrufe bei Youtube

Süffige Show rund um den Bergsträßer Wein

Bensheim.Rund 800 Weinpakete verkauft. Knapp 2000 Aufrufe auf YouTube. Eine starke Bilanz. Die Weinprobe zum „Winzerfest dehaam“ ging am Freitagabend als Live-Stream über die Bühne. Im Parktheater präsentierten elf Bergsträßer Winzer ihre Weine.

Bereits in den ersten Stunden während und nach der Übertragung wurde die Online-Variante auf YouTube fast 2000 Mal aufgerufen. Zahlreiche Menschen trafen sich zu Hause oder bei Freunden, um knapp zwei Stunden lang eine süffige Show rund um den Bergsträßer Wein mitzuerleben.

Wohnzimmer wurden zu Mini-Buchten mit Weck, Worscht und Woi. Andere sorgten im Garten für Winzerdorf-Atmosphäre im Kleinen. Der Winzerfest-Freitag stand auch in diesem besonderen Jahr im Zeichen des Rebensaftes. Die Heim-Version stieß auf große Resonanz und löste ein positives Echo aus.

Legerer Talk und Musik

Der Mix aus legerem Talk, viel Musik und kleinen Videoclips geriet kurzweilig und informativ, die Protagonisten plauderten munter drauf los, und auch technisch war der Stream höchst professionell gemacht: messerscharfe Bildqualität, weder akustisches noch visuelles Ruckeln oder Wackeln störte das Zuschauen.

Gemeinsam mit einer Arbeitsgruppe aus Winzern, Veranstaltern und Bürgern hat der Bensheimer Verkehrsverein ein außergewöhnliches Winzerfestprogramm gestrickt. Vom ersten Samstag bis zum letzten Sonntag servierte das Team täglich ein facettenreiches Liveprogramm mit Musik, Talks und Infos rund um den Wein und einem Gewinnspiel: die 3000 Teilnahmebändchen waren schnell ausverkauft.

Um 20 Uhr begrüßte Moderator Felix Gaudo die Daheimgebliebenen vor dem Bildschirm. Gemeinsam mit Winzerin Charlotte Freiberger (Deutsche Weinprinzessin 2017/18) führte er durch den ersten Teil des Programms, die eigentliche Weinprobe im Dialog mit den Winzern übernahm die amtierende Gebietsweinkönigin Heike Knapp.

Kurzentschlossene konnten noch zu Beginn der virtuellen Probe den mobilen Weinexpress ordern, der die Tropfen gut gekühlt vor die Haustür lieferte. Es gab also kaum ausreden, um nicht vor irgendeinem Monitor zu sitzen und dabei – zumindest aromatisch – die hiesigen Weinlagen zu durchstreifen.

Ein Blick auf die Kommentare der Zuschauer hat gezeigt, dass viele im virtuellen Corona-Fest auch Vorteile sahen: Man brauche diesmal keinen Babysitter, freute sich eine Mutter. Auch Führerscheine gerieten nicht in Gefahr, und so mancher Gastgeber klappte am späten Freitagabend das Gästebett aus. Viele schickten Fotos von weinseligen Freunden an reichlich gedeckten Tafeln. Über einen Chat waren auch Fragen an die Winzer möglich. Wie lange man denn Weine lagern könne, wollte einer wissen. Darauf Hanno Rothweiler augenzwinkernd: Am besten gar nicht lange lagern, sondern schnell trinken.

Nach einem langen Lockdown ohne Weinfeste, Gastronomie und andere Geselligkeiten war die Online-Variante auch für die Winzer eine willkommene Gelegenheit, ihre Weine vorzustellen und an den Mann beziehungsweise die Frau zu bringen.

Authentische Bucht

Von der Frontbühne schaltete Felix Gaudo in eine authentisch nachempfundene Winzerdorfbucht, wo Heike Knapp in wechselnder Runde in die Kamera prostete. Elf Weine in sechs Runden. Den Anfang machten Christina Lulay (Weinbau Koob in Heppenheim) und Johannes Bürkle vom Weingut Simon-Bürkle in Zwingenberg. Ein klassisches Intro mit zwei trockenen Rieslingen.

Die Heppenheimerin, die seit 2014 mit einem eigenen Betrieb am Start ist, hat die Öffnungszeiten ihrer Straußwirtschaft bis Mitte Oktober verlängert. „Unser Vorteil ist: wir haben viel Platz!“ Und Johannes Bürkle verriet, warum der Gutsriesling Granit heißt, der Flaschenverschluss aber seit Jahren aus Glas ist.

