Bensheim

Konzert Der schottische Song-Poet Derek William Dick alias Fish gibt im ausverkauften Bensheimer Musiktheater Rex ein großartiges Konzert

Wenn Smartphones blitzen, steppt der Bär

Bensheim.Er sieht aus wie ein großer, gemütlicher Bär, den so schnell nichts aus der Ruhe bringen kann. Filmaufnahmen mit dem Handy während seines Konzerts mag Fish allerdings überhaupt nicht. Nach einigen Stücken hält es der hünenhafte schottische Song-Poet am Donnerstagabend im Musiktheater Rex für nötig, verbal gegen die störenden externen Lichtquellen im Publikum vorzugehen. Er hebt an zu einer kurzen mit dem F-Wort durchzogenen Schimpftirade. Man sei hier nicht bei einem Filmset, sondern bei einem Rockkonzert, erklärt er zweisprachig, Englisch und Deutsch. Und bei einem Rockkonzert gehe es darum, sich ganz auf die Musik einzulassen und den Augenblick zu genießen. „Enjoy the moment“, sagte er ans ausverkaufte Haus gerichtet und entschuldigt sich anschließend für seinen kleinen Ausbruch. „Das musste sein.“

In jungen Jahren Bad in der Menge

Derek William Dick, wegen seiner angeblichen Leidenschaft für ein ausgiebiges Bad in jungen Jahren mit dem Namen Fish bedacht, und seine Crew werden geradezu euphorisch empfangen in der alten Güterhalle. Als Fish die Bühne betritt, wird er lautstark bejubelt, die Hände gehen nach oben, er nimmt die Vorlage auf und hat das Publikum sofort im Griff. Das Rex bekommt zum Start das, was es erwartet, „Slainte Mhath“, einen Song von Marillion. Das kommt prächtig an, die anfänglichen Tonprobleme sind rasch behoben. Der zweite Vortrag, „Man with a Stick“, ist ein unbekanntes Werk von seiner neuen, noch im Entstehen begriffenen Solo-Platte. Das auf musikalische Zeitreise in die eigene Jugend eingestellte Publikum begleitet das eingängige Lied wohlwollend, ist aber spürbar auf Marillion programmiert.

Von 1981 bis 1988 war Fish Sänger der britischen Neo-Prog-Rock-Band, deren Konzept-Album „Misplaced Childhood“ (1985) ein großer kommerzieller Erfolg war. Bei seiner aktuellen Konzertreise durch Europa performt Fish ausschließlich Marillion-Stücke von „Clutching at Straws“, seiner letzten Platte mit der Formation (1987), und garniert das Ganze mit Liedern von seinem aktuellen Solo-Projekt „Weltschmerz“; die Doppel-CD soll Mitte des nächsten Jahres erscheinen. Zusammengefasst nennt sich die Tour „Weltschmerz/Clutching at Straws 2018“, angekündigt als Abschiedstournee von Fish als Live-Musiker.

Clutching at Straw, ebenfalls ein Konzept-Album, das die Höhen und vor allem die Tiefen des fiktiven Charakters „Torch“ zum Inhalt hat, wird im Rex in seiner Ur-Fassung, wenn auch in veränderter Reihenfolge, komplett gespielt. Steve Vantsis (Bass), Robin Boult (Gitarre), Gavin Griffith (Drums) und Fos Patterson (Keyboard) meistern die komplexen Songs mit ihren melodischen Besonderheiten souverän. Doris Brendel, die zuvor als Support mit ihrer eigenen Gruppe aufgetreten war, verstärkt mit ihrem facettenreichen Background-Gesang und ihrer irischen Tin Whistle (Schnabelflöte) an der einen oder andere Stelle den magischen Sound.

Fishs charakteristische Stimme ist fest und sicher, die längeren Instrumental-Passagen nutzt der 60-Jährige für kurze Auszeiten auf einem Barhocker. Zwischendurch erzählt er die eine oder andere Geschichte. Dass er in der Schule Deutsch gelernt hat, dass er nach zwei Flaschen Wein perfekt Deutsch spricht, dass er mit einer deutschen Frauen verheiratet ist, dass er als Schotte den Brexit „stupid“ findet und dass Marillion-LPs immer genau 46 Minuten dauerten, damit die Scheibe nicht komplett auf eine Seite einer 90-Minuten-Musikkassette passte.

Vom Weltschmerz-Album – eine Extended-Play-Version (= ein Tonträger zwischen Single und Album) wurde kurz vor Beginn der Tour veröffentlicht – spielt Fish „C-Song“ und das von Hans Falladas Roman „Kleiner Mann – was nun?“ inspiriere Stück „Little Man what now?“ Die Highlights des Abends sind die Clutching at Straws-Nummern, die vom Rex begeistert gefeiert werden: Das epische, verzaubernde „Warm wet Circles“, „The last Straw“ oder „Sugar Mice“; „Incommunicado“ bildet das wuchtige Finale eines großartigen Gigs.

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