Bensheim

Lesefestival Gaby Hauptmann las im voll besetzten Eysoldt-Foyer des Parktheaters aus ihrem aktuellen Roman „Lebenslang mein Ehemann?“

Von Hochhaus-Hyänen und Leih-Omas

Archivartikel

Bensheim.Wer bislang keinen Schimmer von „Hochhaus-Hyänen“ hatte und womöglich an vierbeinige Raubtiere gedacht hat, die sich in einen der Betonklötze verirrt haben, der wurde jetzt von Gaby Hauptmann eines Besseren belehrt: „Hochhaus-Hyänen“ haben zwei Beine und den gewissen Blick. Es sind „aufgespritzte Frauen“, die auf ihre Beute, den Businessmann im Anzug, mit glatt polierten Schuhen „und ganz wichtig ist die Uhr“ und natürlich das pralle Bankkonto, warten und bei erster Gelegenheit zum Angriff übergehen.

Der deutlich sichtbare Streifen am Finger, der darauf hindeutet, dass dort bis vor kurzem ein Ehering steckte, ist kein Hindernis für den Traum von einem besseren Leben. Als Gegenleistung für Luxus-Appartement und Diamanten gibt’s für den Lover „besten Sex, häppchenweise und mit Luft nach oben. Türchen für Türchen, wie beim Adventskalender.“ Schließlich stirbt die Hoffnung zuletzt, und die Hinhaltetaktik hat einen Grund: Ziel der „Hochhaushyänen“ ist der Rollentausch von der Geliebten zur Ehefrau.

Amanda heißt die „Hochhaus-Hyäne“ im neusten Roman „Lebenslang mein Ehemann?“ von Bestsellerautorin Gaby Hauptmann, aus dem sie im Rahmen des Lesefestivals im proppenvollen Eysoldt-Foyer im Parktheater erstmals überhaupt in der Öffentlichkeit las („eine echte Premiere“) – und dabei durchaus nicht nur die gierige, sondern auch die verletzliche Seite der „Jägerin“ aufzeigte. Neben Amanda kommt in dem Buch im Wechsel Sanne, die betrogene Ehefrau, zu Wort. Statt den reuigen Rückkehrer im Ehebett wieder aufzunehmen und das alte Leben fortzusetzen, lässt sich Sanne als Granny-Au-Pair beziehungsweise deutschsprachige Leih-Oma auf ein Abenteuer bei einer chinesischen Familie in Shanghai ein. So viel zur Rahmenhandlung.

Christoph Breitwieser, einer der beiden Organisatoren des Lesefestivals, stellte den Zuhörern die Schriftstellerin, Journalistin, Moderatorin und „wichtige Literarin im Wohnzimmer der Stadt Bensheim“ mit kurzen Worten vor. Mehr als 40 Bücher – darunter die Jugendbuchserie Kaya – hat die Beziehungsexpertin vom Bodensee geschrieben. Über sieben Millionen Exemplare wurden weltweit verkauft und in 35 Sprachen übersetzt.

Fahrt aufgenommen hat ihre Karriere mit dem Überraschungsbestseller „Suche impotenten Mann fürs Leben“. Es folgten unter anderem „Nur ein toter Mann ist ein guter Mann“, „Ein Liebhaber im Bett ist noch zuviel“ und „Scheidung nie – nur Mord“. Begonnen hat Gaby Hauptmann ihre Laufbahn als Journalistin beim „Südkurier“, später hat sie für das Fernsehen gearbeitet. Was sie übrigens heute noch tut. Im SWR interviewt sie jeden Samstagabend in der Sendung „Talk am See“ fünf prominente Gäste.

Witzig und flott geschrieben

Die Story im gedruckten Neuling, die auf den ersten Blick ziemlich trivial klingt, ist tatsächlich äußerst unterhaltsam, witzig, flott geschrieben und gespickt mit seriös recherchierten Hintergrundinformationen – inklusive Quellenangaben und Beratung durch China-Kenner – über Leben und Gewohnheiten, Sitten und Bräuche im Land der aufgehenden Sonne, angefangen von der Esskultur (Entenkopf in der Suppe und panierte Hühnerfüße) bis hin zur politischen Diktatur und Festnahme von unbequemen Widersachern. Titelfigur Sanne nimmt dabei die Stelle einer neugierigen Beobachterin ein, die alles in sich aufsaugt – und sich wundert –, ohne das Fremde zu bewerten.

Eingebettet in die ebenso spannende wie humorig erzählte Geschichte über Sannes Auszeit, über Hausangestellte, die sich gern westliche Namen geben (Beispiel Lieselotte), über das Entenpärchen Hänsel und Gretel, Kinder, die auf Erfolg gedrillt werden und keine Zeit zum Toben und Fantasieren haben, führt Hauptmann den Lesern das moderne, pulsierende China vor Augen, das geprägt ist von seiner Jahrtausende alten Kultur und Tradition. Eine kleine Lovestory mit einem gut aussehenden Professor gab’s obendrein. Mit dem Satz, „Ich hatte längst vergessen, dass Küsse so schmecken können“, beendete Hauptmann die Lesung und bedankte sich bei allen, „die heute dabei sind“.

Rotwein als „Dopingmittel“

Dass die Erfolgsautorin nur zwei Tage nach ihrem Besuch auf der Frankfurter Buchmesse und während ihrer großen Lesereise kreuz und quer durch die Republik „sagenhaft erkältet“ in Bensheim eintraf, um aus ihrem erst im August erschienen Buch „Lebenslang mein Ehemann?“ zu lesen, schmälerte ihre gute Laune keineswegs. „Ich habe Dopingmittel dabei“, erklärte sie schmunzelnd mit kratziger Stimme und nippte genussvoll an einem Gläschen Rotwein von der Bergstraße.

Mit einer heiteren Anekdote über ihre erste Zeit als Moderatorin und das Interview mit dem späteren Bundeskanzler Gerhard Schröder („Wenn Sie Kanzler werden, werde ich Familienministerin“) sorgte Hauptmann für große Erheiterung bei den Besuchern. Viele Jahre später sei man sich in Stuttgart wieder begegnet – Schröder diesmal mit fünfter Ehefrau. Von ihr angesprochen, habe der Ex-Kanzler glaubhaft versichert, das Buch „Nur ein toter Mann ist ein guter Mann“ nicht zu kennen.

Quasi als Sahnehäubchen vor dem Nachhauseweg („Wollen Sie noch oder rutschen Sie schon auf dem Stuhl herum?“) las Gaby Hauptmann ihre wunderbare erotische Kurzgeschichte „Leidenschaft in Rot“. Sie handelt von Schuhen, Träumen, die kurz vor ihrer Erfüllung vor dem Zerplatzen stehen und einer langen Ehe und Liebe, die nicht viele Worte braucht und vom Überraschungsmoment lebt.

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