Bensheim

Vernünftig, aber bedauerlich

Das Spiel ist aus. Veranstalter Harry Hegenbarth hat sein Lieblingsfestival selbst abgepfiffen, bevor es ihn endgültig in den finanziellen Abgrund reißt – eine nachvollziehbare und vernünftige Entscheidung, die er streng genommen schon viel früher hätte treffen müssen.

Auch wenn er selbst am meisten mit diesem Entschluss hadert, weil mit Vogel der Nacht viele persönliche und familiäre Erinnerungen verbunden sind, gibt es zum jetzigen Zeitpunkt keine Alternative. Wenn die Ausgaben steigen und die Einnahmen schrumpfen braucht es kein abgeschlossenes Studium in Betriebswirtschaftslehre, um die Folgen absehen zu können.

Wiederbelebungsversuche aus romantischen Gründen sollte sich der 40-Jährige auch gar nicht erst antun, selbst wenn das allgemeine Bedauern in den nächsten Tagen lautstark zu vernehmen sein wird. Denn das Risiko trägt er beim jetzigen Konzept ganz allein. Einen neuen Anlauf kann es nur dann geben, wenn das finanzielle Fundament langfristig derart stabil ist, dass ein Tag Regen oder Hitze das fragile Gebilde nicht zum Einsturz bringen kann. Und eine Rettungsaktion auf ein Jahr befristet – wie etwa 2011 – hilft dem Vogel nicht wirklich aus der Patsche.

Mehr als ein Fest

Eintritt, höhere Preise auf Essen und Trinken, eine Fundraising-Aktion – vieles ist bereits diskutiert und verworfen worden. Letztlich ist es ohnehin die Entscheidung von Harry Hegenbarth, wie er sein Festival gestalten will. Wenn die Rahmenbedingungen eine Fortsetzung nicht mehr hergeben, muss eben die Reißleine gezogen werden – was in Bensheim zurzeit, ohne Themen vermischen zu wollen, höchst populär ist.

Nüchtern betrachtet geht damit bloß eine weitere Veranstaltung im Jahresverlauf flöten. Doch der Nachtvogel war mehr als ein Festival in einer an Feierlichkeiten nicht armen Stadt. Er war eine Mischung aus Open-Air-Wohnzimmer, Picknick-Wiese, Gute-Laune-Treff, Benefizaktion, hatte integrativen Charakter und immer die Kinder im Blick. Harry Hegenbarth und sein Team haben gezeigt, was mit kreativem Blick und Spielwitz im Stadtpark möglich ist. Und nebenbei noch 100 000 Euro für das Hospiz sammelt man nicht, indem man zu Hause die Füße auf den Tisch legt und das Beste hofft.

Herber Verlust

Für Bensheim ist die Absage ein herber Verlust – trotz Winzer- oder Bürgerfest. Wieder stirbt ein kulturelles Ereignis, das die breite Masse und vor allem Jugendliche und Kinder angesprochen hat.

Natürlich sollte man sich hüten, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Aber wenn man sich daran erinnert, wie viel Geld aus Verbands- und öffentlichen Kassen ins Landesturnfest Ende Juni geflossen sein müssen, nur um (überspitzt formuliert) Christina Stürmer und Co. vor 300 Zuschauern auf einer gigantischen Bühne am Festplatz zu bewundern, kann man schon verwundert den Kopf schütteln, dass es für ein lokales Aushängeschild und einen Sympathieträger wie den Nachtvogel offenbar nicht genügend Mittel gibt. Das kann man verstehen, muss es aber nicht.

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