Bensheim

Michaelskirche Oratorienchor überzeugt in Bensheim

„Vater unser“ äußerst eindringlich

Archivartikel

BENSHEIM.Mit einem raritätenreichen Programm in kammermusikalischer Besetzung überraschten Konja Voll und der Oratorienchor Bergstraße ihre Zuhörer beim Passionskonzert am Palmsonntag in der Michaelskirche. Barocke Werke von Samuel Scheidt und Heinrich Schütz plus Kompositionen von Frank Martin (1890-1974) und Peteris Vasks, dazu passende instrumentale Intermezzi des Organisten Wolfgang Portugall: Die Mischung vereinte 17. und 20. Jahrhundert auf dramaturgisch fein durchdachte Weise.

Monumentales von Scheidt

Halles einstiger Hofkapellmeister Scheidt (1587-1654) war mit drei Stücken aus seiner bedeutenden Sammlung „Cantiones sacrae“ von 1620 besonders repräsentativ vertreten – darunter als krönender Höhepunkt des einstündigen Programms die ausladende Motette „Vater unser im Himmelreich“.

Weniger monumental, aber keineswegs weniger eindringlich zeigten sich die konzerteröffnenden Scheidt-Motetten „Zion spricht, der Herr hat mich verlassen“ und „Und wenn mir gleich mein Herz zerbricht“. An der beachtlich sauberen Intonation und sehr klaren Artikulation konnte man hier schon ablesen, wie sorgfältig und detailgenau Konja Voll mit seinem 32-köpfigen Ensemble gearbeitet hatte.

Ausflug ins 20. Jahrhundert

Noch mehr beeindrucken musste freilich die finale „Vater unser“-Vertonung, deren exzeptionelle satztechnische und expressive Vielgestaltigkeit von den fabelhaft konzentriert singenden Choristen staunenswert flexibel und plastisch zugleich umgesetzt wurde. Eine schöne Ergänzung zu den von Wolfgang Portugall (Truhenorgel) und Mira Voll (Violoncello) begleiteten Scheidt-Motetten bildete Heinrich Schütz‘ wunderbar schlichte „Vater unser“-Version für Chor a cappella (SWV 429) aus dem Jahr 1657.

Das treffliche Leistungsvermögen der Oratorienchor-Kammerformation unterstrichen nicht zuletzt die orgelunterstützte „Vater unser“-Miniatur aus Frank Martins Oratorium „In terra pax“ (1944) und der herausragend stimmungsvolle A-cappella-Satz „Pater noster“ (1991) des stilistisch markant traditionsverbundenen Letten Peteris Vasks. Diese beiden gelungenen Ausflüge ins 20. Jahrhundert bleiben besonders im Gedächtnis.

Originelles auf der Orgel

Viel Sinn für originelles Repertoire bewies auch Wolfgang Portugall: zunächst auf der kleinen Truhenorgel mit Kabinettstückchen des Bologneser Kapellmeisters Giulio Cesare Arresti (1619-1701) und des Lully-Lehrers Francois Roberday (1624-1680), dann auf der großen Orgel mit Buxtehudes „Vater unser“-Choralvorspiel und zwei klangdelikaten Kostproben aus der 1953/55 entstandenen Sammlung „Préludes liturgiques“ des allzu wenig bekannten Vierne-Schülers Gaston Litaize (1909-1991).

Dem Schlussbeifall in der gut besuchten Michaelskirche ließen Konja Voll und seine Musiker als Zugabe noch eine Wiederholung der finalen neunten Strophe „Stärk unsern Glauben immerdar“ aus Scheidts „Vater unser“ folgen.

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