Bensheim

Wirtschafts-Vereinigung Business-Treff drehte sich um das Für und Wider mobiler Kommunikation

Wer immer online ist, riskiert einen Absturz

Archivartikel

Bensheim.Einfach mal abschalten. Den leeren Akku offline aufladen. Alle Verbindungen kappen und die Alarmbereitschaft stummschalten. Das können viele Beschäftigte nicht mehr. Auch nach Feierabend rechnen sie noch damit, dass der Chef anruft oder ein Kollege eine wichtige Nachricht schicken könnte. Sie checken Firmen-Mails, obwohl sie gerade Urlaub machen oder auf der Feierabend-Couch sitzen.

Das muss nicht zwangsläufig schlimm sein. Smartphone und E-Mails machen es für viele einfacher, Familie und Beruf zu vereinbaren, weil sie im Home-Office arbeiten können. Doch mehr Flexibilität und Freiheit hat auch eine Kehrseite. Wer immer erreichbar ist, gefährdet sein psychisches Befinden und kann seine Work-Life-Balance aus dem Gleichgewicht bringen, sagt Elke Kirchner. Sie ist Coach und Expertin für psychologische Unternehmensberatung. Beim jüngsten Business-Treff der Wirtschafts-Vereinigung Bensheim (WVB) referierte sie über die Herausforderung, wie man im Job intelligent mit Handy und Co. umgehen kann, ohne sich von der pausenlosen Vernetzung auffressen zu lassen.

„Alles, was mit Druck passiert, wird im Ergebnis erdrückend sein“, betonte die Psychologin, Pädagogin und langjährige Unternehmerin vor zahlreichen WVB- Mitgliedern in der Villa Lacus. Das Thema hat seine Reizwirkung nicht verfehlt. Kaum eine Branche, die von der digitalen Transformation nicht betroffen ist – die verstärkte Nutzung des Handys und Smartphones seit Ende der 90er Jahre war gleichsam der Prolog dieser Entwicklung. Die Folge: auf die gesetzlichen Arbeitszeitregelungen können sich Beschäftigte längst nicht mehr verlassen. Die Möglichkeiten der Technik lassen die Grenzen zwischen Ruhe- und Arbeitsphasen verschwimmen. Ein Handy ist immer dabei, eine E-Mail schnell geschrieben.

Stressbelastung wächst

Studien kommen zu dem Ergebnis, dass bei Mitarbeitern, die immer erreichbar sind, Anzeichen von Burn-out und Erschöpfung häufiger und früher auftreten. Durch die ständige Rufbereitschaft wächst die Fremdbestimmung und damit auch die Stressbelastung, sagt Elke Kirchner. Das führt zu Schlafstörungen, Unruhe und Anspannung. Auf IT-Deutsch: Wer immer online ist und das System niemals herunterfährt, riskiert einen heftigen Absturz. Da hilft dann auch kein Virenschutz mehr.

Im Jahr 2016, so verrät die Referentin, gab es in deutschen Betrieben erstmals mehr krankheitsbedingte Fehltage aufgrund von psychischen Belastungen als durch körperliche Probleme. Kranke Mitarbeiter belasten Unternehmen sowohl auf der Kostenseite wie auch in Bezug auf die Produktivität und beeinflussen so das gesamte Klima am Arbeitsplatz, so die Beraterin.

Gab es 2007 noch insgesamt 42 Millionen Arbeitsausfalltage, so hat sich die Zahl bis 2017 auf 107 Millionen gesteigert. Wirtschaftlich macht das einen Verlust von rund 34 Milliarden Euro, so Elke Kirchner bei der WVB. Unterm Strich gehen mehr als die Hälfte aller Frühverrentungen auf das Konto von psychischen Erkrankungen. Das sind mehr Ausfälle als durch Krebs oder „Rücken“.

„Der Mensch braucht Freiräume“, betont Daniela Kohl. Mit ihrer Firma entwickelt sie branchenspezifische Erreichbarkeitskonzepte und maßgeschneiderte Modelle für einen Kundendialog, der ein Unternehmen von zeitraubenden Organisationsaufgaben entlastet. Dazu gehört vor allem die telefonische Erreichbarkeit, die für den Kunden ein hohes Merkmal von Servicequalität darstellt. Neue Arbeitsmodelle bedürfen einer flexibleren Kommunikation mit anderen „Geschäftszeiten“, so Kohl. Die Auslagerung der Kundenkontakte könne eine Lösung sein, damit Mitarbeiter stressfrei und ohne dauernde Klingeltöne ungestört arbeiten können.

WVB-Vorsitzender Jan Siefert dankte den Referentinnen für den informativen Input. Danach blieb wie gewohnt noch genug Zeit zum Netzwerken und Vertiefen der frisch gewonnenen Kontakte.

Zum Thema
Das Wichtigste von heute
Newsticker Bergstraße
Newsticker überregional
Meistgelesene Artikel
Neueste Artikel