Bensheim

Kunst Von visionär-fantastisch über plastisch bis zu abstrakt / Die Bensheimer Kunstszene präsentiert sich vielfältig

Ungebremste schöpferische Energie

Bensheim.Sechs prominente Köpfe stehen beispielhaft für das facettenreiche Gesicht der Bensheimer Kunstwelt, die sich immer wieder verändert, häutet und neu erfindet – auf dieser Seite: Siegfried Speckhard, Birgit Metzler und Georg-Friedrich Wolf.

Siegfried Speckhardt

Rund um die alte Speckhardt-Mühle im Hochstädter Tal blüht und gedeiht die Natur als prachtvoller Paradiesgarten mit künstlerischer Note. Siegfried Speckhardt lebt in einem Schmuckstück. Seine schöpferische Energie ist ungebremst und bahnt sich weiter ihren Weg nach außen und innen. Im letzten Oktober hat er seinen 80. Geburtstag gefeiert. Der Maler, Grafiker und Plastiker hat die Kunstszene an der Bergstraße maßgeblich mitgestaltet und beeinflusst. 1971 hatte er, als erster Künstler überhaupt, im Parktheater ausgestellt. Speckhardts Arbeiten leben nicht nur im Gedächtnis der Bensheimer, sondern auch im öffentlichen Raum.

Mit seinen visionären und fantastisch-träumerischen Stahl-Bildern hat er eine markante Handschrift entwickelt. Sie entführen den Betrachter in ein metaphysisch aufgeladenes Reich des Unbewussten, Irrationalen und Visionären. Verloren und verlassen fühlt man sich trotz dieses visuellen Kontrollverlustes niemals. Der Künstler ermöglicht stets Fluchten und Auswege oder einen magischen Moment, der den Korridor ins Helle öffnet.

Der Bezug zum Material Metall geht auf Speckhardts Zeit als Grafiker zurück: In einem Firmenlager entdeckt er Blechplatten, deren glatt schimmernden Untergrund er mit einer Verbindung aus Öl und Lack überzieht. Damit erzielt er aufgrund des jeweiligen Lichteinfalls einen besonderen Effekt, der vor allem bei den großformatigen Bildern sichtbar wird. Bei Tageslicht beginnen sie regelrecht von innen zu leuchten, wobei der Künstler durch Aussparungen auf blankem Metall besondere Glanzlichter setzt.

Auf dem gebürsteten Aluminium erhält die Ölfarbe eine völlig neue Tiefe. Seine Formensprache abseits des Konventionellen mündet sehr oft in plastisch-dynamischen Kompositionen, die ein reges Interesse für die Elemente des Lebens offenbaren: Feuer und Wasser, Erde und Kosmos, Licht und Schatten sind die Vokale in seiner außergewöhnlichen Kunstsprache, die jenseits starrer Begrifflichkeiten auch das Unaussprechliche abzubilden weiß.

Speckhardts Werk ist geprägt von Gegensätzen. Fantasiegebilde und Traumwelten kollidieren mit realen Elementen und fusionieren zu einer ästhetischen Einheit, die den Betrachter zu ausgedehnten Reisen durch die Wahrnehmung lockt.

Die Spuren des Künstlers sind dabei immer sichtbar. Man erkennt den Musikfreund Speckhardt, begegnet Elementen aus Literatur, Religion und Mystik sowie einem großen poetischen wie ikonografischen Fundus. Aus Metall gestaltet er auch großformatige Objekte, die gleichsam wie eine dreidimensionale Übersetzung seiner Bilder erscheinen. Die Plastiken aus aufwendig aneinandergefügten Aluminium-Teilen werden vom reflektierenden Licht vitalisiert und regelrecht energetisch aufgeladen. Eine plastische Essenz von Speckhardts Kunst.

Birgit Metzler

Zum Greifen nah, plastisch und intim, gleichermaßen frech und ironisch, distanziert und ehrfürchtig: Birgit Metzler ist eine präzise Beobachterin mit einer verschmitzten Lust an doppeldeutigen Inszenierungen und augenzwinkernden Kommentaren. In ihren Bildern geht es fast immer um die Sensibilität der Wahrnehmung und die Ehrfurcht gegenüber den Inszenierungen der Natur. Dabei sind ihre Motive, so präzise und plastisch sie auch erscheinen mögen, kein Fotorealismus. Dafür sind sie zu malerisch und schwelgerisch in ihrem atmosphärischen wie ästhetischen Ausdruck.

