Bensheim

Komödie Münchner Tourneetheater gastierte mit „Bis zum Horizont, dann links!“ und prominenter Besetzung im vollbesetzten Parktheater

Viel Beifall für eine lustige Rentnertruppe auf der Flucht

Archivartikel

Bensheim.Wenn sechs Alphatiere mit unterschiedlichen Marotten und Ticks auf engstem Raum zusammen leben, dann kann es schon einmal gewaltig krachen. Und wenn das Ü 70- beziehungsweise Ü 80-Sextett dann auch noch ständig gegängelt, mit Verboten und Regeln malträtiert und in die Schranken gewiesen wird, dann bahnt sich meist Ungemach an. Oder aber die aufmüpfigen Alten nehmen das Ruder selbst in die Hand, sagen der Seniorenresidenz Abendstern Ade, kapern ein Flugzeug und düsen ab in den Süden. Es lockt das Abenteuer, die tägliche „Bewegungsstunde“ ist für immer abgeschrieben.

Zumindest in der zartbissigen Boulevardkomödie von Siegfried Hauke – „Bis zum Horizont, dann links!“ nach dem gleichnamigen Kinofilm von Bernd Böhlich – klappt die Revolte. Und die unternehmungslustige Rentnertruppe genießt nach der rotzfrech inszenierten Entführung die Tage am Meer. Das Münchner Tourneetheater gastierte mit dem Stück und prominenter Besetzung im vollbesetzten Parktheater. Mit viel Humor – man könnte es auch Galgenhumor nennen – und coolen Sprüchen („Pensionäre sind wie nachwachsende Rohstoffe“, „Nett ist die kleine Schwester von Scheiße“ und „Besuch kriegt man keinen mehr, aber der Strom ist gesund“) bricht es eine Lanze für einen respektvollen Umgang mit dem Alter und pocht auf das Recht auf Erfüllung von Träumen.

Sinn und Zweck einer Komödie wäre verfehlt, wenn es kein Happy End geben würde. Regisseurin Ute Willing hat sich neben zwei kleinen Love-Storys einiges einfallen lassen. Um Medien und Polizei das Szenario plausibel zu machen, werden arabische Terroristen aus dem Hut gezogen. Und um die nötige Kohle für eventuelle Regressforderungen zu beschaffen, plant die Bande unter einem Pseudonym eine „plausible, wahre Geschichte über die Entführung“ zu schreiben. Vielleicht wird es sogar ein Bestseller? Kino- und Theaterbesucher jedenfalls lieben die mit leichter Hand geschriebene Story.

Publikumsliebling und TV-Ikone Horst Janson, der auch mit 84 Jahren noch immer nichts von seinem jugendlichen Charme eingebüßt hat, spielt in der Seniorenkomödie den aufmüpfigen Ex-Pilot Joseph Tiedgen, der wie sein aufgeblasener Zimmergenosse Willy Stronz (gespielt vom unverwüstlichen Harald Dietl, 86 Jahre) die Bevormundung im Heim gründlich satt hat. Tiedgen ist es auch, der das Kapern des historischen Flugzeugs in die Tat umsetzt.

Weitere Charakterköpfe, die von passiven Bewohnern des Seniorenheims, die mit ihrem Leben weitestgehend abgeschlossen haben, zu mutigen Abenteurern mutieren und ihr Leben genießen, sind die abgehalfterte, exaltierte Ex-Schauspielerin Fanny d`Artong (die Schweizerin Gaby Gasser) und die attraktive „Neue“, Annegret Simon, alias Marianne Rogée, ehemals Grand Dame der Lindenstraße. Den beiden attraktiven Diven ist die Lust am Spiel deutlich anzumerken. Von Routine oder Altersmüdigkeit keine Spur.

Auch das Ehepaar Herbert und Margarete Miesbach – er der ewige Grantler und Quertreiber, sie die Frau im Rollstuhl, die nur wenig spricht – hat die Nase endgültig voll von der ewigen Gängelei durch Schwester Amelie (Sarah Janson) und findet am blauen Meer neuen Lebensmut und wieder zueinander.

Die Theaterinszenierung lebt ganz klar von der erfahrenen Schauspieler-Crew, der Situationskomik, aber auch von den durchaus berührenden Momenten – und den bittersüßen Sprüchen wie „Unsere Kinder mögen uns nicht mehr, weil wir alt sind. Wir mögen unsere Kinder nicht, weil sie jung sind.“ Und: „Eines Tages sterben wir, aber alle anderen Tage leben wir.“ Am Ende der Aufführung gab es viel Beifall für das Münchner Ensemble.

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