Bensheim

Interview Am 19. September ist der Tag der Zivilcourage / Von Bensheim aus werden bundesweit Initiativen und Aktionen vernetzt

„Unbequeme Tugend in der Demokratie“

Archivartikel

Bensheim.Der Ursprung liegt in Bremen. Vor acht Jahren richtete dort der Verein „Tu was! Zeig Zivilcourage“ erstmals am 19. September den Tag der Zivilcourage aus. Mittlerweile hat sich die Aktion in ganz Deutschland etabliert.

Das vor einem Jahr gegründete Courage-Office in Bensheim koordiniert die Veranstaltungen, leistet Netzwerkarbeit und bringt sich in gesellschaftliche Debatten ein. Im Vorfeld des Aktionstages sprach der BA mit den Mitgliedern des Courage Office – Salome Saremi-Strogusch, Liza Herzig, Sabrina Lehmann und Justus Becker – über Zivilcourage und die Ereignisse in Chemnitz.

Sie setzen sich mit dem Verein Fabian Salars Erbe und dem Courage Office für Zivilcourage in der Gesellschaft ein. Wo fängt für Sie Zivilcourage an und wo stößt ein solches Engagement an Grenzen?

Salome Saremi-Strogusch: Zivilcourage kann eine wichtige und unbequeme Tugend in einer Demokratie sein und im Alltag in unterschiedlichsten Situationen zum Einsatz kommen: In der Schule und im Büro im Fall von Mobbing und Ausgrenzung oder auch in der Nachbarschaft bei häuslicher Gewalt, am Stammtisch oder in der U-Bahn, wenn rassistische Äußerungen getätigt werden, innerhalb des Familien- und Freundeskreises bei Kindesmissbrauch. Zivilcourage beginnt immer dann, wenn man sich für andere einbringt und der Ungerechtigkeit eine Grenze setzt, ohne dabei Rücksicht auf etwaige negative Konsequenzen für sich selbst zu nehmen. Zivilcourage verlangt aber auch, in politischen Zeiten wie diesen nicht zu schweigen und bereit zu sein, sich für unsere Demokratie und die Würde des Menschen einzusetzen. Mit Blick auf die eigene Arbeit sind die limitierenden Faktoren derzeit vor allem Finanzen und Kapazitäten.

Sabrina Lehmann: Was ich noch hinzufügen würde: Das Wort Zivilcourage wird leider oftmals auch im anderen Kontext verwendet – von rechten Gruppen, AfDlern, dubiosen Selbstverteidigungs-Trainern. Das finde ich eher problematisch. Der Begriff an sich muss – eben durch solche Aktionen wie den Tag der Zivilcourage – positiver besetzt werden: Was bedeutet Zivilcourage und was bedeutet Zivilcourage nicht? Als Grenzen des Engagements sehe ich heutzutage zum einen Egoismus und zum anderen die Angst, sich selbst in Gefahr zu bringen.

Justus Becker: Zivilcourage muss der gesellschaftliche Schutz aller sein und ist im politischen Sinn auch ein wichtiges moralisches Bekenntnis zu einer freien, toleranten und friedlichen Gesellschaft. Zivilcourage ist keine Politik, sondern gesellschaftliches Engagement, darin sehe ich die Grenze.

Wie bewerten Sie die Vorfälle in Chemnitz, was kann aus Ihrer Sicht jeder Einzelne tun, um den Anfängen zu wehren?

Saremi-Strogusch: Die Vorfälle von Chemnitz sind nicht wirklich überraschend. Die rechte Szene hat ja nur auf ein derartiges Ereignis gewartet, um der Wut auf Asylanten, Migranten und Andersdenkenden freien Lauf lassen zu können und den Tod von Daniel H. für sich zu instrumentalisieren. Das was da gerade passiert, ist brandgefährlich für unser Land. Daher ist ein jeder gefordert, hinzusehen und klare Kante zu beziehen. Jeder einzelne ist daher dazu aufgefordert, Zeichen zu setzen. In Zeiten, in den Wahrheiten und Fakten keine Rolle mehr spielen, sondern Ängste, Vorurteile und Fake News in den Vordergrund rücken, sollte man sich unbedingt von Vernunft und seinem Herz leiten lassen und Verantwortung für unsere Demokratie übernehmen. Der Gemeinschaftssinn muss gestärkt werden, in Schulklassen, im Betrieb, in einer Gemeinde. Die Politik muss dies in breiter Front unterstützen.

Liza Herzig: Auch ich finde die Vorfälle in Chemnitz alles andere als überraschend, insbesondere leider in Sachsen. Aber auch hier bei uns im Umkreis (Odenwald, Pfalz) gibt es diese Tendenzen. Ich sehe die Probleme vor allem in meiner Generation, da wird gnadenlos weggeschaut nach dem Motto: „Da hab ich nichts damit zu tun, das ist in Sachsen.“ Mit diesen Menschen muss man reden, sie aufklären, was hier in unserem angeblich so offenen, toleranten und vielfältigen Land und auch in Europa aktuell passiert.

Nicht reden muss man mit denen, die rechte Parolen skandieren, den Hitlergruß zeigen, andere Menschen jagen oder auch den angeblich besorgten Bürgern, die sich in eine Reihe mit solchen Menschen stellen – diese sind für eine offene Gesellschaft aus meiner Sicht bereits verloren. Ich denke, nur landesweite massive und permanente Proteste nach dem Motto #wirsindmehr können eine Veränderung herbeiführen. Die Stimme des Hasses wird immer lauter, wenn wir sie lauter werden lassen. Und dann kommen üble Zeiten auf diese Gesellschaft zu. Es wäre nicht das erste Mal.