Die freie Interpretation des Realen wurde in den vergangenen Jahren immer verlockender. Nicht selten erkennt man ein Reduzieren auf das Wesentliche oder auf spezifische Aspekte eines Dings. Metzler fokussiert, lässt weg, schneidet aus. Sie komponiert Augenblicke, die Zeit überwinden. Keine „gefrorenen Momente“ in einem fotografischen Sinne.

Ihre Bilder lenken den Blick auf das Wesen der Dinge, ihre puristische Essenz und vollendete ästhetische Eleganz. Dabei wirkt vermeintlich Vertrautes plötzlich fremd, scheinbar Alltägliches weltentrückt und rätselhaft. Bruchteile von Sekunden, die im Kopf des Betrachters eine ganze Geschichte erzeugen.

Die Malerin, geboren in Darmstadt und seit 1994 in Bensheim, saugt den Augenblick ein und öffnet dem Betrachter ein Fenster auf eine faszinierende andere Welt, in der er sich letztlich wiederfindet. Die Leinwand wird zur Projektionsfläche, zum Mikroskop und zur Bühne. Die Motive verlängern den Moment. Nach einer Ausbildung zur Schauwerbegestalterin studierte Metzler ab 1983 an der Fachhochschule Darmstadt Grafik-Design. Seit 1990 ist sie freischaffend als Künstlerin und Designerin tätig. Ihre nächste Ausstellung wird am 26. Oktober im Gertrud-Eysoldt-Foyer des Parktheaters eröffnet.

Metzlers jüngere Arbeiten zeigen einen gewachsenen Hang zum spielerischen Experimentieren mit Formen, Flächen und thematischen Bezügen. Die Motive wirken bisweilen aufgerissener, greller, strukturierter. Doch auch in dieser aktuellen – nennen wir es Etappe – bleibt sie eine Künstlerin, die der Realität mit maximaler Genauigkeit lebenswichtige Organe herausschneidet und sie gefühlvoll neu komponiert.

Georg-Friedrich Wolf

Frische Perspektiven und besondere Wahrnehmungsformen, die wie ein assoziativer Funkenflug einen monumentalen Gedankenprozess in Gang setzen können – in diesem Spannungsfeld atmet auch die Kunst des Bensheimer Stahlbildhauers Georg-Friedrich Wolf, oder einfach: Wolf. Seine Sprache ist die reine abstrakte Form. Das Werk als Konsequenz des eigenen Lebens. Seine Themen sind Kommunikation, Völkerverständigung und Toleranz. Die integrative Kraft der Kunst hat der Performance-Künstler und Stahlbildhauer aus Bensheim mit seinem Projekt „Odyssee“ zum Ausdruck gebracht, das jüngst in der Documenta-Halle in Kassel zu sehen war.

Angefangen hat alles im Odenwald. Hofgut Habitzheim in Otzberg. Wolfs Werkstatt. Vor fast genau zwei Jahren. Hinter dem landwirtschaftlichen Gutshof aus dem 19. Jahrhundert entsteht ein Kunstwerk von besonderer Art: 70 Flüchtlinge erschaffen eine massive Skulptur aus Holz und Stahl. Vier Monate lang wird an dem stilisierten Floß gearbeitet. Neun Meter hoch, sieben Tonnen schwer. Die Nägel wurden selbst geschmiedet. Ein archaisches Symbol, das älteste Verbindungselement der Menschheit seit der Eisenzeit. Ein Symbol für die Schicksale der Geflüchteten, und eine Chance für real gelebte Integration.

„Wir leben in einem Moment, in dem Verschiedenheit als Bedrohung und Hässlichkeit empfunden wird“, betonte Wolf bereits beim Start des Projekts. Mit seiner „Odyssee“ segelt er gegen die Wellen der Angst und fordert die Menschen dazu heraus, sich mit der Gestaltung einer offenen, vielfältigen und inklusiven Gesellschaft auseinanderzusetzen. Denn Kunst entfacht die Fantasie und öffnet neue Perspektiven. Durch Abstraktion motiviert sie zu einem neuen, barrierefreien Sehen.

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