Bensheim

Schöffengericht 36 Jahre alter Mann wegen räuberischer Erpressung zu einer Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt / Nächtlicher Überfall aus Verzweiflung

Täter und Opfer reichen sich die Hand

Bensheim.Dass sich Täter und Opfer im Gerichtssaal die Hand reichen, erlebt man nicht alle Tage. Auch nicht, dass sich ein Räuber freiwillig der Polizei stellt, obwohl es keinerlei Hinweise auf seine Identität gibt und er im Prozess nicht nur ein tränenreiches Geständnis ablegt und sich entschuldigt, sondern auch eingesteht, ein Buttermesser bei dem Überfall mitgeführt zu haben – obwohl er selbiges nicht einsetzte, es vom Geschädigten weder bemerkt noch jemals aufgefunden wurde.

Überrascht waren deshalb nicht nur der Gerichtsvorsitzende, Richter Gerhard Schäfer und Schöffen, auch Oberstaatsanwalt Klaus Tietze-Kattge sprach von einem „Eindruck der Umkehr und einer positiven Sozialprognose“ bei dem Angeklagten.

Dieser hatte am späten Abend des 2. Juli 2016 den Filialleiter eines Auerbacher Lebensmittelmarktes überfallen und ausgeraubt. Tatort war die Bensheimer Volksbank. Dort wollte der Kaufmann Tageseinnahmen in Höhe von rund 5000 Mark am Automaten einzahlen, als ihn ein Unbekannter von hinten mit der Faust auf Schulter und Kopf schlug, einen Großteil der auf dem Boden verteilten Geldscheine an sich nahm und flüchtete. Auf dem Weg zu seinem Fahrrad verlor der Räuber nicht nur einen Teil der Beute, sondern wäre auf der B 3 um ein Haar von einem Auto überfahren worden.

Das Schöffengericht in Bensheim verurteilte den bislang unbescholtenen Mann aus Seligenstadt wegen räuberischer Erpressung zu einer Freiheitsstrafe von eineinhalb Jahren auf Bewährung und folgte damit den Anträgen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung. Die Bewährungszeit beträgt drei Jahre. Außerdem stellte das Gericht dem Angeklagten einen Bewährungshelfer zur Seite, der ihm unter anderem bei der Klärung seiner Finanzen unter die Arme greifen soll.

Die für ihn aussichtslos erscheinende finanzielle Situation war es auch, die den 36-Jährigen, der seinerzeit in Alsbach wohnte, zum Täter werden ließ. Zur Tatzeit wurde der Groß- und Außenhandelskaufmann von mehreren Hehlern, denen er gegen Vorauszahlung und ohne Wissen seines ehemaligen Arbeitgebers Wandfarbe in großem Ausmaß schwarz verkauft hatte, massiv unter Druck gesetzt. Die Gläubiger forderten ihr Geld zurück, nachdem die bestellte Ware nach Auffliegen der Betrügereien nicht mehr geliefert wurde.

Der Angeklagte, der inzwischen Privatinsolvenz angemeldet und einen neuen Job hat, schilderte den nächtlichen Überfall als Verzweiflungstat. Als Ausweg aus seiner Lage sei für ihn damals nur Suizid oder Raub in Frage gekommen. Bei einem Gespräch zwischen Arbeitskollegen habe er zufällig „aufgeschnappt“, dass ein bestimmter Filialleiter am späten Abend Bargeld auf der Volksbank einzahlt – und dass er allein ist.

Als „blöden Plan“ bezeichnete er vor Gericht sein Vorgehen, während der Fußball-EM und des Spiels Deutschland gegen Italien seinen Coup zu landen. „Ich hatte komplett Angst“, beschrieb er seine Emotionen. Um unerkannt zu bleiben, hatte er sein Gesicht mit Kapuze, Rollkragen und Brille unkenntlich gemacht. Kleidung und Messer hatte er anschließend im Gebüsch und unter einem geparkten Wagen versteckt. Etwa 2000 Euro habe er erbeutet, die er umgehend an seine Schuldner gezahlt habe, so seine Aussage.

„Das bringt doch nichts“ und „Nimm und hau ab“, an diese zwei, an den Räuber gerichteten Sätze konnte sich der Auerbacher Kaufmann, der vor Gericht als Zeuge aussagte, erinnern.

Psychische Folgen habe der Überfall für ihn nicht gehabt, beteuerte er. Er führe sein Leben „ganz normal weiter“, habe weder Angst noch leide er unter Schlafstörungen. Die Entschuldigungen des Angeklagten nahm er an. Verwundert zeigte er sich allerdings darüber, dass ihn der Täter, der ihn zwei Tage beobachtet haben will, ausgerechnet an dem Bensheimer Geldinstitut abpasste. Normalerweise bringe er die Tageseinnahmen zu einer Auerbacher Zweigstelle.

„Ohne sie wäre die Tat nicht aufgeklärt worden. Es gab keinerlei Spuren“, erklärte Oberstaatsanwalt Tietze-Kattge in seinem Plädoyer. Dass er vom ursprünglichen Vorwurf der schweren räuberischen Erpressung abrückte und auf einen minder schweren Fall plädierte, begründete er mit „besonderen Umständen“ und der Tatsache, dass das kleine Messer, von dessen Existenz nur der Täter berichtet hatte, „eher ein Mutmacher“ war und nicht als Waffe zum Einsatz kommen sollte.

Richter Schäfer nannte das Messer „eine Art Rückversicherung“. Dass das Überfallopfer „ausgesprochen robust“ sei und das Geschehen gut weggesteckt habe, sei auch ein Glück für den Angeklagten, der sich aufgrund seines „schlechten Gewissens“ drei Monate nach der Tat der Polizei offenbarte.

In seiner Urteilsbegründung erklärte Schäfer: „Sie sind kein eiskalter Kerl, aber sie haben einen unglaublichen Bock geschossen.“

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