Für eine schöne Retrospektive sorgte Birgit Kissel. Die Tochter einer Weinbaufamilie aus Zwingenberg wurde 1986 zur Bergsträßer Weinkönigin gekrönt. Auf dem „Kopfsteinpflaster“ der Theaterbühne erzählte sie von einem Besuch im Bonner Kanzleramt und von der damaligen Winzerfestprobe im Bürgerhaus, wo sie zwischen Ehrenbürgermeister Georg Stolle und August-Heinrich Becker vom Verkehrsverein thronte.

Während ihrer Amtszeit fand auch jene folgenschwere Fahrt der Jungwinzer an die Ahr statt, bei der die Idee zur Bergsträßer Weinlagenwanderung geboren wurde. Damals litt die Weinszene noch unter den Auswirkungen des Glykol-Skandals: Einige österreichische Winzer hatten ihre Weine statt ausschließlich mit Zucker auch noch mit dem „Frostschutzmittel“ Diethylenglycol versetzt, etliche davon wurden von deutschen Großabfüllern mit anderen Weinen gemischt und vermarktet. Damals eine enorme Rufschädigung für den Weinbau, von dem er sich aber längst wieder erholt hat.

Blitzsaubere Exemplare hatten die beiden Ex-Weinköniginnen Charlotte Freiberger und Barbara Amthor aus Heppenheim mitgebracht. Der Grauburgunder spielt beim Traditionsbetrieb Freiberger nach dem Riesling schon die zweite Geige, während Barbara Amthor einen feinherben Weißburgunder ausgewählt hatte, der auch im ersten Bergsträßer Weinautomat vor dem Heppenheimer Betriebshof schlummert.

Nach dem „Corona-Blues“ vom Huub Dutch Duo begrüßte Heike Knapp Sebastian Jäger, den Junior aus dem gleichnamigen Bensheimer Familienweingut. Mit der Übernahme des Weinguts der Stadt Bensheim steht ihm und seinem Vater Michael ein spannendes neues Projekt ins Haus.

Einen Besitzerwechsel gab es im Juli auch im Weingut Mohr. Neuer Geschäftsführer ist Martin Simon. Jägers Roter Riesling aus einer kühlen Nische am Hemsberg stand ein Gelber Muskateller von Mohr gegenüber. Die beiden Bensheimer Höfe sind traditionell zwei zentrale Ballungsräume des Bergsträßer Winzerfests. „Der Zusammenhalt an der Hessischen Bergstraße ist einzigartig“, so Simon über die Unterstützung beim Neustart als Mohr GmbH.

Danach wartete ein Trip in das Burgund – jedenfalls sortentechnisch. Hanno Rothweilers Cuvée aus fast gleichen Anteilen Chardonnay und Weißburgunder (der Chardonnay hat drei Wochen neues Barrique geschnüffelt) zeigt leicht Vanillearomen. Der reinsortige Chardonnay von den Hessischen Staatsweingütern Domäne Bergstraße wächst auf der Monopollage Heppenheimer Centgericht, wie Judith Schoenherr erläuterte.

Nach einem netten Spot mit Kindern der Kita St. Albertus, die in „Dingsda“-Manier das Winzerfest erklärten, ging es langsam ins Finale. Und die Weine wurden etwas dunkler, sprich: rosé. Axel Seiberth (Weingut der Stadt Bensheim) schenkte mit dem feinherben Rotberger einen echten Winzerfest-Klassiker ein.

Ausflug nach Heppenheim

Sein Kellermeister Volker Dingeldey, der in Gronau unter eigenem Namen rund zwei Hektar bewirtschaftet, präsentierte einen Rotling aus weißen und roten Trauben. In diesem Fall aus Dornfelder und Müller-Thurgau. Auf seinen bevorstehenden Ruhestand angesprochen meinte Seiberth trocken: „Wein trinken werde ich ja weiterhin!“

Den Abschluss machte ein tiefdunkler Merlot aus dem Jahrgang 2017 von der Bergsträßer Winzer eG. Caroline Guthier, Deutsche Weinprinzessin 2015/16, stieß mit dem Rotwein aus der Lage Heppenheimer Steinkopf auch darauf an, dass die Brandschäden am Viniversum bald wieder beseitigt sind. Ein Feuer hatte die Genossenschaft mit ihren 380 Winzerfamilien im März schwer getroffen. Caroline Guthier, die mit Heike Knapp in der Winzerinnenvereinigung Vinas zusammenarbeitet, geht davon aus, dass die Vinothek ab Dezember wieder öffnen wird. Und alle Akteure hofften, dass das nächste Winzerfest – trotz gelungener Digitalisierung – wieder ganz altmodisch stattfinden kann.

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