Becker: Wir müssen uns gegen ausländerfeindliche Hetze und gegen die Instrumentalisierung von Mitmenschen mit Migrationshintergrund als Sündenbock klar positionieren. Das bedeutet nicht, dass man linksradikal denken muss. Wir dürfen wegen sozialer Ungerechtigkeit und Ängsten von Bürgern nicht die komplette Gesellschaft in zwei Lager spalten.

Wie schätzen Sie auch nach den jüngsten Ereignissen die Situation in Deutschland in Sachen Zivilcourage ein?

Lehmann: Ein Kernproblem: Menschen haben zunehmend Angst und Sorge, man lebt in unsicheren Zeiten. Wie soll man da noch Zeit haben, zivilcouragiert zu handeln. Außerdem muss Zivilcourage für alle verständlicher und greifbarer werden – man muss den Menschen gleichzeitig die Angst nehmen und Handlungsideen mitgeben. Mitgefühl ist auch ein wichtiger Aspekt. Wer kein Mitleid empfindet, der wird auch Menschen in Not nicht helfen. Man kann durch Herzbildung die Stärkung der sozialen Kompetenzen, der Empathiefähigkeit fördern, die bereits im Kindergarten und später in den Schulen weiter trainiert werden können. Wichtig ist, dass die Bequemlichkeit Einzelner, die lieber einfach nur wegsehen, ein Ende finden muss. Wir können und dürfen es nicht den „Anderen“ überlassen, für unsere Freiheit einzutreten. Demokratie und Frieden sind, wie man aktuell sieht, eben nicht selbstverständlich, vielmehr müssen wir alle etwas dafür tun. Jeden Tag und überall. Schweigen ist out – aktiv werden ist gefragter denn je.

Herzig: Ich sehe das Kernproblem auch in Angst und außerdem sehr stark ausgeprägtem Egoismus. Den Begriff Zivilcourage kann man nur durch Aufklärung und Handlungstipps für mögliche (Gefahren)-Situationen greifbar und anwendbar machen. Passend hierzu finde ich auch noch das Zitat von Willy Brandt: „Wo die Zivilcourage keine Heimat hat, reicht die Freiheit nicht weit.“

Am 19. September wird der Tag der Zivilcourage begangen. Sie vernetzen bundesweit Vereine und Initiativen, die sich einbringen wollen. Was ist in Bensheim konkret geplant?

Lehmann: Bergstraße zeigt Courage: Zum achten Tag der Zivilcourage erwartet die Besucher am Bürgerwehrbrunnen in Bensheim eine bunte Kunstaktion im Zeichen des Mutes und der Solidarität. Quasi politische Bildung im öffentlichem Raum. Das Bündnis der verschiedenen Institutionen, bestehend aus dem Frauenhaus, dem Sankt-Albertus-Kindergarten, dem Haus am Maiberg, Showmaker Entertainment und Fabian Salars Erbe, setzt sich ein für „Mut statt Wut“ und gestaltet mit interessierten Bürgern kreative und kunstvolle Botschaften.

Als vielfältige, menschenfreundliche und antifaschistische Initiative gegen Hass, Gewalt und Fremdenfeindlichkeit werden die Statements rund um den Bürgerwehrbrunnen aufgestellt.

Sie hatten kürzlich Besuch von Professor Gerd Meyer, der das Buch „Mut und Zivilcourage“ verfasst hat. Welche Ratschläge konnte er Ihnen geben?

Saremi-Strogusch: Professor Meyer ist für uns eine Institution und ein Wegweiser in Sachen Zivilcourage. Er hat uns seine gesammelten Zeitungsberichte über Zivilcourage national und international sowie eine umfangreiche Literatursammlung überlassen. Er sagt, wenn Mutige Mut machen, dann ist das auch ein Hoffnungszeichen. Er hat viel über Rechtspopulismus und Extremismus mit uns gesprochen, und es gibt einfach Gruppen, die in einer eigenen Wahrheit leben, da kommt man auch nicht mehr mit Fakten durch. Das sehen wir auch so. Das treffen hat uns Mut gemacht. Die Arbeit ist nicht immer nur fröhlich – nicht in diesen Zeiten.

Was kann man hier vor Ort konkret unternehmen, um gesellschafts- und demokratiefeindlichen Entwicklungen entgegenzusteuern?

Saremi-Strogusch: Humane und demokratische Werte sind zu verteidigen, sich verantwortlich fühlen gegenüber dem Nächsten und dem Gemeinwohl. Wir müssen weg von einer Zuschauer- zur Teilnehmerdemokratie. Wir können uns stärker vernetzen und Aktionen organisieren, die das #wirsindmehr-Gefühl teilen. Bald sind Wahlen und wir wollen #wirsindmehr-Massen auch an den Wahlurnen sehen.

Herzig: Massive, permanente Proteste unter dem Motto #wirsindmehr. Außerdem besonders aktiv werden in den sozialen Medien, in regionalen Facebook-Gruppen, auf Seiten regionaler Medien. Immer mitmischen und dem Hass nicht die Oberhand lassen, weil man zu faul, ängstlich oder egoistisch ist, etwas dagegen zu setzen.

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